"Die Augen immer am Ball haben"

22. April 2003, 11:13
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Interview mit dem Medienwissenschafter Peter A. Bruck

DER STANDARD: Die Research Studios Austria versuchen, IT-Technologien am Markt orientiert zu entwickeln. Wie eng darf die Partnerschaft mit der Wirtschaft sein?

Peter A. Bruck: Es ist für mich eine intellektuelle Herausforderung, den oft gesehenen Widerspruch zwischen Wirtschaft und Wissenschaft aufzuheben. Forschung und Entwicklung können originell und wirtschaftsnah sein. Ich hab' da nicht nur keine Berührungsängste, ich sehe das als die Schlüsselherausforderung im Bereich der IT-Technologien. Nehmen Sie die vielen Ausfälle in der Softwareentwicklung, deutlich über 50 Prozent der Projekte werden erfolglos zu Ende gebracht. Man muss wissen, wann man mit einem Produkt am Markt sein muss und was möglich ist. Das kann die außeruniversitäre Forschung bewirken.

DER STANDARD: Welche konkreten Überlegungen stehen nun hinter den Studios?

Peter A. Bruck: Ein Vergleich: Das ist wie beim Tennisspielen. Man kann den Schläger anschauen und sagen, ich muss ihn so oder so halten, damit ich gewinne. Wirklich gut spiele ich dann, wenn ich das Auge am Ball habe. Und mir ist es wichtig, dass wir das Auge nicht am Schläger haben, wir sollten also nicht fragen: Was habe ich für eine Struktur? Ich muss das Auge am Ball haben und fragen: Wie komme ich zum Ergebnis? Und das schnell und konsequent.

DER STANDARD: Hierzulande begegnet man Wissenschaftern skeptisch, die so denken und arbeiten. Warum?

Peter A. Bruck: In Österreich haben wir eine sehr stark auf institutionelle Zugehörigkeit hin orientierte Absicherung von Menschen. Wenn sie bei einer Organisation arbeiten, werden sie belohnt, wenn sie lange dort sind. Bestandsdenken führt jedoch dazu, dass Menschen Energie, Freude und Impulse verlieren. Ich habe einen hohen Respekt davor, wie viel Produktivität Wissenschafter in Österreich mit relativ schwierigen Strukturvoraussetzungen an den Tag legen. Jedoch ist es auch so, dass veraltete Strukturen in den Leuten leben, und da muss man auch sagen, dass es leider genug gibt, die auch andere in ihrer Entwicklung behindern.

DER STANDARD: Betrifft das auch den multimedialen Bereich, Ihr Forschungsgebiet?

Peter A. Bruck: Mit der von der Rundfunk- und Telekomregulierungsbehörde ins Leben gerufenen digitalen Plattform gelang ein Schritt nach vorne. Der nächste Schritt wäre, dass das, was da diskutiert wird, eine medienpolitische Umsetzung erfährt. Man müsste zum Beispiel digitale TV-Projekte wie jenes in Graz dementsprechend finanzieren. Die Deutschen haben sich so ein Projekt Mitte vergangenen Jahres vorgenommen und haben schon begonnen, es in Berlin umzusetzen. Bei uns ist noch nicht klar, wann es kommt. Da komme ich zum Schluss: Wir haben in Österreich zu wenig strukturiert experimentiert. Wir haben auch viel zu wenige Formatmodelle ausprobiert, ehe wir mit dem Privatradio begonnen haben. Man wollte damals Pluralismus im Sinne von Vielfalt, man hat zwar jetzt mehr und auch Wettbewerb, aber der Wettbewerb, den wir haben, schafft Einheitsbrei. Da fehlt es an Vision, da fehlt es an Druck, den Bestandskräften Offenheit für Experimente abzuverlangen.

DER STANDARD: Könnte es sein, dass diese "Bestandskräfte" oder Medienkonzerne zu mächtig sind, um offen zu sein?

Peter A. Bruck: Das habe ich schon vor zehn Jahren klar gesagt: Die österreichische Medienpolitik befand sich und befindet sich auch heute noch, wenn auch eindeutig geringer, in einer Geiselhaft der Marktbeherrschenden. An der Analyse sind nicht viele Abstriche zu machen. Es gibt schon eine Beschleunigung in einigen Initiativen und von Diskussionen. Die Entschlusskraft, neue Technologien einzusetzen, ist aber noch nicht beinhaltet.

DER STANDARD: Was muss also geschehen?

Peter A. Bruck: Die Rahmenbedingungen müssen sich ändern. Man muss von Punkt null weg an die Dinge nach Gesichtspunkten der Vielfaltschaffung und des Erhaltes herangehen: Was braucht der Markt? Wo klaffen Lücken in der Versorgung mit Inhalten? Vielfalt ist nach der europäischen Menschenrechtskonvention ein für sich allein stehendes schlüssiges Ziel. Vielfalt von Information, Meinungsaustausch, kulturellen Formaten. In Österreich fehlt der Wille, die existierende Willensäußerung auch umzusetzen und den Weg zu gehen. Und vielleicht das Wissen, wohin man überhaupt genau will. Aber: Es gibt keine Zukunft, außer man tut sie.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 4. 2003)

Peter A. Bruck kritisiert veraltete Strukturen. Als Leiter der Research Studios versucht er nun, die Entwicklung neuer Technologien voranzutreiben. Peter Illetschko sprach mit dem Medienwissenschafter.
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