Zivilcourage statt Wegschauen

23. April 2003, 21:00
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MitarbeiterInnen von Kinderschutzzentren fordern im STANDARD-Interview eine Enttabuisierung von sexuellem Missbrauch in der Familie

Zum Tag der Kinderschutzzentren am 24. April sprach DER STANDARD mit Marion Luksch, Martina Fasslabend (beide vom Kinderschutzzentrum Möwe) und Holger Eich (Kinderschutzzentrum Wien) über sexuellen Missbrauch und die Hilfestellungen, die Schutzzentren sowohl Kindern als auch Angehörigen bieten können.

STANDARD: Was ist die Kernaufgabe der Kinderschutzzentren?

Marion Luksch: Sie haben den Schwerpunkt, Kinder nach sexuellem Missbrauch zu helfen. Der erste Schritt ist der Schutz vor weiterem Missbrauch, er wird über die Jugendwohlfahrt organisiert. Der zweite ist die Psychotherapie, mit der die Kinder die Auswirkungen des Missbrauchs verkraften lernen.

Martina Fasslabend: Es handelt sich um ein Tabuthema, und Aufklärungsarbeit ist notwendig, um die Bevölkerung zu sensibilisieren. Dass darüber hinaus Erziehungsschwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu Depressionen mit beraten und behandelt werden, ist keine Frage.

Holger Eich: Die eigentliche Idee der Kinderschutzzentren ist es, Alternativen zur reinen Heimunterbringung anzubieten, nach dem Slogan "Hilfe statt Strafe". Früher, und zum Teil immer noch, war es üblich, dem Missbrauch mit Fremdunterbringung des Kindes und mit Strafe für die Eltern entgegenzutreten. Es ist aber dauerhaft wirksamer, wenn man der gesamten Familie Hilfestellung bietet.

STANDARD: Wer wendet sich an Sie - Kinder, Eltern, Außenstehende?

Holger Eich: Es kommen in erster Linie Mütter zu uns. Was dann weiter geschieht, wird im einzelnen Beratungsgespräch mit einem Psychotherapeuten entschieden.

Marion Luksch: Gerade Berufsgruppen, die mit Kindern arbeiten, haben besondere sensorische Fähigkeiten. Sie bemerken Verhaltensänderungen, treten mit den Erziehungsberechtigten in Kontakt, meistens mit der Mutter, und legen ihr nahe, sich an eine Einrichtung zu wenden. Telefonisch wird erhoben, um welche Auffälligkeiten es sich handelt, wie alt das Kind ist, welche Erklärung es für diese Verhaltensauffälligkeiten geben könnte. Gibt es tatsächlich ein Gefahrenmoment, wird sofort eine erste Intervention gesetzt, das heißt, die vertrauten Personen werden zu uns eingeladen. Gemeinsam wird abgeklärt, was das Kind bisher gesagt hat, wem es sich anvertraut hat, welche Ängste es hat.

Holger Eich:Unsere Vorgangsweise ist ähnlich. Wir helfen, einen Verdacht zu erhärten oder aufzuweichen. Nicht immer muss Missbrauch zu Verhaltensänderungen führen.

Martina Fasslabend: Auch die Prävention ist in Möwe-Kinderschutzzentren ein wesentlicher Schwerpunkt. Wir organisieren Lehrerfortbildungsveranstaltungen, machen Workshops mit Exekutivbeamten, Kindergärtnerinnen, Ärzten, Juristen, um früher an die Kinder heranzukommen und die Problematik nicht eskalieren zu lassen.

STANDARD: Gesetzt den Fall, es ist klar, dass sexueller Missbrauch stattgefunden hat. Was passiert dann?

