Der Kampf der Söhne und Enkel

22. April 2003, 19:27
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Erstmals seit Jahrzehnten können die irakischen Schiiten wieder ungehindert an einer Wallfahrt teilnehmen. Die dabei laut werdenden politischen Parolen richten sich jedoch auch gegen ihre "Befreier"

Als sich die US-Regierung unter George Bush senior 1991 entschied, die Aufstände, die nach dem Ende des Golfkriegs im Süden des Irak ausgebrochen waren, nicht zu unterstützen, spielte die Angst vor "den Schiiten" - als eine bedrohliche homogene religiöse Masse - eine große Rolle. Khomeini war erst zwei Jahre tot, und die Islamische Republik Iran befand sich noch in der Phase des "Revolutionsexports". Die USA befürchteten zweierlei: einen Zerfall des Irak, wobei im Süden ein vom Iran abhängiger, Schiitenstaat entstehen würde, oder gleich eine islamische Revolution in Bagdad. Bush entschied sich für Saddam Hussein als das angeblich kleinere Übel.

Ähnliche Ängste wie 1991 gehen jetzt, angesichts der Menschenmassen in Kerbala, wieder um: Der Ruf nach einem Gottesstaat wurde sofort nach dem Fall des Regimes von Saddam Hussein in Demonstrationen laut - wobei nicht klar ist, welche Konzeptionen, Staatsideen es dafür gibt, und schon gar nicht, welche sich durchsetzen werden.

Denn die irakische Schia besteht aus vielen Gruppen, die im besten Fall friedlich konkurrieren, im schlimmsten Fall Todfeinde sind: Die Ermordung von Abdul Madjid al-Khoei, des aus dem Londoner Exil zurückgekehrten Sohns eines früheren Großayatollahs, vor zehn Tagen wird den Anhängern von Muqtada al-Sadr (22) zugeschrieben, dessen Vater und besonders Großvater ebenfalls berühmte Geistliche waren. Eine andere - die im Westen bekannteste - Gruppe, der "Oberste Rat für die Islamische Revolution im Irak", untersteht mit Mohammed Bakir al-Hakim ebenfalls einem Nachfahren einer höchsten schiitischen Autorität. Wer sich von diesen Söhnen und Enkeln, die sich als Gelehrte zum Teil selbst noch keinen eigenen Namen gemacht haben, durchsetzen wird, ist im Moment nicht abzusehen.

Die Schiiten im Irak, die mit über 60 Prozent die Mehrheit stellen, haben sich nie einer entsprechenden politischen Repräsentation erfreut, obwohl die Darstellung "Sunna ist gleich Pro-Saddam, Schia ist Anti-Saddam" zu kurz gegriffen ist. Bei der ersten Revolution der Baath-Partei 1963 spielten überdurchschnittlich viele Schiiten eine Rolle, ihr Einfluss wurde später zurückgedrängt, zugunsten des engeren, aus Sunniten bestehenden (Clan-)Kreises Saddams. Schiiten befanden sich aber sehr wohl bis zuletzt weiter in hohen Positionen.

Die religiöse Schia wurde jedoch unter Saddam massiv verfolgt, ihre Führer umgebracht; aus Angst davor, dass religiöse Massenveranstaltungen in politische umschlagen könnten, wurden die Wallfahrten stark beschnitten.

Daran änderte nichts, dass den irakischen religiösen Schiiten wichtige Voraussetzungen für politische Stärke fehlen: die enge Beziehung zwischen Ulama (Gelehrten) und "Bazar", der im Iran nicht nur das finanzielle Rückgrat des religiösen Establishments bildet, sondern auch das Mobilisierungspotenzial, das der irakischen Schia gegen die Baath-Partei immer abging. Mangels Sponsoring durch den Staat hat die irakische Schia auch wenig Stiftungsbesitz und dadurch keine selbstständige wirtschaftliche Basis.

Die Schia wurde im Irak erst im 19. Jahrhundert Mehrheitskonfession, damals bekehrten sich die arabischen Stämme in der Umgebung der aufstrebenden Wallfahrtsstädte Nadjaf und Kerbala. Die irakische Schia hat eine starke arabische, auch durch den sunnitischen Staat beeinflusste Identität, was sich in Unterschieden im Ritus und der Rezeption der Lehre insgesamt niederschlägt: Der Mystizismus hatte bei den gestandenen Stammesarabern wenig Chance, und bei den einzelnen religiösen Figuren steht oft das arabische Männlichkeitsideal im Vordergrund und nicht die Märtyrergeschichte.

Ihre doppelte Identität als Araber und Schiiten wäre in einem Nationalstaat Irak an und für sich gut zu Hause, an dessen Bildung sie bei den Aufständen gegen die Briten 1920 führend beteiligt waren und für den sie auch gegen den schiitischen Iran (1980- 88) kämpften. Dem Panarabismus können die irakischen Schiiten aber wenig abgewinnen - ihre ohnehin politisch nicht genutzte Mehrheitsposition im Irak würde in der arabischen Welt in einen Minderheitenstatus umschlagen. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 23.4.2003)

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    Tausende Schiiten versammelten sich vor der Moschee in Kerbala, bis Mittwoch wurde über eine Million erwartet

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