Die Hilfe im "Haus mit den vielen Mädchen"

4. August 2010, 18:39
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Lernen, den Lehrherrn nicht zu schlagen und das Frühstück selbst zu machen: In Linz sorgt das Zentrum Spattstraße für Kinder und Jugendliche mit Problemen.

Linz - Während eines TV-Berichts über einen tödlichen Autounfall dreht sich die Mutter zu ihrer Tochter um und sagt lapidar: "Schade, dass du nicht in dem Auto gesessen bist." Eine 14-Jährige, die nach sexuellem Missbrauch von zu Hause flüchtet und über Tage nicht verbal kommuniziert, sondern immer wieder nur zusammengekauert auf dem Boden liegt. Beispiele aus dem Alltag des Zentrums Spattstraße in Linz, der größten Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche in Krisensituationen in Oberösterreich.

Vor 45 Jahren wurde die Diakonie-Einrichtung von der evangelisch-methodistischen Kirche gegründet - damals als Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die nach dem Ungarnaufstand allein nach Österreich gekommen waren. Erst langsam entwickelte sich daraus die heutige Funktion.

Komplettbetreuung gegen Gewaltbereitschaft

Durchschnittlich 500 Mitarbeiter sind im Einsatz - Sozialbetreuer, Lehrer, Ärzte. Neben der Hilfe und Unterbringung für die in welcher Form auch immer in ihren Familien Vernachlässigten oder Misshandelten gehört auch ein integrativer Kindergarten und ein Sonderkrankenhaus für Kinder- und Jugendpsychiatrie dazu.

Das Schwierige bei den jungen Patienten sei, das Vertrauen aufzubauen, sagt Michael Merl, der ärztliche Direktor des Spitals. Was er als Behandlungserfolg sieht? "Wenn sie emotional reguliert sind und erkennen, dass sie etwas wert sind. Bei einer Ausbildung ist es beispielsweise wichtig, auf den Meister nicht mit Fäusten loszugehen" , was laut Merl immer wieder erfolgreich gelingt. "Ich habe eine Patientin, die Jus studiert hat und als Staatsanwältin arbeitet."

Knapp 13 Millionen Euro Umsatz hat das Zentrum im Vorjahr gemacht. Im Vergleich zur gesamten Diakonie ist das wenig. 255 Millionen Euro setzten die gut 6000 Mitarbeiter, von denen 78 Prozent Frauen sind, 2009 um. Wie bei fast allen sozialen Organisationen stammt der Großteil der Einnahmen von der öffentlichen Hand und den Krankenkassen, Spenden machen nur 2,4 Prozent aus.

Zurück zur Familie als Ziel

Oberstes Ziel in der "Spatti" , wie die Einrichtung intern genannt wird, sei die Reintegration in die Familie, sagt Gerhard Eisschill, Leiter der sozialpädagogischen Maßnahmen. Dafür sei es aber nötig, mit den Eltern zu arbeiten. "Es gibt durchaus Eltern, die reflektieren können und die Situation ändern. Das Ganze ist oft auch eine Chance für die Familien - es gibt völlig überforderte Eltern, oder die Mutter wurde selbst missbraucht." Allerdings: Bei Missbrauch in der Familie müsse man einen Schnitt mit dem Täter machen.

70 Prozent der Klienten kommen aus Alleinerzieherhaushalten. Oft mit trister finanzieller Situation. Bei Migranten ist die Problematik noch komplexer. "Manche sind durch Erlebnisse in der Heimat traumatisiert. Doch auch die Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Tradition verunsichert die Eltern. Zu Konflikten kommt es dann, wenn die Tochter einen österreichischen Freund hat."

WG für junge Frauen

Eine der Hilfseinrichtungen ist auch "das Haus mit den vielen Mädchen" , wie das Gebäude in zentraler Lage in Linz von manchen Nachbarn genannt wird. Neun junge Frauen können hier maximal in zwei Garçonnièren und fünf Zimmern untergebracht sein. Eine von ihnen ist Viktoria (Name geändert). "Ich bin seit dem 28. September 2009 hier" , antwortet die 16-Jährige so schnell, als habe man sie nach ihrem Geburtstag gefragt. "Das Datum merkt man sich" , erklärt sie. In ihrer Garçonnière stehen einfache Möbel und ein großer Messingspiegel, den sie selbst gekauft hat. Es ist ihr etwas peinlich, dass nicht alles völlig aufgeräumt ist, aber sie muss erst am Abend damit fertig sein.

"Wir versuchen, die Mädchen zur Selbstständigkeit zu erziehen" , sagt Irene Faderl, Sozialpädagogin im Haus. Alle müssen in die Schule oder an den Arbeitsplatz gehen, das Frühstück selbst machen, und es werden Putzdienste eingeteilt. Begeistert war Viktoria davon nicht, als sie gekommen ist. Auch einen verpflichtenden Gruppenurlaub gibt es im Sommer, eingesperrt fühlt sich der Teenager trotzdem nicht. Ihr einziger Wunsch: Mehr Geld - mit 60 Euro Taschengeld im Monat kommt sie schwer aus. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 5.8.2010)

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  • Putzpflicht und Gruppenurlaub: Eingesperrt fühlt sich die 16-jährige Viktoria in ihrer Garçonnière des Zentrums Spattstraße in Linz dennoch nicht.
    foto: möseneder

    Putzpflicht und Gruppenurlaub: Eingesperrt fühlt sich die 16-jährige Viktoria in ihrer Garçonnière des Zentrums Spattstraße in Linz dennoch nicht.

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