Lärmende Himmelfahrt eines tapferen Generals

22. April 2003, 19:18
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Das Berlioz-Requiem im Konzerthaus

Wien - Für moribunde Prominenz ist Wien die Sterbestadt der Wahl. Denn das Sortiment bestellbarer Totenmessen ist mittlerweile recht ansehnlich: Abgesehen von Verdis und Mozarts Requiem, das Philharmoniker und Symphoniker jederzeit auf Abruf liefern können, ließe sich auch jenes von Otto M. Zykan noch auffrischen, und, wie man hört, hat auch Friedrich Cerha ein solches in Arbeit.

Und wer sich besonders lärmend ins Jenseits geleiten lassen möchte, kann sich nun vertrauensvoll an Betrand de Billy und sein RSO wenden, die am Ostermontag, verstärkt durch die von Heinz Ferlesch studierte Wiener Singakademie und die von Altmeister Norbert Balatsch präparierte Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor im Wiener Konzerthaus ziemlich unüberhörbar und insgesamt recht eindrucksvoll darauf aufmerksam machten, dass sie ab sofort mit der Grande messe des morts op. 5 von Hector Berlioz dienen können.

Ihre Uraufführung am 5. Dezember 1837 erfolgte zu Ehren des in Algier gefallenen französischen Generals Charles Denys de Damremont. Da Generäle heutzutage nicht nur in einem neutralen Land wie Österreich friedlich im Bett und längst nicht mehr auf dem Feld der Ehre zu sterben pflegen und sich Österreichs sonstige Obrigkeit, wie man aus ihren forschen Reformplänen ersichtlich, bester Gesundheit erfreut, fand diese Wiener Aufführung sozusagen "auf gute Meinung" statt.

Und hatte auch sonst mit der Uraufführung wenig gemein. Griff doch deren damaliger Dirigent, Fran¸cois-Antoine de Habeneck, just an einer der heikelsten Stellen während des "Tuba mirum" im Dies Irae nach seiner Schnupftabakdose und gönnte sich seelenruhig eine Prise. Wäre der Komponist nicht blitzschnell an das Pult gesprungen, um die Aufführung zu Ende zu dirigieren, wäre diese im Chaos versunken.

Bei Bertrand de Billy hätte sich Berlioz glücklicherweise zu keinerlei Intervention genötigt gesehen. Er verstand es nämlich, die diversen Formationen mit klarer gestischer Pragmatik zusammenzuschalten und, ungeachtet kleiner Unsicherheiten im Hinblick auf Einsätze und Intonation, die magische Wucht dieses Monsterwerkes wirksam zu entfesseln.

Auch die Kontraste zwischen sensibler, beinah kammermusikalischer Lyrik und eruptiven Entladungen waren von einprägsamer Theatralik. Durch Giuseppe Sabbatinis nachdenkliches und prächtiges Tenorsolo erfuhr diese im Sanctus noch ihre festliche Steigerung. (Peter Vujica/DER STANDARD; Printausgabe, 23.04.2003)

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