Peking - Zentrum der Panik

24. April 2003, 20:01
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Zwangsmaßnahmen werden immer drastischer - Kliniken und sogar Gefängnisse in Peking hermetisch abgeriegelt -"Niemand darf hinein oder heraus"

Peking/Genf - Die Angst vor der Lungenerkrankung SARS führt weltweit zu drastischen Maßnahmen. In Peking kommen alle Bürger mit SARS-Verdacht oder nach Kontakt zu SARS-Kranken in Quarantäne. Mit neu erlassenen Vollmachten riegelte die Polizei am Donnerstag für zehn Tage ein großes Krankenhaus ab. Gefängniswärter dürfen einige Haftanstalten nicht mehr verlassen.

Geldbußen bei Widerstand in Singapur

In Singapur müssen Bürger, die sich der Quarantäne widersetzen, hohe Geldbußen zahlen oder kommen in Haft. Israel verbot die Einreise von Gastabreitern aus China und Vietnam. In Großbritannien stellten einige Schulen Schülergruppen nach Südostasienreisen unter Quarantäne.

Ob Virus ausgerottet weden kann wird sich bald entscheiden

"Mit jedem Tag schwindet die Hoffnung, SARS doch noch in den Griff zu bekommen", sagte der deutsche Virologe Wolfgang Preiser, der dem SARS-Untersuchungsteam der Weltgesundheitsorganisation WHO in China angehört. Es werde sich in Kürze entscheiden, ob das Virus noch ausgerottet werden könne oder "ob wir für immer mit einem neuen Krankheitsbild leben müssen", sagte Preiser am Mittwochabend in Schanghai. "Wenn es China nicht gelingt, diese Krankheit unter Kontrolle zu bringen, gelingt es der Welt nicht mehr." Weltweit gab es nach Auskunft der WHO bis Donnerstagabend 4.439 Fälle mit 263 Toten.

In Vietnam ist die Lungenkrankheit unter Kontrolle

In Vietnam ist die Lungenkrankheit dank drastischer Schutzmaßnahmen nach Einschätzung der WHO mittlerweile unter Kontrolle. "Seit zehn Tagen hat es dort keine neuen Fälle gegeben", sagte eine Sprecherin in Genf. "Wenn die Fälle früh genug isoliert werden, besteht die Chance, die Krankheit unter Kontrolle zu bekommen." Für Vietnam hat die WHO bisher 63 SARS-Fälle und fünf Tote gemeldet.

Hamsterkäufe in Peking

Wegen anhaltender Hamsterkäufe in Peking versicherten die chinesischen Behörden, die Versorgungslage sei gesichert. Nirgendwo in China außer Hongkong gibt es derzeit so viele Patienten mit dem Schweren Akuten Atemwegssyndrom (SARS) wie in der 14-Millionen-Stadt Peking. In nur einem Tag stieg die Zahl erneut um 89 auf 774, berichtete das Gesundheitsministerium. Die Zahl der Todesfälle nahm um vier auf 39 zu. Landesweit zählt China (ohne Hongkong) jetzt 2.422 Fälle und 110 SARS-Tote - einen mehr als Hongkong, wo vorerst 109 Menschen an der Lungenkrankheit starben.

Chinesische Fußball-Liga sagte alle Spiele bis Juni ab

Die chinesische Fußball-Liga sagte alle Spiele bis Juni ab. Mit den neuen Vollmachten zur Quarantäne in China können "Zwangsmaßnahmen" gegen jene verfügt werden, die ihre Kooperation verweigern. Den etwa einer Million Studenten und Lehrern der Universitäten Pekings wurde untersagt, über die Maifeiertage die Hauptstadt zu verlassen. Am Vortag waren die Schulen für 1,6 Millionen Schüler für zwei Wochen geschlossen worden.

Kliniken und sogar Gefängnisse in Peking hermetisch abgeriegelt

Das Volkshospital der Universität Peking, das nicht zu den sechs speziell designierten SARS-Kliniken gehört, wurde "wegen SARS" abgesperrt. Alle Ärzte, Schwestern und anderes Personal dürfen die Klinik nicht verlassen. Die Klinik hat etwa 1.000 Betten und 2.262 Beschäftigte. Unklar war jedoch, wie viele Menschen sich auf dem Gelände befinden. Geschäftemachern, die Preise für stark nachgefragte Produkte erhöhten, wurden Strafen gedroht. Dennoch stiegen die Preise für Eier und Kartoffeln um das Zwei- bis Dreifache.

Gefängnispersonal dürfe die Haftanstalten nicht mehr verlassen

Die staatliche Zeitung "Beijing Times" berichtete, das Gefängnispersonal dürfe die Pekinger Haftanstalten nicht mehr verlassen und keinen Kontakt zu Angehörigen haben. Wie lange diese Isolierung dauern soll, war zunächst nicht zu erfahren.

Wirtschaft in Ostasien

Die Weltbank schätzt die SARS-Kosten für die Wirtschaft Ostasiens auf mindestens 15 Milliarden US-Dollar (13,7 Mrd. Euro). Dies entspreche einem Minus von 0,3 Prozentpunkten beim erwarteten Wachstum der Region in diesem Jahr, teilte Weltbank-Vizepräsident Jemal-ud-din Kassum mit.

2460 Menschen in Singapur unter Quarantäne

In Singapur werden Menschen, die gegen Quarantänevorschriften verstoßen, nach einem neuen Gesetz mit sechs Monaten Haft und Geldbußen von bis zu 20.000 Singapur-Dollar (10.250 Euro) bestraft. Nach offiziellen Angaben stehen derzeit in dem tropischen Stadtstaat mehr als 2460 Menschen daheim unter Quarantäne, weil sie möglicherweise mit SARS-Patienten Kontakt hatten.

Saudi-Arabien untersagte Einreise von moslemischen Pilgern asiatischen Ländern

Aus Angst vor der Lungenerkrankung untersagte Saudi-Arabien die Einreise von moslemischen Pilgern aus vier asiatischen Ländern. Die Botschaften in China, Singapur, Hongkong und auf den Philippinen seien angewiesen worden, keine Visa mehr auszustellen, berichtete die Tageszeitung "Arab News".

Transrapid in Shanghai stilgelegt

Wegen der Ausbreitung von SARS bleibt der Transrapid in Shanghai weiterhin stillgelegt. "Die Gesundheit der Menschen geht vor", teilte die Betreibergesellschaft Shanghai Maglev Transportation Development nach Angaben der Tageszeitung "Shanghai Daily" vom Donnerstag mit.(APA)

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    Jede Eingangstüre im Krankenhaus in Peking wird von Wachpersonal beaufsichtigt

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    Ein Polizist in Peking gibt kleine Einkäufe über den Spitalszaun, da das Areal hermetisch abgeriegelt wurde

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