Ein Blair an die Spitze der USA

25. April 2003, 21:25
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Der peruanische Autor Mario Vargas Llosa im Interview über seinen neuen Roman "El paraíso en la otra esquina" und weltpolitische Grundsätze

In Wien stellte der peruanische Autor Mario Vargas Llosa am Mittwoch seinen neuen Roman "El paraíso en la otra esquina" vor, in dem es um zwei gegensätzliche, utopische Lebensentwürfe geht. Nach seinem eigenen politisch-literarischen Weltbild befragte ihn Erhard Stackl. - Karl Popper sagte, es sei das Wichtigste für eine Regierungsform, dass sie nicht zu viel Schaden anrichten kann.


STANDARD: In Ihrem neuen Roman geht es um zwei Menschen, die frühe feministische Revolutionärin Flora Tristán (1803-44) und ihren Enkel, den nach Tahiti emigrierten Maler Paul Gauguin (1848-1903), die ganz unterschiedliche Utopien verwirklichen wollten. Als Leser kann man nach Identifikationspunkten suchen. Doch Sie selbst bezeichnen sich in Ihren Essays als Gegner von Utopien. Wie geht das zusammen?

Vargas Llosa: Ich bin auf allen Gebieten für Utopien - außer auf dem der Politik. Da ist es besser, Pragmatiker und Realist zu sein. Die Geschichte zeigt, dass alle Versuche, eine perfekte Gesellschaft zu schaffen, in die Hölle geführt haben. Die totalitären Gesellschaften des 20. Jahrhunderts waren utopische Projekte. Das Naziregime fußte auf der Idee der Herrenrasse, der Kommunismus war es mit der klassenlosen Gesellschaft ohne Ausgebeutete und Ausbeuter. Das Resultat war immer Terror, Repression und Zensur.

STANDARD: Funktioniert die Welt auch ohne große Träume?

Vargas Llosa: In der Politik ist der demokratische Konsens viel besser, der graduelle Fortschritt, ohne ganze Generationen im Namen einer perfekten Gesellschaft zu opfern. Aber in anderen Bereichen ist es völlig legitim, von Perfektion zu träumen und utopische Ziele zu haben - in der Kunst, in der Literatur und im individuellen Leben.

STANDARD: Es scheint, dass eine der beiden Utopien Ihrer Romanheldin Flora Tristán - der Kampf um soziale Gerechtigkeit - ziemlich aus der Mode ist, während vom zweiten - der Frauenemanzipation - viel verwirklicht wurde.

Vargas Llosa: Die Befreiung der Frau ist in einer kleinen Zahl von Ländern in der westlichen Welt, erreicht, nicht aber in Afrika und in großen Teilen Asiens. Auch in Lateinamerika gibt es keine volle Gleichberechtigung.

STANDARD: Vertraten Sie in Ihrer Jugend nicht auch revolutionäre Ideen?

Vargas Llosa: Ich war, als ich sehr jung war, Marxist. In dieser Zeit, im Kontext Lateinamerikas mit seinen Militärdiktaturen, die von den USA unterstützt wurden, war das verständlich. Es ging gegen soziales Unrecht, um den Traum der Freiheit. Dann fand ich - wie viele Intellektuelle meiner Generation - den großer Unterschied zwischen dem realen Kommunismus und der Theorie heraus. Ich ging auf kritische Distanz und verteidige seither die Demokratie.

STANDARD: Die Utopie Ihres zweiten Romanhelden, Paul Gauguin, ist das Streben nach absoluter künstlerischer und persönlicher Freiheit.

Vargas Llosa: Er wollte, dass sich Europa anderen künstlerischen Werten, den "primitiven Kulturen" öffnet. Das machte ihn zu einem Begründer der modernen Kunst, der auf die Entwicklung von Malern wie Picasso und Matisse großen Einfluss hatte.

STANDARD: Ein weiteres großes Thema Ihrer Arbeiten ist es, das Wesen der Diktatur zu entblößen, wie sie es im Roman Das Fest des Ziegenbocks getan haben. Gleichzeitig befürworten Sie den Rechtsstaat. Wie sehen Sie den Irakkrieg jetzt, nach dem Fall Saddams?

Vargas Llosa: Ich hoffe, dass dieser Krieg, gegen den ich war, einen positiven Effekt haben wird - eine demokratische Regierung im Irak. Wenn das gelingt, wäre das großartig für die gesamte Region. Jetzt ist es die Verpflichtung der demokratischen Staaten, diesen Prozess zu unterstützen.

STANDARD: Gefährdet die US-Idee vom "präventiven Krieg" aber nicht weiter das System der UNO und das Völkerrecht?<>

Vargas Llosa: Deswegen habe ich diesen Krieg als illegitim betrachtet. Demokratien müssen Diktaturen bekämpfen, aber innerhalb des Völkerrechts und nicht auf willkürliche Weise. Aber man muss auch berücksichtigen, dass die Vereinten Nationen nicht immer die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt haben.

STANDARD: Wie stehen Sie zur Position Frankreichs?

