An Feinden hat das iranische Regime keinen Mangel

4. August 2010, 18:43
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In Hamadan, dem Schauplatz des angeblichen Attentats, gibt es keine ethnischen oder anderen Spannungen

So entschieden unentschieden - ein Feuerwerkskörper zum freudigen Empfang des Präsidenten - wie die iranische Regierung dementiert, dass es in Hamadan einen feindlichen Akt gegen Ahmadi-Nejad gegeben hat, konnte man am Mittwoch fast nicht anders als an einen Attentatsversuch zu glauben.

Ahmadi-Nejad und seiner Entourage ist auch zuzutrauen, dass ihnen das bewusst ist, denn innenpolitisch hat der Glauben an ein Attentat seine Vorteile: Wenn schon mit dem Beweis für die Verletzbarkeit des Präsidenten der Nimbus etwas angeschlagen ist, will man zumindest vom Solidarisierungseffekt, der sich unweigerlich bei manchen unentschiedenen Iranern und Iranerinnen einstellen wird, etwas haben. Denn nach Ahmadi-Nejads Andeutungen, dass ihm Israel nach dem Leben trachte, wird für manche der Verdacht naheliegen, dass der Anschlag von außen gesteuert ist.

Dabei hat der Präsident auch innerhalb des Iran genügend Feinde. "Sollte tatsächlich ein Anschlag auf Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad verübt worden sein, wäre dies eine dramatische Eskalation der politischen Spannungen innerhalb der islamischen Republik" , sagt Walter Posch, österreichischer Iranist bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Bei Hamadan, auf dem Weg von Teheran nach Bagdad gelegen, denkt man nicht an Konflikte, die die Stadt als Attentatsort prädestinieren würden. Geografisch am nächsten sind noch die Kurdengebiete, wo traditionell Opposition gegen die Islamische Republik vorhanden ist. Die im Mai erfolgten Hinrichtungen von fünf 2008 zum Tode verurteilten Kurden, darunter eine Frau, die zur PJAK gehörten, der iranischen Schwesterpartei der PKK, haben neue Wut erzeugt in einer Region, in der es seit dem Amtsantritt Ahmadi-Nejads zu mehr Vorfällen gekommen ist.

Das einzige wirkliche Terrorismusproblem hat das Regime in Belutschistan. Ein Gemisch aus ethnisch-religiöser Unzufriedenheit sowie Drogen- und andere Schmuggelkriminalität überziehen die Provinz mit Unsicherheit, die sunnitisch-extremistischen Gruppen, allen voran der Jundallah (Soldaten Gottes), Zulauf beschert. Große Attentate kommen regelmäßig vor und richten sich immer gegen Behörden und Sicherheitskräfte, zuletzt im Juli gegen eine Moschee, in der Pasdaran beteten. Bisher beschränkt sich dieser Terrorismus aber auf die Provinz selbst. Teheran hat wiederholt die USA und Saudi-Arabien der Unterstützung der Jundallah bezichtigt.

Als Opposition geraten auch immer die Volksmujahedin mit ihrer terroristischen Vergangenheit in Verdacht, sie dementierten am Mittwoch jedoch. Zum Image der "grünen Bewegung" , der Opposition nach den manipulierten Präsidentschaftswahlen 2009, passt hingegen ein Attentat nicht. Ihre Führer und Mitglieder betonen ihre prinzipielle Gewaltlosigkeit, ihre "Horizontalität" prädestiniert sie auch nicht zur Planung - wobei am Mittwoch nicht viel Planung dahintergesteckt sein dürfte.

Es ist natürlich nie auszuschließen, dass sich ein Zweig radikalisiert. Was auf alle Fälle zu fürchten ist: Auch wenn die Opposition nichts mit dem Attentat, so es eines gab, zu tun hat, das Regime wird sie dafür bezahlen lassen. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 5.8.2010)

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