Kopf des Tages: Michail Chodorkowski

22. April 2003, 19:44
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Ein Russischer Raubritter erringt Respekt

Sie sind die eigentlichen Väter des neuen Russlands, jene Männer, die in der chaotischen Umbruchszeit unter Michail Gorbatschow Banken und Unternehmen gründeten, Boris Jelzin an der Macht hielten, sich in einem der größ- ten Raubzüge der modernen Geschichte die wichtigsten Staatsunternehmen unter den Nagel rissen und dann Vermögen und Einfluss selbst vor der Rubelkrise von 1998 retteten.

Vom einstigen Kleeblatt der "Oligarchen" - Boris Beresowksi, Wladimir Gussinski und Michail Chodorkowski - sind die ersten beiden allerdings am Glauben gescheitert, sie könnten Wladimir Putin ähnlich wie Jelzin in die Tasche stecken. Nur Chodorkowski, der jüngste von ihnen, hielt sich von Politik fern, arrangierte sich mit dem neuen Kremlherrn und konzentrierte sich allein aufs Geldverdienen. Mit Erfolg: Die Kontrolle über den Ölkonzern Yukos gibt dem 39-Jährigen ein Vermögen von vier Milliarden Euro und macht ihn zum reichsten Mann Russlands. Mit der Übernahme des Rivalen Sibneft wird der Russe einer der großen Spieler in der globalen Ölindustrie und kommt seinem Vorbild David Rockefeller immer näher.

Klein begonnen

Wie Rockefeller hat auch Chodorkowski klein begonnen: Als einziges Kind einer jüdischen Arbeiterfamilie ist er anfangs begeisterter Kommunist und wird während seines Chemiestudiums Funktionär in der Jugendbewegung Komsomol. Unter Gorbatschow lässt die KP die Parteijugend Kapitalismus spielen. Chodorkowski verkauft Matroschka-Puppen von Gorbatschow, importiert Computer, und gründet eine der ersten russischen Privatbanken. In seinem Buch "Der Mann mit dem Rubel" schreibt er bald: "Unser Kompass heißt der Profit, unser Idol das Kapital, unser Ziel die erste Milliarde."

1995 erwirbt er in einem fragwürdigen Privatisierungsdeal Yukos-Aktien auf Pump und dankt es Jelzin, indem er im folgenden Jahr gemeinsam mit den anderen Oligarchen dessen Wiederwahl finanziert. Während und nach der Rubelkrise geht seine Menatep-Bank Pleite. Westliche Kreditgeber und Investoren verlieren ihren Einsatz, aber Chodorkowski sichert sich die Mehrheit an Yukos, die dank steigender Ölpreise rasant an Wert gewinnt. "Er war der größte aller Abzocker", sagt ein westlicher Fondsmanager.

Wandlung

Doch mit seinen Milliarden im Trockenen wandelt sich der in zweiter Ehe verheiratete dreifache Vater und Sciencefiction-Fan. Er predigt saubere Corporate Governance, lädt westliche Manager in sein Team ein und macht aus Yukos den Vorzeigekonzern von Putins Russland. 2001 tritt er gar als Retter der maroden britisch-norwegischen Kvaerner-Gruppe auf. Auch sein Lebensstil bleibt für Moskauer Verhältnisse bescheiden. Chodorkowski hat es geschafft: Er ist reich, mächtig und genießt nun auch im Westen Respekt. (Eric Frey, DER STANDARD, Printausgabe23.4.2003)

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    Michail Chodorkowski baut einen der weltgrößten Ölkonzerne auf.

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