NASA warnt vor Gletscher-Katastrophe

22. April 2003, 19:21
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Satellitenfotos von Eisrissen in den Anden - Provinzgouverneur spricht von "Alarmismus"

Lima/Passadena - Vor einer gigantischen Umweltkatastrophe in den peruanischen Anden haben Wissenschafter der US-Weltraumbehörde Nasa gewarnt. Ein Riss im Gletscher Cupi könne zum Abbruch so großer Eismassen führen, dass der auf 4500 Meter Höhe gelegene Gletschersee Palcacocha überläuft. Die Wassermassen würden innerhalb von weniger als 15 Minuten die im Tal gelegene Stadt Huaraz verwüsten.

Diese Voraussage gründet die Nasa auf die Auswertung von Satellitenaufnahmen. Peruanische Experten haben dagegen schon Zweifel angemeldet.

Dauernde Beobachtung

Laut Nasa hat der Satellit Terra den Gletscher unter permanenter Beobachtung, um bei thermischen Schwankungen sofort Alarm auslösen zu können. "Die Satellitenobservation spielt eine wichtige Rolle, da so Risiken auch in abgelegenen Regionen erkannt werden können", sagte Michael Abrams, der im kalifornischen Pasadena die Beobachtungen durchführt.

Die so erhaltenen Daten würden nun von peruanischen Geologen durch eigene Bodenmessungen ergänzt. So könnten rechtzeitig vorbeugende Maßnahmen ergriffen werden.

In Peru wurde die Nachricht jedoch mit Skepsis aufgenommen. Benjamin Morales vom Anden-Institut erklärte der peruanischen Presse, große Risse seien völlig normal in den Gletschern der Anden. Satellitenbilder könnten diese zwar aufzeigen, seien aber nicht in der Lage, Naturkatastrophen vorherzusagen.

"Alarmismus"

Der Provinzgouverneur Freddy Ghilardi beschwerte sich über diesen "Alarmismus", der Touristen abschrecke und die Bevölkerung verunsichere. Huaraz liegt rund 400 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Lima und ist ein beliebtes Wintersportzentrum. Mehr als 60.000 Menschen leben dort.

Ghilardi bat den US-Botschafter, bei der Nasa eine eindeutige Bestätigung oder aber ein Dementi einzuholen. Es sei ein wenig verdächtig, dass diese Information just zur Hochsaison über Ostern publik gemacht worden sei, fügte er hinzu.

Der Katastrophenschutz in Huaraz arbeitete aber sicherheitshalber schon einmal Evakuationspläne aus, wie ein Mitarbeiter erklärte. Zuletzt war Huaraz 1972 überflutet worden, 1941 wurde der Ort durch eine Flutwelle zerstört; 7000 Menschen kamen damals ums Leben.

Der Satellit Terra wurde im Dezember 1999 in die Umlaufbahn gebracht, unter anderem, um frühzeitig vor Naturkatastrophen wie etwa Wirbelstürmen und Vulkanausbrüchen zu warnen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 4. 2003)

Von Sandra Weiss aus Montevideo
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