Umschlagplatz Schweiz?

23. April 2003, 14:42
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Schweizer Museen schlagen Alarm: "Import einer antiken Vase ist einfacher als der einer Tomate"

Genf - Was Schweizer Nummernkonten für Steuerflüchtlinge sind, das ist der Schweizer Kunstmarkt für windige Kunsthändler. Experten rechnen damit, dass über kurz oder lang Objekte aus geplünderten irakischen Museen in der Schweiz auftauchen. "Der Schweizer Markt ist leider ein wichtiger Umschlagsplatz für Raubgut", sagt der Präsident des Verbandes der Museen der Schweiz, Bernard Schüle. Ein Gesetz, das die Ein- und Ausfuhr von Kulturgütern regelt, soll diesen Sommer verabschiedet werden. Dann erst kann die Schweiz die entsprechende UNESCO-Konvention von 1970 unterzeichnen.

Derzeit sei es einfacher, eine antike Vase in die Schweiz zu importieren als eine Tomate, schreibt eine Schweizer Zeitung. Die Plünderungen im Irak haben die Schweizer nun aufgeschreckt. "Was dort passiert, hat dem Gesetz besondere Brisanz gegeben", sagt Schüle. Der Museumsverband und das Kulturministerium haben Händler und Museen aufgerufen, auf den Erwerb möglicherweise geraubter Objekte zu verzichten und entsprechende Angebote der Polizei zu melden.

Umstrittene Rückgabefrist

Der Gesetzesentwurf ist nach Ansicht des Museumsverbandes mittlerweile stark verwässert. Derzeit können rechtmäßige Eigentümer eines Objekts maximal fünf Jahre auf die Rückgabe pochen. "Wir wollten, dass die Frist auf 30 Jahre hinaufgesetzt wird", sagt Schüle. Dies entspreche internationalen Gepflogenheiten. Eine knappe Mehrheit im Parlament setzte jedoch eine Frist von 15 Jahren durch. Nun fürchten die Museen Nachteile im internationalen Tauschverkehr. "Die ausländischen Partner betrachten bereits heute unsere liberalen Bestimmungen sehr kritisch", schrieben sie an den Ständerat.

Angebot, Nachfrage und "Verkehrswert"

Meinungsverschiedenheiten gibt es auch bei der Frage, in welcher Höhe jemand entschädigt werden soll, der "gutgläubig" ein gestohlenes Objekt erworben hat. Nach Ansicht des Parlaments soll derjenige, der das Stück abgeben muss, den "Verkehrswert" erhalten. "Das ist Unsinn", meint Schüle. Denn bei Unikaten gebe es keinen Verkehrswert, der sich aus Angebot und Nachfrage errechne. Ob jemand ein Objekt zurückgebe, hänge schließlich auch davon ab, ob er mit der Erstattung des Kaufpreises rechnen könne.

Wenn das Gesetz über den Transfer von Kulturgütern wie geplant im Sommer verabschiedet wird, sind die ersten Objekte aus irakischen Museen möglicherweise schon in der Schweiz weiter verkauft worden. Als Sofortmaßnahme bietet die Schweiz finanzielle Unterstützung: Im Gespräch ist ein Betrag von 166.000 Euro für die UNESCO. "Der Schock möge heilsam sein, damit entschiedene Kulturschützer die UNESCO-Konvention umsetzen, nicht Krämerseelen. Für gestohlenes, geschmuggeltes oder illegal ausgegrabenes Kulturgut darf es keine Chance geben, einen Käufer zu finden", mahnt die "Basler Zeitung". (apa)

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