Mitten im Interview mit derStandard.at legte der deutsche Entwicklungsminister Dirk Niebel einfach den Hörer auf
Turbulente Wochen lagen hinter Dirk Niebel als derStandard.at kurz vor der parlamentarischen Sommerpause beim deutschen Entwicklungsminister um einen Interviewtermin anfragte. Wenige Wochen zuvor hatte Israel Niebel die Einreise in den
Gaza-Streifen verweigert. Der FDP-Minister und Vizepräsident der Deutsch-Israelischen
Gesellschaft reagierte eher undiplomatisch auf den Affront und richtete
Israel aus, für das Land stehe es jetzt „fünf vor zwölf" in Bezug auf
die Gaza-Blockade, was widerum für Irritationen sorgte. Später ruderte er zurück, bezeichnete die Formulierung als
"unglücklich", nahm aber inhaltlich nichts davon zurück.
Unter anderem darüber wollten wir mit Dirk Niebel bei einem telefonischem Interview reden. Doch die ihm verweigerte Einreise in den Gaza-Streifen und
die folgende diplomatische Verstimmung konnte dabei gar nicht
besprochen werden. Denn nachdem rund ein Drittel der vorbereiteten
Fragen gestellt und beantwortet waren, legte Niebel mit den Worten "Das
Gespräch ist beendet" den Hörer auf.
Pressesprecher: "Ja, da reagiert er immer genervt"
Die Frage, die dazu führte, dass Niebel das Interview abbrach, betraf die Personalpolitik
im Bundesministerium für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und
Entwicklung (BMZ). Seit seinem
Amtsantritt hat Niebel dort kräftig aufgeräumt und die Staatssekretäre,
alle Abteilungsleiter und die Pressestelle personell ausgetauscht.
Durchaus ein üblicher Schritt, wenn ein neuer Minister ins Amt kommt.
Schließlich muss er seinen engsten Mitarbeitern vertrauen können. Bei
Niebel riefen die Personalwechsel allerdings Kritik hervor. Sogar der
Personalrat des BMZ rügte, dass viele Stellen mit fachfremdem Personal besetzt worden seien.
Die Oppositionsparteien im deutschen Bundestag warfen Niebel zudem
vor, Posten im Ministerium allzu leichtfertig an Parteifreunde zu
vergeben. Besonders die Berufung von Friedel Eggelmeyer, FDP-Mitglied
und Oberst außer Dienst, zum Abteilungsleiter im Ministerium wurde heftig kritisiert.
Und auch derStandard.at wollte wissen: "Was qualifiziert den ehemaligen
Kommandanten eines Panzerbataillons für den Job als Abteilungsleiter im
Ministerium, außer dass er FDP-Mitglied ist?" Nach einem kurzen
Wortwechsel, den wir hier nicht veröffentlichen dürfen, war das
Gespräch dann beendet.
Niebels Pressesprecher im BMZ reagierte danach verständnisvoll auf
die Schilderung dessen, wie es zum Abbruch des Gespräches
kam: "Ja, bei dieser Frage reagiert der Minister immer sehr
genervt", sagte er. Das Interview zum jetzigen Zeitpunkt
weiterzuführen, sei nicht möglich. Stattdessen bietet er die vage
Option, es zu "einem späteren Zeitpunkt" noch einmal neu zu starten. Da
dieser spätere Zeitpunkt auf sich warten ließ, entschlossen wir uns,
den schon geführten Teil des Interview zu veröffentlichen.
Das große Feilschen beginnt bei der Autorisierung
Darauf folgte der zweite Akt: Die Autorisierung des Textes des nur
halb durchgeführten Interviews durch die Presseabteilung des
Ministeriums. Plötzlich ist diese letzte vor dem Abbruch des Gespräches
gestellte und auch von Niebel beantworte Frage komplett weggestrichen.
"Das war der Punkt, an dem das Interview abgebrochen wurde. In dieser
Form kann ich für diese Antwort keine Freigabe erteilen" (Hervorhebung im Original), begründet der Pressesprecher des Ministeriums diesen Schritt auf Nachfrage schriftlich.
Wir haben das akzeptiert. Und wir haben auch die anderen vielen
kleinen Änderungen im Interviewtext akzeptiert - auch um diese Praxis
bei Interviews zu dokumentieren. Beispiel: In der Antwort auf die
Frage, ob denn das Ziel, bis 2015 mindestens 0,7 Prozent des deutschen
BNP in die Entwicklungszusammenarbeit zu stecken, noch zu erreichen
sei, wird aus einem Wort, welches die Zielerreichung unter den
gegebenen finanzplanerischen Umständen klar ausschließt - das wir aber
an dieser Stelle nicht zitieren dürfen - die nichts sagende und alles
mögliche meinende Antwort: "Die Zielerreichung wird sportlich".
Normalerweise gibt es in solchen Fällen einen kleinen E-Mail-Verkehr
mit der Pressestelle. Man bittet dieses oder jenes Zitat aus dem
Originaldokument doch verwenden zu dürfen und akzeptiert dafür
vielleicht an anderer Stelle eine Änderung. Man feilscht wie auf dem
Basar und am Ende steht meist ein Kompromiss, der dem Journalisten eine
knackige Titelzeile beschert und auch die interviewte Person
zufriedenstellt. Denn man will es sich ja für die Zukunft nicht
verscherzen mit den sogenannten Entscheidungsträgern.
Das scheinbare Gebot, Fragesituationen zu schaffen, in denen sich
auch die interviewte Person wohl fühlt, verführt mitunter dazu, weniger
hartnäckig nachzufragen, als es geboten ist. Auch derStandard.at hat
schon einige Interviews geführt, bei denen der Wohlfühlfaktor eine größere Rolle
gespielt hat als die durchaus umstrittene Lehrmeinung,
wonach ein Interview so geführt werden müsse, dass es immer am Rande
des Abbruchs steht. Dieses Interview ist leider in die andere Richtung
schief gelaufen - auch weil wir auf einen Gesprächspartner trafen, der
sich bei einem bestimmten Thema überraschend dünnhäutig zeigte. (Andreas Bachmann, derStandard.at, 5.8.2010)