Tragödie in der Disco

24. April 2003, 17:47
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Goldfrapp und Moloko wandern von ihrer TripHop-Basis endgültig ins Lager eines "klassischen" Disco-Stils ab

Die britischen Duos Goldfrapp und Moloko erweitern ihre TripHop-Anfänge endgültig Richtung klassischer Disco-Sound, zeitgemäße Elektronik, Pop - und schmutziger Sex.


In der Disco wohnt der Eskapismus, ein vom zerhackten Licht des Stroboskops begrenzter Fluchtpunkt vor dem Alltag. Der will naturgemäß das System sprengen und die Verhältnisse auch außerhalb von Wochenende und Tanzboden zum Abwackeln bringen. Weil in dieser Welt aber nichts perfekt sein kann, wird hier nicht nur versucht, Disco von innen zur Detonation zu bringen. Was dazu führt, dass Disco in ihren besten Momenten seit jeher implodiert; der Verweis in die Welt führt die ursprüngliche Energie ad absurdum.

Auch von außen schleichen sich über kleine unabsichtlich eingeschleuste Fehler Sprengsätze ein, die die ganze Angelegenheit schlussendlich zerstören. Weiße Socken, ein ungestutzter Schnurrbart. Ein Fehler in der Programmierung. Ein etwas zu schriller Bläsersatz hier, eine einmal zu viel geschnalzte Basssaite da. Eunuchenchöre im Dissonanzbereich. Goldketterl im Brusthaarfilz. Bei Disco darf man nicht nur an Donna Summer und die Bee Gees denken. Man muss akzeptieren, dass Modern Talking als große Überlebende der Großraumdiscos noch immer vom richtigen Leben im falschen singen.

Das Grundproblem von Disco liegt nicht darin, dass das für einige wenige Stunden verordnete "good life" als Konzept nicht funktionieren würde. Das Grundübel liegt darin begründet, dass sich die Tragödien des alltäglichen Lebens nicht draußen halten lassen. Am Ende, am Morgen geht das Licht an. Und alles ist Fassade. Musik, wie jede Form von Unterhaltung, weckt immer Bedürfnisse, die sich nicht befriedigen lassen. Kunst ist auch nur eine Form der Pornographie.


Goldfrapp und Moloko versuchen auf ihren neuen Alben Black Cherry und Statues, mit ähnlichen Zugangsweisen genau dieses Spannungsfeld auszuloten. Und beide wissen nicht nur um die Unmöglichkeit dieses Unterfangens, beide haben sich nach ihren Anfängen als TripHop-Attraktionen der zweiten Liga mittlerweile auch meilenweit von ihren Anfängen fortbewegt. Bei Moloko und ihrem Debüt Do You Like My Tight Sweater aus 1996, vielmehr aber noch beim großartigen Electronic-Funk-Nachfolger I Am Not A Doctor aus '98 und zuletzt mit ihren exzeptionellen, Richtung House gedeuteten Club- wie auch Chart-Hits Sing It Back und The Time Is Now stand noch der pure stilistische Eklektizismus im Vordergrund.

Zwei siebengescheite britische Musiker, die energetische und exaltierte Sängerin Roisin Murphy und Instrumentalist Mark Brydon, versuchten im Fahrwasser von Gründervätern wie Massive Attack, Portishead oder Tricky dem etwas umfangreich angewandten Begriff mit dem Mittel der Ironie beizukommen.


Da aber Triphop historisch betrachtet auch nur bedeutet, dass zu wohltuend schlappen Hiphop-Beats gruselig-kuschelige Atmosphäre geschaffen wird, die sich über Streichersätze und Filmsoundtrack-Samples aus der Schule von Lalo Schiffrin, Bernard Herman oder Ennio Morricone speiste, zu denen eine Tragödin inbrünstig über die Vergeblichkeit des Seins in Moll-Lage philosophiert (um es etwas blumig auszudrücken), war schon bald Stillstand im Kreativbereich angesagt. Was sich nicht zuletzt darin manifestierte, dass sich Felt Mountain, das Debüt von Goldfrapp aus 2001, schon wie ein überladener Abgesang des Genres ausmachte, den Portishead nicht selbst besorgen mochten.

Tragödie in der Disco. Die Geschichte von TripHop bedeutet schließlich nach allem, dass es letzten Endes egal ist, ob ein Streicherklang aus der Steckdose oder von einem richtigen Orchester im Studio kommt. Solange man nicht nur mit den Mitteln der Studiotechnik, sondern vor allem auch mit dem Begriff der Selbstironie umzugehen versteht. Moloko haben dieses Problem auf dem neuen Album Statues für sich insofern gelöst, als hier tanzbarer Pop im besten Sinn produziert wird: zwischen Streicheropulenz, Latin-Rhythmen, House und klassischer Disco, über dem Roisin Murphy frei flottiert.

Alison Goldfrapp und Instrumentalist Will Gregory hingegen haben auf ihrem neuen Album Black Cherry alle Pop- und TripHop-Anteile insofern eliminiert, als hier Disco ganz im Sinne Donna Summers I Feel Love gedeutet wird. Disco als knarziger und Magen umstülpender Techno gelesen, bei dem Olivia Newton-Johns alte Aerobic-Hymne "Let's get physical!" nicht unbedingt Jazzgymnastik zu Vierviertel-Beats bedeutet. Wer zu diesen harschen elektronischen Kraftkammersounds Alison Goldfrapps abgehobene Altmädchenstimme hört, weiß, dass Sex eine ziemlich schmutzige Sache sein kann.
(DER STANDARD, Printausgabe, 25.4.2003)

Von
Christian Schachinger
  • Moloko Statues (Musica)
    foto: musica

    Moloko
    Statues
    (Musica)

  • Goldfrapp  Black Cherry (Virgin)
    foto: virgin

    Goldfrapp
    Black Cherry
    (Virgin)

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