Forscher fürchten fatale Mutationsfreude

23. April 2003, 18:31
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Weitere Erschwerung für die Entwicklung von Arzneien - Die Erreger greifen neben der Lunge inzwischen bereits alle Organe an

Wien/London - Je mehr Forscher über den Erreger des Sars (schweres akutes respiratorisches Syndrom) herausfinden, desto mehr schwindet die Hoffnung, die Epidemie bald in den Griff zu bekommen.

Aus Geweben von neun an Sars verstorbenen Patienten in China, Singapur, Kanada und den USA wurden Coronaviren isoliert. Ein Vergleich der Gensequenzen der Erreger, der über das Sars-Netzwerk der Weltgesundheitsorganisation (in das elf Labors in neuen Staaten eingebunden sind) durchgeführt wurde, lässt den Schluss zu, dass der Erreger leicht und schnell mutiert. Was die Entwicklung von Medikamenten noch schwieriger macht, berichtet New Scien- tist. Und dem Virus die Chance bietet, sich irgendwann anders als wie bisher über Tröpfcheninfektion zu verbreiten - eventuell über die Luft.

Untersuchte Gensequenzen

Alle untersuchten Gensequenzen unterscheiden sich in bis zu 15 Buchstaben der 30.000 Bausteine umfassenden Virus-Erbsubstanz. Solche Variationen können zwar durch Fehler bei der Sequenzierung auftauchen, da die Mutationen aber allesamt auf ein und demselben der insgesamt 13 Erreger-Gene auftreten, schließen Wissenschafter diese Möglichkeit eher aus.

Eine Mutationsfreudigkeit befürchtet auch Mikrobiologe Malik Eiris von der Uni Hongkong, der bestätigt, dass das Sars-Virus nicht nur das Atmungssystem, sondern inzwischen auch die Eingeweide angreift. Zunehmend mehr Infizierte leiden an Durchfällen, auch erleiden immer mehr Patienten ein Organversagen - vor allem die Nieren und die Leber sind betroffen.

Missglückter Laborversuch

Zwar vermuten Wissenschafter, das neue Virus sei aus einem tierischen Stamm entstanden, konkrete Hinweise auf seinen Ursprung fehlen aber noch. Was die Gerüchteküche anheizt. Joe Cummins vom kanadischen Centre for Research on Globalisation etwa vermutet einen missglückten Laborversuch, bei dem das tödliche Virus entstanden und freigesetzt worden sein könnte. Immerhin laufen seit Jahren etliche gentechnische Versuchsreihen mit Coronaviren.

So wurden etwa Studien mit Erregern, die bei Schweinen ähnliche Symptome verursachen wie Sars bei Menschen, durchgeführt, um zu untersuchen, ob mit ihnen der Transport von fremden Genen in Zellen möglich ist. In anderen Studien wurden mittels Genmanipulation die Oberflächenproteine von Coronaviren - über die beispielsweise das menschliche Immunsystem aktiviert wird - verändert. (Andreas Feiertag, DER STANDARD Printausgabe 24.4.2003)

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