Globale Öl-Förder-Höhepunkt bald erreicht

24. April 2003, 10:08
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Ludwig-Bölkow-Institut ortet bereits Ära sinkender Ausbeute - Shell erwartet dagegen Maximum der Ölproduktion erst für 2025

Wien - Weltweit wird kaum noch eine nennenswerte Steigerung der Ölförderung von derzeit rund 75 Mio. Fass pro Tag gelingen, die Produktion wird bald ihren Zenit von 80 Mio. Fass täglich erreicht haben und nicht mehr darüber hinaus kommen. Diese Ansicht vertraten die Energieexperten Jörg Schindler und Werner Zittel vom deutschen Ludwig-Bölkow-Institut am Mittwochabend in Wien. Hans Wenck von Shell Austria hielt dem entgegen, dass der technische Fortschritt neue Ausbeutechancen zu vertretbaren Kosten bieten werde: "Wir sehen das Maximum der Förderung erst um das Jahr 2025 mit 125 Mio. Fass täglich."

Für die Zukunft sei weiterhin mit einem Anstieg des Ölbedarfs um etwa 2 Prozent jährlich zu rechnen, meinte der Shell-Experte. Und bisher habe der wachsende Bedarf immer durch eine zunehmende Förderung gedeckt werden können. Auch in der Nordsee sei es gelungen, den Produktions-Peak bis zum Jahr 1999 hinauszuschieben. Ansichten, wonach man sich um das Jahr 2050 herum vom Erdöl verabschieden müsse, teile er nicht. Die Schätzung von Ölreserven für mehr als 40 Jahre gebe es seit Jahrzehnten, das Zieldatum habe sich immer nach hinten verschoben.

Weltweit erst rund 800 Mrd. Fass Öl gefördert

Bisher seien weltweit erst rund 800 Mrd. Fass Öl gefördert worden, erst über 3.000 Mrd. Fass müsste man laut Wenck auf nichtkonventionelle Lager wie etwa Ölsande zurückgreifen, die im Jahr 2030 aber schon 8 Prozent der globalen Ölnachfrage befriedigen könnten. Auch in der Tiefseeförderung, die bereits bis 2.000 Meter hinab reiche, würden Erfolge zu akzeptablen Kosten verbucht. Reine Förderkosten von 7 Dollar pro Fass noch ohne Förderzins seien jedoch wirtschaftlich nicht vertretbar. So sei etwa die Nutzung von Ölschiefer momentan noch unrentabel. Für die "letzten" tausend Milliarden Fass auf in Summe 4.000 Mrd. Barrel wären jedoch bereits 11 bis 20 Dollar für jeweils 159 Liter zu veranschlagen.

Jedenfalls werde in den kommenden Jahrzehnten ein Wechsel von Öl zu Gas erfolgen. Für Gas gehe Shell von einem jährlichen Verbrauchszuwachs von 3 Prozent aus. Die weltweite Gasförderung werde voraussichtlich zwischen 2030 und 2040 ihr Maximum erreichen, eventuell aber auch erst zehn Jahre später, wenn auch hier nichtkonventionelle Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Biomasse (Ethanol) könnte 2010 wirtschaftlich rentabel werden.

Ludwig-Bölkow-Institut kritisch

Schindler und Zittel von der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH, Autoren des im Vorjahr bei dtv erschienenen Buches "Ölwechsel - Das Ende des Erdölzeitalters", bezweifeln dagegen vehement Prognosen einer weiterhin steigenden Ölförderung. Allein um die Förderung bis 2010 auf dem jetzigen Niveau konstant zu halten, müsste laut Zittel bis dahin eine "Lücke" von 7 bis 8 Mio. Fass täglich durch neue Quellen geschlossen werden. Dies könnten teils die OPEC-Staaten, die Region der früheren Sowjetunion, aber auch Kanada und Venezuela sein.

Schon um die Ölförderung dauerhaft bei 80 Mio. Fass täglich zu halten, würden jedes Jahr Investitionen von sagenhaften 100 Mrd. Dollar nötig sein, wie Zittel in einer Diskussion auf Einladung des Europaparlamentariers Hans Kronberger im Informationsbüro des EU-Parlaments in Wien sagte. Auch aus diesen Gründen bezweifeln Zittel und Schindler Annahmen, wonach die globale Förderung von mehr als 76 Mio. Fass täglich (2000) bis zum Jahr 2010 auf 96 Mio. und dann bis 2020 sogar auf 115 bis 120 Mio. Barrel pro Tag angehoben werden könnte, wie dies etwa die Internationale Energie-Agentur (IEA) mit Sitz in Paris erwartet.

Vielmehr befinde sich die Welt nach mehreren Jahren praktisch stagnierender Förderung bereits in einem Zustand tendenziell sinkender Ausbeute, was die wichtigsten, günstig auszubeutenden Lagerstätten betrifft. So werde etwa Großbritannien 2010 in der Nordsee nur mehr halb so viel fördern können wie 2000. Auch die Produktion Norwegens, die bereits vor zwei Jahren ihr Maximum erreicht habe, werde sich bis dahin halbieren. Die USA hätten ihren Peak schon vor dreißig Jahren erreicht, daran hätten auch neue Funde in Alaska nichts geändert. Angesichts solcher Fakten ortet der Ökonom Schindler mangelndes Problembewusstsein: "Die Krise ist nicht erst da, wenn der letzte Tropfen Öl geflossen ist."(APA)

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