Schiitenchef "mendelt sich heraus"

23. April 2003, 18:03
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Die führende geistliche Instanz der Schiiten wird von ihren Anhängern erwählt, aber nicht gewählt, erklärt der Islamwissenschaftler Peter Heine im Gespräch mit dem STANDARD

Standard: Bei Schiitendemonstrationen wird im Irak ein islamischer Staat gefordert. Ist damit das iranische Modell gemeint?

Heine: Schiitische Gelehrte im Irak haben auch eigene, ganz andere Konzepte entwickelt, zum Teil schon vor Khomeini, wie etwa Muhammad Bakir al- Sadr, den Saddam Hussein 1980 ermorden ließ. Er war der Autor von "Unsere Philosophie" und "Unsere Wirtschaft", ein Entwurf einer wirtschaftlichen und politischen islamischen Ordnung. Man darf nicht vergessen, dass es im schiitischen Kontext immer Spannungen nationaler Art gab, die sich auch in Nadjaf und Kerbala auswirkten - schon Ende des 19. und im 20. Jh., als Studenten von arabischen schiitischen Lehrern gegen die persischen loszogen. Es gab Straßenschlachten und Ähnliches mehr.

Standard: Wenn heute ein junger Sadr seine Anhänger gegen Großayatollah Sistani in Nadjaf protestieren lässt, ist das das Gleiche? Und warum wurde Abdul Madjid al-Khoei, gleich als er aus dem Exil heimkehrte, umgebracht?

Heine: Die Sadrs haben einen sehr arabischen Hintergrund, ein Urgroßvater war der Held des Aufstands gegen die Briten. Und Sistan ist eine Region in Persien . . .

Mit Khoei, der in London eine einflussreiche Stiftung verwaltete, ist vielleicht das passiert, was insgesamt Exiloppositionellen passieren kann: dass sie zu Hause abgelehnt werden, nach dem Prinzip, wir haben für euch die Köpfe hingehalten, und jetzt kommt ihr daher.

Standard: Ist Sistani ein Marja, die letzte theologische Instanz der Schia?

Heine: Seine Anhänger und vielleicht auch die von Khoei werden "Ja" sagen oder "er hat gute Chancen". Es gibt da kein Konklave mit weißem Rauch, sondern - wie ich das formuliere: Der Marja "mendelt sich heraus".

Am Ende sind die Marjas immer diejenigen gewesen, die über die stärkste Physis verfügt und die anderen überlebt haben. In der Schia entscheidet der einzelne Gläubige, wen er sich als Lehrer nimmt, er muss ihm das nicht einmal mitteilen. Wahrscheinlich wird er ihm aber einen Obulus entrichten, daraus wird dann deutlich, wer der Mächtigste ist.

Standard: Für wie stark halten Sie Muhammad Bakir al-Hakim, dessen Sciri (Oberster Rat der Islamischen Revolution im Irak) die im Westen bekannteste Gruppe ist?

Heine: Er ist die ganzen Jahre über von der iranischen Politik abhängig gewesen; ob ihm das so gut getan hat in den Augen der arabischen Schiiten, im Irak, aber auch im Libanon, ist fraglich. Während des arabisch-iranischen Krieges standen die Schiiten im Irak loyal zu ihrem Staat. Die Vorstellung der USA im Jahr 1991, der Südirak könnte bei einem Sturz Saddam Husseins unter iranische Kontrolle fallen, habe ich damals nicht geteilt, und ich teile sie heute auch nicht. Aber es stimmt, dass Hakim wohl am ehesten dem iranischen Modell zugeneigt ist.(DER STANDARD, Printausgabe, 24.4.2003)

Das Gespräch führte Gudrun Harrer
  • Rund eine Million schiitischer Pilger fand sich am Mittwoch in der irakischen Stadt Kerbala ein. Vorne im Bild trägt einer der Pilger eine Zeichnung von Imam Hussein, links wird ein Foto von Ayatollah Ali Sistani hochgehalten.
    foto: epa/afpi/awad awad

    Rund eine Million schiitischer Pilger fand sich am Mittwoch in der irakischen Stadt Kerbala ein. Vorne im Bild trägt einer der Pilger eine Zeichnung von Imam Hussein, links wird ein Foto von Ayatollah Ali Sistani hochgehalten.

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