Vogelperspektive und Nabelschau

28. April 2003, 16:21
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Zwei Hauptpreise und zwei Anerkennungen gab es beim internationalen Mode- und Designwettbewerb "the enfashioned self" des Projektes "selfware." im Rahmen von Graz 2003.

Im Rahmen von "Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas" wird am 30. April in der Helmut-List-Halle das ambitionierte Projekt "selfware. politics of identity" vorgestellt, das sich gleichzeitig auf vier Ebenen - style, sound, games und visuals - auf die Suche nach der Entstehung von Identitätsprofilen in der Medien- und Konsumgesellschaft begibt. Die Fragestellung lautet: Wird das Ich wirklich zu einer flüchtigen, modischen Konstruktion, zu einem Medienphantom und einem Konsumangebot? Oder sind Flexibilität, Flüchtigkeit und Coolness lediglich neue Formen der Disziplinierung und der "Normalität"?

Die Veranstalter, die offene Grazer Initiative zur Förderung von Medienkultur "midihy" und das network visueller Medien "mvd", sehen "selfware." als kulturkritisches Vorhaben, um vor allem Symbolpolitiken von Mode, Design, Musik und Kunst transparent zu machen und Spielräume für subversive Gegenentwürfe aufzuzeigen.

Einen Schwerpunkt des Projekts bildete ein groß angelegter, anonymer, internationaler Mode- und Designwettbewerb, der einen Vergleich mit Ausschreibungen im Bereich der Architektur durchaus standhält. Eine kompetente, internationale, transdisziplinäre Jury - der belgische Modedesigner Dirk Van Saene, die Stylisten Ines Kaag und Désiree Heiss des Labels Bless (A/D), der spanische Designer Marti Guixe, der niederländische Künstler Joep van Lieshout und der Medientheoretiker Karel Dudesek (A) - vergab im Dezember 2002, bei 240 eingereichten Projekten aus ganz Europa, Japan, den USA und Indien, ex aequo zwei Hauptpreise (je 7500 Euro) und zwei Anerkennungen (je 2500 Euro), gestiftet von Kastner+Öhler.

Die beiden Hauptpreise gingen an zwei Projekte, die unterschiedlicher nicht sein könnten - Vogelperspektive versus Nabelschau. Die Wiener Künstler Wally Salner und Johannes Schweiger nehmen mit der dreiteiligen Serie "constructed normality" nahezu exemplarisch die in der Ausschreibung formulierte Rolle von Mode und Design als Beschreibungssystem von sozialen Subjekten und als öffentliches Statement zu Politik, Ökonomie und Konsum vorweg. Nebenbei unterwandert "fabrics interseason", so das Label der beiden, in distanzierter Gelassenheit mit legendären Projektfoldern, die nun schon seit 1998 ihre Kollektionen begleiten, das Genre "Look Books".

Die aktuelle Kollektion, # Club Med / Chlor, nimmt die Idee des Ferienklubs zum Ausgangspunkt einer kritischen Überarbeitung von Freizeitkultur. Freizeitmode scheint vom Außerkraftsetzen von Modecodes zu sprechen. Der Ferienklub als Synonym für eine hedonistische Kultur, die scheinbar alle Bedürfnisse befriedigt und eine soziale Utopie der Befreiung darstellt, zeugt im Grunde aber lediglich von der organisierten Bestätigung von Normen, indem sie auf Zeit außer Kraft gesetzt werden. Wally Salner und Johannes Schweiger gestalten über die kritische Affirmation modischer Versatzstücke alternative Images, die die Dekonstruktion dieser normierten Oberflächen vorantreibt.

Die an der Rietveld Akademie Amsterdam diplomierte Modedesignerin Emmeline de Mooij hingegen schafft mit ihrer Installation aus Kleidung, Accessoires und Objekten einen sehr persönlichen, ästhetischen Raum innerer Ambivalenzen. Ihrem Projekt "Dress and Undress" geht ein Lifestyle-Grundsatz voraus, demzufolge der Geschmack den Dingen wieder eine Logik verleiht.

Der Niederländer Gertjan Nijhoff mit Architekturstudium in Delft teilt den Anerkennungspreis mit der Zobernig-Schülerin Lena Knebl, die parallel zum Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien an der Universität für angewandte Kunst bei Raf Simons Modedesign betreibt. Nijhoff analytisches Projekt "Choose-Decide-Act" vermittelt äußerst reduziert das Unausweichliche von Wählen-Entscheiden-Handeln. Die Metapher der Do-it-yourself-Sohlen zeugt von der integralen Beziehung mit unserer Umgebung als ein Voranschreiten von Passivität zu Aktivität.

Lena Knebl wiederum demontiert in "Illusion of Safety" in sehr subtiler Weise die Sicherheit vermeintlich süßer und gewohnter Bilder. Sie überarbeitete Laura-Ashley-Tapeten, indem sie Teile der idyllischen Landschaften und Szenen mit in Laura-Ashley-Bildsprache übersetzten Kriegsbildern ersetzt. Die Tapete, als Synonym für einen bürgerlichen Lebensstil mit impliziertem Bedürfnis nach Sicherheit, wird durch den kaum merklichen Austausch von Kampfflugzeugen, wo eigentlich Vögel sein sollten, neu kodiert.

Die Preisverleihung und Präsentation der durchgehend spannenden prämierten Projekte bilden den Auftakt von "selfware." Erste Einblicke in die selfware-Themen geben Fuchs-Eckermannn mit dem Computerspiel "fluID", 242.pilots (D/US/ NL) zu "selfware.visuals" und Luke Vibert (London) zu "selfware.sound". Identität ist ein Bauwerk, so die Kuratoren Reinhard Braun und Michael Rieper, dessen stil-und medienbedingte Konstruktion ab dem 15. Mai in einem sechswöchigen Programm quer durch die kulturellen Felder untersucht wird. Fortgeführt wird das Projekt im Palais Thienfeld mit Vorträgen, Workshops, Performances, Installationen, Filmen, Videos und Sound-Performances und einer "selfware.edition" aus Vorschlägen der Preisträger/innen. (DER STANDARD/rondo/Ursula Graf/25/04/03)

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