Irakische Schiiten

22. April 2003, 13:21
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Bagdad - Aus allen Himmelsrichtungen sind irakische Schiiten in den vergangenen Tagen in die Stadt Kerbala gepilgert. Die bis Mittwoch dauernden religiösen Feierlichkeiten in der heiligen Stadt im Zentrum des Irak sind für sie von großer politischer Bedeutung, denn nach jahrzehntelanger Unterdrückung durch Saddam Hussein hoffen die Schiiten im Irak für die Zukunft auf ein stärkeres politisches Gewicht.

Von etwa 22 Millionen Irakern gehören Schätzungen zufolge etwa 55 Prozent der schiitischen Konfession an, die im Nachbarland Iran Staatsreligion ist. Weitere 20 Prozent sind sunnitische Araber, die übrigen 25 Prozent sunnitische Kurden. Offizielle Angaben liegen nicht vor: die konfessionelle Gliederung der Bevölkerung war eines der am besten gehüteten Tabus im Irak. Schiiten bilden neben den Sunniten die kleinere der beiden Hauptgruppen des Islam. Rund ein Zehntel aller Moslems weltweit sind Schiiten.

Für die Schiiten ist der Irak historisches Kernland, acht der von ihnen verehrten zwölf Imame liegen dort begraben. Die heilige Stadt Najaf war lange Zeit das wichtigste Zentrum für schiitische Studien. Hier befindet sich das Grab des ersten Imams Ali, dem Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, auf den die schiitische Glaubensrichtung im Islam ihre Entstehung zurückführt. In Kerbala liegt der dritte Imam Hussein begraben.

Die Glaubensgemeinschaft ist im Irak nicht straff organisiert, die Würdenträger sind zerstritten. Gegenüber den religiösen Machthabern aus dem Iran bewahrten die irakischen Schiiten ihre Eigenständigkeit. Zu ihrem historischen Selbstverständnis gehört auch, sich den wechselnden weltlichen Obrigkeiten in ihrem Land niemals gebeugt zu haben. Der Zusammenstoß mit dem totalitären Herrschaftsanspruch der panarabisch-nationalistischen und laizistischen Baath-Partei, die 1968 im Irak die Macht übernahm, war programmiert.

Die Führung in Bagdad beendete das schiitische Feudalsystem und schwächte die wirtschaftliche Basis der einst wohlhabenden schiitischen Händlerschicht. Die Behörden wiesen hunderttausende Schiiten aus dem Irak aus, die sich im Umkreis der Wallfahrtsorte Najaf und Kerbala niedergelassen hatten. Durch Ansiedlung deportierter Kurden in den schiitischen Gebieten im Süden versuchten sie, das demografische Kräfteverhältnis zu ändern. 1979 ließ Saddam Hussein den höchsten schiitischen Würdenträger des Irak hinrichten.

Die staatliche Repression beantworteten die Schiiten mit einer Reihe von Aufständen und vereinzelten Gewalttaten. Zur größten, blutig niedergeschlagenen schiitischen Erhebung kam es nach dem verlorenen Golfkrieg Anfang 1991. In den Kämpfen wurden auch die Grabmoscheen der Imame Ali und Hussein in Najaf und Kerbala schwer beschädigt. (APA/AFP)

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