Holger Eich: Schwere Vergewaltigungsfälle werden sofort angezeigt. Doch das kann nur mit Einwilligung des Kindes geschehen, das dann sofort in einen Loyalitätskonflikt kommt. Die Kinder haben die Erfahrung gemacht, dass über ihren Kopf hinweg etwas passiert, und dass die Erwachsenen Recht haben. Es ist sehr schwierig, einen Sachverhalt überhaupt zu verifizieren. Die Kunst ist es, mit dem Kind so ins Gespräch zu kommen, dass es Information darüber liefert, was die Ursachen für das auffällige Verhalten sind. Das ist heikel, wenn es ohne Wissen der Eltern passiert. Also muss auch eine Schiene zu den Eltern hergestellt werden. Wenn die Eltern selbst verdächtig sind, muss das Jugendamt beigezogen werden.

Martina Fasslabend: Prinzipiell ist eine Anzeige nicht das Gelbe vom Ei. Doch wenn es dazu kommt, bieten wir auch Prozessbegleitung an, um das Kind und seine Bezugsperson zu unterstützen.

Marion Luksch: Den Kinder fällt es sehr schwer, das Erlebte noch einmal zu erzählen, und sie fühlen sich schuldig. Wenn Anzeige erstattet wird, dann ist diese Vorbereitung für die Kinder sehr wichtig.

STANDARD: Häuft sich Missbrauch, oder lässt sich die scheinbare Häufung auf Enttabuisierung zurückführen?

Martina Fasslabend: Die Enttabuisierung hat eingesetzt, ich glaube nicht, dass Missbrauch häufiger geworden ist. Die Dunkelziffer ist sehr hoch, es heißt, jedes fünfte Mädchen, jeder achte Bub würde missbraucht.

Holger Eich: Diese Studien muss man allerdings genau anschauen, da gilt bereits Kontakt mit Exhibitionisten als sexueller Missbrauch. Doch aufgrund der Enttabuisierung fällt es den Opfern leichter, darüber zu sprechen.

STANDARD: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit der Jugendwohlfahrt?

Marion Luksch: Kinderschutzzentren, Jugendwohlfahrt und Kriminalpolizei arbeiten Hand in Hand, um das Wohl des Kindes im Gesamten zu sehen. Wir müssen wie ein Orchester zusammenspielen.

Holger Eich:Im Prinzip bin ich ganz zufrieden, in Einzelfällen geht es aber schon um unterschiedliche Stilfragen.

Marion Luksch: Ich denke, das Jugendamt verwechselt manchmal seine Aufgabe mit der des Gerichtes, weil man hofft, dass durch die Untersuchungshaft des Täters der Schutz des Kindes hergestellt wird. Doch Ermittlungstätigkeit im Sinne der Wahrheit ist Sache der Polizei und des Gerichtes. Wir Kinderschutzzentren wollen den Schutz herstellen, ohne uns nur auf gerichtliche und polizeiliche Untersuchungen zu verlassen.

STANDARD: Die Zentren sind private Organisationen, arbeiten sie zusammen?

Marion Luksch: Wir haben vor ein paar Jahren gemeinschaftliche Qualitätskriterien erstellt, die etwa die Finanzierung und unsere Verfügbarkeit betreffen.

Martina Fasslabend: Der Bedarf an Kindschutzzentren ist bei weitem nicht gedeckt. In der Zwei-Millionen-Stadt-Wien gibt es nur zwei davon, allein die Möwe hat hier im Vorjahr 1096 Klienten betreut.

STANDARD: Es heißt häufig, Missbrauch beträfe vor allem die untersten Sozialschichten.

Holger Eich: Missbrauch ist kein soziales Problem, er betrifft alle Gesellschaftsschichten.

Marion Luksch: Man würde nicht glauben, mit welchen Tätern wir es zu tun haben, mit gesellschaftlich anerkannten Männern, mit Lehrern, mit Leuten aus der Kirche.

STANDARD: Was raten Sie denjenigen, die einen Verdacht haben?

Holger Eich: Zivilcourage. Sie sollten uns kontaktieren. Anonyme Anrufe bringen nichts.(DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 24.4.2003)

Moderation: Ute Woltron
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    Martina Fasslabend: "Der Bedarf an Kinderschutzzentren ist bei weitem nicht gedeckt. In der Zwei-Millionen- Stadt-Wien gibt es nur zwei davon."
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