Blix-Vorgänger glaubt nicht mehr an bedeutende Waffenfunde im Irak

23. April 2003, 10:31
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Ekeus: Etwaige Entdeckungen der US-Besatzungsmacht brauchen unbedingt UNO-Beglaubigung

Berlin - Den ehemaligen UNO-Chefwaffeninspektor Rolf Ekeus überrascht es nach eigenen Worten nicht, dass die US-Truppen einen Monat nach der Irak-Invasion keine Massenvernichtungswaffen entdecken konnten, deren Existenz der Bush-Regierung als Begründung für den Krieg diente. "Es überrascht mich nicht, weil ich glaube, dass wir bereits 95 Prozent oder mehr von den chemischen und biologischen Stoffen zerstört haben, die der Irak bis 1998 besaß. Ich halte es für wahrscheinlich, dass nur geringe Mengen an Substanzen, dafür aber hochwertige Produktionsanlagen gefunden werden", sagte der schwedische Diplomat, der bis 1997 Leiter der UNO-Abrüstungskommission UNSCOM im Irak gewesen war, in einem am Mittwoch von der deutschen Tageszeitung "Die Welt" veröffentlichten Interview.

Das momentane Vorgehen der US-Kräfte im Irak scheine sich eher darauf zu konzentrieren, "Anthrax oder den Nervenkampfstoff VX zu finden, als danach zu suchen - was ich selbst für weitaus wichtiger erachte -, nämlich nach den Produktionsanlagen, die nötig sind, um chemische oder biologische Waffen herzustellen. Ohne echte Experten sind diese mitunter nur schwer zu erkennen", sagte der Vorgänger von Hans Blix. "Unsere Erfahrung ist, dass die Irakis die Herstellung dieser Waffen in die Produktion von Rattengift, von Insektiziden oder Pestiziden für den normalen Gebrauch eingebunden haben. Die alte UNSCOM war sehr gut darin, solche Tricks zu durchschauen."

Suche in einem Jahr abgeschlossen

"Erst wenn die irakischen Wissenschaftler anfangen zu reden und wenn diesen Informationen die systematische Suche nach Anlagen folgt, erst dann werden wir finden, wonach wir suchen. Ich habe gesagt, dass es zwei Jahre dauern würde, eine solche Suche in einem Irak abzuschließen, der alles abstreitet. Nun denke ich, könnte die Suche in einem Jahr abgeschlossen werden", sagte Ekeus.

Seiner Ansicht nach dürfte die irakische Führung gemeint haben, es sei "militärisch bedeutungslos, chemische und biologische Waffen gegenüber schnellen Invasionstruppen einzusetzen, während die eigenen Kräfte zusammenbrechen." Im Krieg gegen den Iran (1980-88) habe der Irak chemische Waffen mit einem solchen Erfolg einsetzen können, "weil die gegnerischen Truppen nicht geschützt und in großer Anzahl an festen Punkten stationiert waren." Dass der Irak seine chemischen und biologischen Waffen schnell zerstört hätte, als die Amerikaner einmarschierten, glaubt Ekeus nicht: "Man kann solche Waffen nicht über Nacht zerstören. Wir haben zwei Jahre gebraucht, von 1992 bis 1994, um derartige Substanzen zu vernichten."

Verwirrung

Die UNO-Kontrollore jetzt sofort in den Irak zurückzubringen, würde laut Ekeus Verwirrung schaffen. "Das Wichtigste ist es, zuerst die volle Kontrolle über das Land zu etablieren, damit eine systematische Suche in einem sicheren und freundlich gesinnten Umfeld stattfinden kann. Wenn erst einmal eine irakische Interimsregierung vorhanden ist, dann ist der Zeitpunkt gekommen, internationale Experten einzuladen - eingeschlossen ein aufgefrischtes UNO-Team -, um bei der Suche zu helfen und um zu beglaubigen, was die USA finden werden."(APA)

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    Rolf Ekeus.

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