Raub in der Möglichkeitsform

24. April 2003, 11:14
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22-jähriger Marokkaner könnte im Jänner hinter der Wiener Börse einer vornehmen älteren Dame die Handtasche entrissen haben

Wien - Ein 22-jähriger Marokkaner könnte im Jänner hinter der Wiener Börse einer vornehmen älteren Dame die Handtasche, einen Blumenstrauß und ein Nylonsackerl mit Golfgutscheine entrissen haben. Drei junge Südländer sollen mitgeholfen haben. Einer dürfte der Frau ein Messer angesetzt haben. Das kriminelle Unterfangen müsste demnach ein mit bis zu 15 Jahren Haft bedrohter "schwerer Raub" gewesen sein.

Die vier Täter sollen dann in verschiedene Richtungen gelaufen sein. Eine Polizeistreife will den Marokkaner in die Enge getrieben haben. Der Flüchtende könnte die Wertgegenstände in den Donaukanal geworfen haben. Einer der Polizisten will das gesehen haben. Der alarmierte "Donaudienst" soll dann tatsächlich einen Ausweis, ein Adressbuch und einen Kamm des Opfers aus dem Wasser gefischt haben.

Zeuge

Die Aussage eines Zeugen, dass man aufgrund der Strömung nicht sagen könne, wer die Gegenstände wo hineingeworfen hatte, dürfte von der Richterin überhört worden sein. Auch die Angabe eines Polizisten, dass der Marokkaner gut 20 Meter vom Ufer entfernt gelaufen war, sollte die Geschworenen nicht weiter irritieren. Der Marokkaner, sportlich, wie er aussieht, könnte ja geübter Diskusswerfer sein.

Der gut situierte Angeklagte dürfte vor der Verhaftung einen Monat in Österreich gelebt haben. Es könnte gelogen sein, wenn er behauptet, dass er sich nur das Land ansehen und sich um Arbeit umschauen wollte. Er könnte in Geldschwierigkeiten gewesen sein. Er könnte vorgehabt haben, sich mit Überfällen seinen Lebensunterhalt zu finanzieren.

Unbeteiligter

Er könnte aber auch als völlig Unbeteiligter in die Fahndung hineingeraten sein. Er müsste, wie er behauptet, die entwischten Räuber gar nicht gekannt haben. Er könnte deshalb vor der Polizei davongelaufen sein, weil er keine gültigen Papiere mehr hatte. "Aber warum sollte Sie der Polizist belasten, wenn Sie's nicht waren?", fragt ihn die Richterin. Sie würde nicht von selbst auf die Idee kommen, dass der Fahndungserfolg dabei eine Rolle spielen könnte.

Das Urteil im Prozess, der noch im Gange war, müsste natürlich "Freispruch" lauten. Eigentlich dürfte es den Prozess aber gar nicht gegeben haben. (DER STANDARD Printausgabe 24.4.2003)

Von Daniel Glattauer
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