Gemeinsamer Blick nach vorn

23. April 2003, 18:48
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Tschechischer Präsident Klaus auf Antrittsbesuch in Wien: Über Geschichte diskutieren statt verhandeln

Wien - Von Temelín war die Rede und von den Benes-Dekreten natürlich auch. Wenn der Schein nicht trügt, dann scheinen sich die Präsidenten Václav Klaus (Tschechische Republik) und Thomas Klestil (Österreich) nach einiger Zeit merklicher Friktionen in den österreichisch-tschechischen Beziehungen darauf geeinigt zu haben, den Blick gemeinschaftlich hoffnungsvoll nach vorn zu richten. Sowohl Klaus als auch Klestil betonten bei einer Pressekonferenz am Mittwoch in der Wiener Hofburg, dass man bereit sei, über die Probleme der Vergangenheit offen zu sprechen, dass es aber mindestens ebenso sehr um die "Zukunft" der bilateralen Beziehungen, vor allem in einem gemeinsamen Europa gehe.

Die, so attestierte es Klestil seinem Besucher aus der unmittelbaren Nachbarschaft, seien ja ausgezeichnet. Klaus revanchierte sich mit dem Hinweis darauf, dass er seit 1990 jeden seiner Urlaube in Österreich verbracht habe. Zwar sei Österreich das letzte der vier tschechischen Anrainerländer, dem er nach seiner Wahl zum tschechischen Präsidenten im Februar seinen Antrittsbesuch abstatte, doch sei dies keineswegs wertend zu verstehen. Zu Temelín sagte Klestil, dass "der Melker Prozess von beiden Seiten genau befolgt wird und damit Einvernehmen besteht."

Danach befragt, ob er möglicherweise mit den Österreichern über die Benes-Dekrete sogar verhandeln würde, meinte Klaus, er sei bereit, alles sehr direkt anzusprechen. "Verhandlungen" über eine Geste Prags gegenüber den Sudetendeutschen seien aber zu viel. "Wir haben unsere Regierungen, die das machen müssen - vielleicht." Einvernehmen herrschte zwischen Klestil und Klaus in der Frage, welche Rolle die UNO in der Welt künftig spielen müsse: Eine unverzichtbare nämlich, darin waren sich beide einig.

Und auch in der EU sehen Klaus und Klestil gemeinsame Interessen der beiden Länder - als "kleine" Staaten. Man könne seine eigenen Interessen nur dann erfolgreich durchsetzen, wenn man Allianzen bildet, sagte Klestil. Er stelle "mit Bedauern fest, dass Österreich sehr oft allein bleibt." (win/DER STANDARD, Printausgabe, 24.4.2003)

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    Präsidenten in enger Umarmung: Václav Klaus (links) herzt seinen österreichischen Konterpart Thomas Klestil.

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