Musik von der Heimatfront

24. April 2003, 11:22
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Kriegsmetaphern und eine massive Midlifecrisis prägen Madonnas neues Album "American Life"

Auf ihrem neuen Album "American Life" dokumentiert US-Superstar Madonna eine ausgewachsene Midlifecrisis. Die Metaphern des Krieges haben auch Eingang in ihre neuen Songs gefunden. Der Rest ist Selbstzerfleischung und Sinnsuche.


Wien - Einen Guru für das Gute, einen Therapeuten gegen das Böse. Einen Fitnesstrainer für die Figur und eine Nanny für die Kinder. Häuser in Miami und Los Angeles, ein Penthouse in New York. Eine dreistöckige Bleibe in der Londoner City und ein richtiges Schloss draußen im englischen Gemüse. Für Konversation und die Erledigung eines Ehelebens einen Filmregisseur als Mann. Und eine eigene Plattenfirma zur kreativen Selbstverwirklichung. "Muss ich meinen Namen ändern? Muss ich abnehmen? Dieser moderne Lebensstil, passt er zu mir?" Madonna könnte es sich mit ihren 44 Jahren als "Grande Dame der Postmoderne" (FAZ) in ihrer Lebensmitte eigentlich recht gemütlich machen.

Als Material Girl nahm sie am Beginn ihrer Karriere das Glaubensbekenntnis des Yuppietums vorweg. Sie wurde damit zum Leitbild einer Generation, die ihre Kreditkarten nicht nur für den Bankomat, sondern oft auch zum Ziehen von dünnen weißen Linien gebrauchte. Später folgte der Pornoladen mit Sex und ein bisschen Sadomaso und lesbische Liebe. Im Video zu Like A Prayer schlief sie mit einem schwarzen Jesus. Besser noch: ihre Blonde Ambition-Tour wurde vom Vatikan als "satanischstes Spektakel der Geschichte" gebrandmarkt. Dann kam die Sinnsuche und der Kindersegen - und mit ihnen eine neue Rolle. Spirituell erleuchtet und Verantwortung an ihrem Wirken in der Welt tragend, sollte mit ihren letzten Alben künftig eigentlich alles in Richtung Alterswerk als Superstar der Herzen, als laut Süddeutscher Zeitung "Frau, die viel erlebt und nichts zu verschenken hat", gelenkt werden.

Doch nun kommt mit dem neuen Album American Life und dem dazugehörigen und wegen des Irakkrieges prompt wieder zurückgezogenen Skandalvideo zur gleichnamigen Single der große Schock. Nicht dass Madonna im Guerilla-Look, die eine Modeschau sprengt und George W. Bush eine zum Tischfeuerzeug umgebaute Handgranate zuwirft, plötzlich verlernt hätte, die Zeichen der Zeit Gewinn bringend zu deuten. Immerhin fielen über zwei Jahrzehnte neben den Skandalen auch geschätzte 200 Millionen Dollar Vermögen an.

Die kriegsmetaphorische Aufrüstung zwischen Kraftkammer, Videospielen und Mode, die Madonna jetzt mit MP und Che-Guevara-Barett posierend dokumentiert, sie hat längst die gesamte Gesellschaft beschlichen. Von wegen: "Krieg als Massenkultur im 21. Jahrhundert".

Schluss mit lustig

Diese Kälte auch auf dem Schlachtfeld der Kultur zieht sich durch das ganze neue Album. Selbstzerfleischung an allen Ecken und Enden. Jeder Imagewechsel erweist sich im Rückblick als kleiner Tod: "Ich merke jetzt, wie oft ich gestorben bin." Songtitel wie I'm So Stupid oder Nobody Knows Me und ihr altes Kriegstrauma wegen Hollywood: In keinem Moment versprühen die elf Songs von American Life auch nur einen Funken jener alten Qualität, die Pop nun einmal auszeichnet - Lebensfreude.

Und weil sich in der Musik selbst kein neuer Trend abzeichnet, den Madonna für sich vereinnahmen könnte, sei es wie früher Techno, House, TripHop, Latin oder Disco, klingen die nach Music aus 2000 wieder vom Pariser Produzenten Mirwais Ahmadzai kreierten Stücke wie gehabt. Unterkühlte, karge New-Wave- und Disco-Sounds aus den 80er-Jahren, gekoppelt mit akustischen Gitarren. Eine brummige E-Gitarre hier, ein Gospelchor da. Die Stimme weit im Vordergrund, oft elektronisch verfremdet. Keine Höhen, keine Tiefen. Schluss mit lustig. Zurück zum Beton. Wir hören hier eine ausgewachsene Midlifecrisis. Wollen wir das wirklich hören? (DER STANDARD, Printausgabe vom 24.4.2003)

Von
Christian Schachinger
  • Madonna posierend mit Che-Guevara-Barett

    Madonna posierend mit Che-Guevara-Barett

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