Zwischen allen Stühlen: Irakische Christen

22. April 2003, 13:52
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Nahost-Experte Gstrein befürchtet Probleme für Bevölkerungsgruppe wegen angeblicher Begünstigung durch Saddam-Regime

Zürich/Bagdad - Für die irakischen Christen hat nach den Schrecken des Bombenkrieges und dem Chaos seit dem Fall von Präsident Saddam Hussein eine ungewisse Zukunft begonnen, berichtet der Nahostspezialist Heinz Gstrein am Dienstag gegenüber der Kathpress. Auf den Christen laste die Zusammenarbeit von Vize-Ministerpräsident Tarek Aziz und anderen Politikern christlicher Herkunft mit dem gestürzten Regime. Die Herrschaft der - vom syrischen Christen Michel Aflaq begründeten - Baath-Partei sei in religiöser Hinsicht pluralistisch gewesen. Nun drängten aber radikale islamische Kräfte nach oben, nicht nur bei den Schiiten, sondern auch den Sunniten und Kurden.

Schiietische Plünderer hatten mehrheitlich "Ehrfurcht vor christlichen Sakralgegenständen"

Allein schon die Kriegsschäden seien für die Christen schlimm genug gewesen, berichtet Gstrein. Abgesehen vom chaldäisch-katholischen Patriarchat im Westen der irakischen Hauptstadt sowie einer ganzen Reihe von Kirchen und Schulen in Bagdad, Mosul und Kirkuk seien im Nordirak ganze christliche Dörfer ausgebombt oder von den anrückenden kurdischen Peschmerga-Milizen in Trümmer geschossen worden. Die Plünderungen nach dem Zusammenbruch der Saddam-Diktatur hätten allerdings im kirchlichen Bereich weniger Schäden angerichtet als befürchtet. Pfarrgemeinden und Klöster hätten in den Kriegstagen schon alles mit der oft islamischen Nachbarschaft geteilt und Ausgebombten Obdach gewährt, erklärt der Nahost-Experte. Auch dürften die mehrheitlich schiitischen Plünderer Ehrfurcht vor christlichen Sakralgegenständen gehabt haben.

Große Zerstörung in christlichen Vierteln Bagdads

Schwer heimgesucht worden seien jedoch die Wohnviertel der Bagdader Christen und deren Geschäfte. Da es sich bei den meisten von ihnen um kleine Handwerker und Händler handle, stehen sie laut Gstrein jetzt vor dem Nichts. Viele chaldäische und assyrische Christen seien vor den Bomben aus den Metropolen in die kleinen Bergstädte um Mosul geflohen, können nun aber nicht mehr zurückkehren, da daheim nur noch nackte Wände auf sie warteten. Viele leere christlichen Wohnungen seien bereits von obdachlosen Schiiten besetzt worden. Gstrein befürchtet nun, dass wie schon in den Sanktionsjahren 1990 bis 2002 viele irakische Christen ihr Heil in der Auswanderung suchen werden, nachdem ihre Zahl von ursprünglich eineinhalb Millionen bereits auf weniger als die Hälfte gesunken sei. Insgesamt wohnen rund 23 Millionen Menschen im Irak.

Kirchenbesetzung in Basra

Zu einer regelrechten Kirchenbesetzung sei es allerdings unter den Augen der britischen Besatzer in Basra durch militante Schiiten gekommen, sagte Gstrein. Es handle sich um die chaldäisch-katholische Kathedrale der südirakischen Stadt. Gerade für die Schiiten seien die irakischen Christen nun Freiwild, da sie vom Saddam-Regime begünstigt worden wären. Tatsächlich berichteten Bischöfe, Priester und Laien, sie hätten ihre relative Freiheit mit völliger politischer Knechtung und serviler Unterwürfigkeit zu bezahlen. "Wer auch darin ein Christ zu sein versuchte, dass er Verfolgten der Diktatur beistand, wanderte selbst in die Folterkammern und Katakombenkerker Saddams", betonte der Nahost-Experte.

Vorläufig schlössen aber die neuen amerikanischen und britischen Herren des Irak die Christen - die bis weit ins Mittelalter die Bevölkerungsmehrheit gestellt hätten - von der Mitarbeit an der neuen Staatsordnung aus, beklagt Gstrein. Auf der Versammlung künftiger irakischer Volksvertreter Mitte April in Nassiriyah seien nur Moslems und Kurden vertreten gewesen, aber kein einziger Sprecher der chaldäischen oder assyrischen Christen.

Alarmstufe 1 im Vatikan

Im Vatikan und beim Weltkirchenrat herrsche nun "Alarmstufe 1", weil man eine Wiederholung des Szenarios aus der Zwischenkriegszeit befürchte, als die britische Kolonialmacht den Irak mit islamischen Arabern und Kurden gegen die ostsyrischen Christen regierte. Die Folge war ein verzweifelter Assyrer-Aufstand, der von den Engländern brutal niedergeschlagen wurde; der Völkerbund habe damals als Lösung nur einen Bevölkerungstransfer nach Brasilien vorzuschlagen, sagte Gstrein. Diese Tragödie sei im Bewusstsein der irakischen Christen bis heute präsent. (APA)

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