Modernisierer und klassischer Sozialpartner: Christoph Leitl

23. April 2003, 18:55
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Christoph Leitl sieht sich gerne als ein Modernisierer. In der Wirtschaftskammer, wo er vor bald drei Jahren zum Präsidenten bestellt wurde, hat er innerhalb kurzer Zeit die Organisation gestrafft. Zum Leidwesen vieler Mitarbeiter, die wohlerworbene Rechte einbüßten oder in die Pension verabschiedet wurden - und zur Freude von Kammermitgliedern, deren Beiträge gesenkt wurden.

Vorher, als Wirtschafts- und Finanzlandesrat in Oberösterreich (1990 bis 2000), hat er das Landesbudget saniert und zeitweise sogar Überschüsse erwirtschaftet. Und noch vorher, in der familieneigenen Bauhütte Leitl-Werke in Eferding, erarbeitete er mit seinem Vater ein Modell der Mitarbeiterbeteiligung - eine vorbildliche Umsetzung christlich-sozialer Unternehmenspolitik.

Den Mut zur Veränderung, den er immer wieder anspricht, hat Leitl also selber immer wieder bewiesen. Zuletzt am Dienstag, als er zur Verblüffung seiner Parteifreunde die sozialdemokratische Forderung aufgriff, in bestehende höhere Pensionen einzugreifen.

Anders als seine Vorgänger hat sich der 54-jährige Kammerpräsident auch weit gehend aus der Tagespolitik zurückgezogen. Zwar ist er auch Präsident des Österreichischen Wirtschaftsbundes, der finanzkräftigsten Teilorganisation der ÖVP, doch hütet er sich, für die ÖVP oder auch nur seinen Bund zu sprechen. Auf ein Mandat im Parlament hat er bewusst verzichtet, weil Sozialpartner dort seiner Ansicht nach nicht hingehören.

Was nicht heißt, dass sie nicht an der Gesetzgebung teilhaben sollten. Im Gegenteil: Gerade in den letzten Tagen hat Leitl versucht, den sozialpartnerschaftlichen Weg der Gesetzgebung als ein Gegenmodell zum Demokratieverständnis des Wolfgang Schüssel ins Spiel zu bringen. Deshalb hat er am Mittwoch die Gewerkschaftsspitze in seine Kammer eingeladen. Ganz nach dem Motto, dass die Leut' eben durchs Reden zusammenkommen.

Gern hätte er es gehabt, wenn in den letzten Monaten die ÖVP mit der SPÖ durchs Reden zusammengekommen wäre - aber mit diesem Wunsch erntete er auch in weiten Kreisen seiner eigenen Wirtschaftsfraktion Ablehnung. Und erst recht bei Parteichef Schüssel, der nichts dagegen hat, wenn einer Problemlösung erst einmal ein heftiger Konflikt vorangeht.

Leitl dagegen lotet den Konsens lieber schon im Vorfeld aus. Auch wenn das vielleicht ein bisschen länger dauert: Mit der Geduld des passionierten Fischers wäre Leitl bereit, auf den richtigen Moment zu warten, ein Reformpaket für die Pensionsversicherung vorzulegen. Eines, über das nicht mehr öffentlich gestritten werden könnte, weil alle gesellschaftlichen Kräfte eingebunden wären.

Wie seinerzeit, vor der Zeit der mutigen Reformen. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.4.2003)

Von Conrad Seidl
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