Balladen für die Ewigkeit

24. April 2003, 17:49
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... zum Weinen schön: "Falling In Love Is Wonderful" von Jimmy Scott

Über 40 Jahre hat es gedauert, bis eines der sagenumwobensten Alben der Musikgeschichte nun endlich regulär veröffentlicht worden ist. Wer bis dato eine der seltenen Originalkopien von Falling In Love Is Wonderful haben wollte, musste ab 800 US-Dollar aufwärts dafür bieten. Unter dem Ladentisch. Dabei eilt "Little" Jimmy Scotts 1962 unter der Regie von Ray Charles eingespielter (Jazz-)Balladensammlung ein ähnlicher Ruf voraus, wie er sonst nur den ganz großen Namen zugesprochen wird. Das hier ist Crooning, die hohe Kunst des zu Jahrhundertkitsch verdichteten Herzschmerzes - wie ihn sonst nur Frank Sinatra auf In The Wee Small Hours zu schöpfen vermochte oder Billie Holiday auf Lady in Satin - oder auch Ray Charles selbst auf The Genius Of Ray Charles.

Für die Karriere von Jimmy Scott war die Veröffentlichung dieser zehn Songs 1962 karrieremäßig jedenfalls tödlich. Abgesehen davon, dass er aufgrund einer seltenen Hormonstörung, dem Kallmann-Syndrom, noch im reifen Mannesalter wie ein Knabe wirkt und aufgrund eines fehlenden Stimmbruchs singt wie eine Frau. Diese Außenseiterrolle sorgte schon in den 50er-Jahren gehörig für Verwirrung, als er als Sänger der Bigband von Lionel Hampton Kolleginnen wie eben Billie Holiday oder Dinah Washington zu glühenden Verehrerinnen seiner Kunst machte. US-Starproduzent Quincy Jones, damals als Trompeter bei Hampton beschäftigt: "Jimmy war ein Engel, Abend für Abend brach er mir das Herz."

Der anstehende Durchbruch wurde damals allerdings jäh gestoppt. Aufgrund eines bestehenden und über folgende Jahrzehnte nicht auflösbaren Vertrages mit Scotts alter Plattenfirma musste Ray Charles die Platte nach wenigen Tagen wieder vom Markt nehmen und einstampfen lassen. Scott wurde aus Rache daran gehindert, weiter Platten aufzunehmen. Die schmerzensreiche, gebrochene Engelstimme mit dem klirrenden Vibrato sollte 30 Jahre lang in der Versenkung von billigen Nachtclubs, im Elend von Suff und Sucht verschwinden, bevor Scott 1991 wiederentdeckt wurde und seitdem erst im Rentenalter späte Anerkennung mit Arbeiten wie Holding Back The Years findet. Dort zwingt er etwa John Lennons Jealous Guy ins ewige Fegefeuer. Das beste und erschütterndste Album seiner Karriere liegt allerdings jetzt erst vor. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.4.2003)

Von
Christian Schachinger
  • JIMMY SCOTT Falling In Love Is Wonderful (Warner)
    foto: warner

    JIMMY SCOTT
    Falling In Love Is Wonderful
    (Warner)

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