Vargas Llosa: Ich sehe sie sehr negativ, weil sie eine Konfrontation zwischen Westeuropa und den USA schafft. Chirac hat eine inakzeptable Vorstellung von Europa, eine neue Art von europäischem Nationalismus, geführt von Frankreich. Den Nationalismus, der für die ärgsten Tragödien der Menschheit verantwortlich ist, muss man wie die Pest bekämpfen.

STANDARD: Und Bush mit seinem missionarischen Eifer?

Vargas Llosa: Es ist schade, dass die mächtigste Demokratie heute einen so mittelmäßigen Präsidenten hat. Stünde ein Mann wie Tony Blair an der Spitze der USA, wäre die Welt sicherer. Aber die Demokratie ist stärker als die jeweilige Regierung. Ein Österreicher, den ich bewundere - Karl Popper - sagte, es sei das Wichtigste für eine Regierungsform, dass sie nicht zu viel Schaden anrichten kann.

STANDARD: Vor dem Irakkrieg haben nur wenige lateinamerikanische Staaten in der UNO Bush unterstützt. Weder Chile noch Mexiko waren an seiner Seite. Hat das mit der Erinnerung an frühere US-Interventionen in der Hemisphäre, etwa in Panama zu tun?

Vargas Llosa: Das glaube ich nicht. Nach der irakischen Invasion in Kuwait gab es in Lateinamerika einen Konsens für eine Intervention. Für den Einsatz im Kosovo gab es ebenfalls breite Unterstützung. Jetzt ging es um den speziellen Fall, dass es sich nicht um eine legitime Militäraktion handelte.

STANDARD: Noch eine Frage zur Literatur. Was halten Sie von der jungen Generation lateinamerikanischer Autoren? Etwa vom Chilenen Alberto Fuguet und den anderen der Sammlung "McOndo"? Oder vom Mexikaner Jorge Volpi, der "Generation Boomerang", die sich mit schneller, urbaner Literatur vom "Boom" lateinamerikanischer Autoren wie Ihnen, Octavio Paz oder speziell vom Stil eines Gabriel García Márquez (lokalisiert in Macondo, dem Dorf in "Hundert Jahre Einsamkeit") distanzieren?

Vargas Llosa: Ich bin da recht optimistisch. Es handelt sich um eine sehr lebendige Gruppe von Autoren mit einer Vielfalt an Ausdrucksmitteln. "McOndo" ist eine Sammlung von Kurzgeschichten junger Autoren aus ganz Lateinamerika und aus Spanien, eine Art Manifest gegen das, was viele Jahre als typisch lateinamerikanische Literatur galt: Imagination, magischer Realismus. Sie sehen das als Karikatur all dessen, was Lateinamerika ausmacht und sind für eine andere, viel realistischere und auch alltäglichere Vision. Als ich jung war, herrschte der Glaube, dass ein Gedicht, ein Roman oder ein Theaterstück die Gesellschaft revolutionieren könnte. Heute betrachten die Jungen das mit Skepsis und Ironie. Ich denke aber doch, dass wichtige Literatur auf das Leben Auswirkungen hat, wenn auch nicht notwendigerweise politische.

STANDARD: Warum werden so wenige dieser neuen Autoren ins Deutsche übersetzt? Gelingt es ihnen nicht, aus dem Schatten der übermächtigen literarischen Väter zu treten?

Vargas Llosa: Das weiß ich nicht. Das müssen Sie die Verleger fragen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 24.4.2003)

ZUR PERSON

Mario Vargas Llosa gilt als einer der Giganten der lateinamerikanischen Literatur, der immer wieder auch für den Nobelpreis im Gespräch ist.

Er wurde 1936 in Arequipa in Peru geboren. Sein erster Roman Die Stadt und die Hunde, der auf eigenen Erfahrungen in einer Kadettenanstalt in der peruanischen Hauptstadt beruht, erschien 1963.

Der Durchbruch beim großen Publikum gelang ihm mit Das grüne Haus, dem weitere Erfolgsromane wie Der Krieg am Ende der Welt und Tante Julia und der Kunstschreiber folgten.

1989 trat Vargas Llosa als marktwirtschaftlich-liberaler Kandidat bei Perus Präsidentschaftwahlen an, unterlag aber gegen Alberto Fujimori, der sich zum Autokraten entwickelte. Seine Erfahrungen als Politiker beschrieb der Autor in dem Buch Der Fisch im Wasser (1996).

Auf Deutsch ist bei Suhrkamp zuletzt der Roman Das Fest des Ziegenbocks (2001) erschienen, in dem es um den langjährigen Beherrscher der Dominikanischen Republik, General Rafael Leonidas Trujillo, um die Diktatur, ihre Mitläufer und Opfer geht. Im Band Die Sprache der Leidenschaft (2002) sind politische und literarische Kommentare gesammelt.

Der neue Roman, El paraíso en la otra esquina (Das Paradies in der anderen Ecke) soll im Frühjahr 2004 auf Deutsch erscheinen.

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    Mario Vargas Llosa bei der Vorstellung seines Buches 'El Paraiso en la Otra Esquina'

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