Reise in die Finsternis

23. April 2003, 16:59
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Christoph Marthaler zeigt die szenische Paraphrase "Lieber nicht. Eine Ausdünnung" an der Berliner Volksbühne

An der Berliner Volksbühne brachte Christoph Marthaler seine szenische Paraphrase "Lieber nicht. Eine Ausdünnung" über Herman Melvilles Verweigererfigur Bartleby heraus: Dessen düsterste Inszenierung über das Verschwinden ist eine herausragende Herausforderung.


Thomas Irmer aus Berlin

Zehn Jahre ist er alt und läuft immer noch, der Kultabend Murx den Europäer! Nun als Teil eigens ausgerufener Marthaler-Festspiele, zu deren Eröffnung Lieber nicht. Eine Ausdünnung an der Berliner Volksbühne Premiere hatte. Christoph Marthaler wurde gefragt, ob er nicht Lust hätte, Herman Melvilles Bartleby auf die Bühne zu bringen. "Lieber nicht", antwortete er.

"I would prefer not to", ist auch die einzige Äußerung Bartlebys. Der Büroschreiber beginnt, einzelne Aufträge abzulehnen, schließlich verschwindet er hinter einer spanischen Wand, um alle Auskünfte zu verweigern und am Ende, im Gefängnis, auch die Nahrungsaufnahme. Diese "Story of Wall Street" gilt in der US-Literatur als Manifest des Negativen: Bartleby ist ein Totalverweigerer, um ihn herum nur Business.

Pianistenhände rasen über Flügeltasten - ein düster perlender Einstieg in den riesigen Raum. Wie immer hat Anna Viebrock Marthalers Bühne entworfen, hier ist sie ein zur Übergröße verzerrtes Kontor, in dem insgesamt zehn Klaviere und Flügel stehen. Ganz hinten die Wand, hinter der B. möglicherweise verschwindet, darüber ein paar absurd kleine Fenster, daneben ein separiertes Büro mit Schreibmaschinen. Über dessen Eingang steht "Dead Let", ein Verweis auf ein Detail bei Melville: Bartleby habe früher in einem "Dead Letter Office" für unzustellbare Briefe gearbeitet, wo er einen psychischen Knacks erlitt. "Dead Let" ist genau die Art Marthaler-Botschaft, die für seinen Umgang mit Stoffen typisch ist: ein exaktes Detail aus der Vorlage zur mehrschichtigen Bedeutung reduziert, zur Signatur.

Bartlebys berühmter Satz kommt nämlich gar nicht vor, es gibt überhaupt keinen Dialog, und auch die Figurenkonstellation wird ganz überraschend umgedeutet. In der grauen Todeszone gibt es, und das ist Marthalers bewegende Erfindung, ein weibliches Gegenprinzip. Zwei ältere Frauen treten auf, um in der Art von Schuhverkäuferinnen den Pianisten graue Halbschuhe anzubieten - worauf ein jeder mit seinen Schuhen plötzlich bewegter musiziert.

Außerdem werden die Frauen (Susanne Düllmann und Heide Kipp) zu mütterlichen Gesangs- und Tanzpartnerinnen für die Kanzlisten. Diese sind Melvilles Personage nachempfunden, ohne sie direkt abzubilden: Der Chef (Ulrich Voß) befehligt demnach vier Schreiber. Entscheidend ist jedoch, dass die Grenze zwischen B. und seinen Kollegen und den als Bartleby-Musikern aufgefächerten Pianisten nicht klar erkennbar ist: B. existiert mindestens zweifach, verkörpert von Matthias Matschke und Alexander Scheer, und den Pianisten Jochen Neurath, Stefan Schreiber und Clemens Sienknecht.

Natürlich gibt es die amerikanische Nationalhymne in verfremdeter Form, stumm mit Lippenbewegungen. Natürlich spielen die großartigen Musiker auch aus Charles Ives' Variations on America.

Und mit Spirituals, Nachtstücken und Trauermärschen bewegt sich der Abend auf ein Lied von George Frederick Root zu, 1862 geschrieben: Just before the Battle, Mother. Die Ansprache an die Mutter überschreitet die Welt der Kanzlei, in der das weibliche Prinzip offenbar zum Scheitern verurteilt ist. Mehrstimmig und immer wieder, bis es wie das Licht auch als Lied allmählich verdämmert.

Die Melancholie wurde diesmal nicht versüßt. Wie die Geschichte selbst schon gebremste Handlung ist, kann Marthaler sie nur noch weiter "ausdünnen", wobei deren musikalisch-assoziative Erweiterung tatsächlich zur beklemmenden Intensivierung seines Theaters beiträgt. (DER STANDARD; Printausgabe, 23.04.2003)

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