Ein Interview und seine Geschichte

Dirk Niebel bricht Telefonat ab

Andreas Bachmann, 05. August 2010 07:32

Mitten im Interview mit derStandard.at legte der deutsche Entwicklungsminister Dirk Niebel einfach den Hörer auf

Turbulente Wochen lagen hinter Dirk Niebel als derStandard.at kurz vor der parlamentarischen Sommerpause beim deutschen Entwicklungsminister um einen Interviewtermin anfragte. Wenige Wochen zuvor hatte Israel Niebel die Einreise in den Gaza-Streifen verweigert. Der FDP-Minister und Vizepräsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft reagierte eher undiplomatisch auf den Affront und richtete Israel aus, für das Land stehe es jetzt „fünf vor zwölf" in Bezug auf die Gaza-Blockade, was widerum für Irritationen sorgte. Später ruderte er zurück, bezeichnete die Formulierung als "unglücklich", nahm aber inhaltlich nichts davon zurück.

Unter anderem darüber wollten wir mit Dirk Niebel bei einem telefonischem Interview reden. Doch die ihm verweigerte Einreise in den Gaza-Streifen und die folgende diplomatische Verstimmung konnte dabei gar nicht besprochen werden. Denn nachdem rund ein Drittel der vorbereiteten Fragen gestellt und beantwortet waren, legte Niebel mit den Worten "Das Gespräch ist beendet" den Hörer auf.

Pressesprecher: "Ja, da reagiert er immer genervt"

Die Frage, die dazu führte, dass Niebel das Interview abbrach, betraf die Personalpolitik im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Seit seinem Amtsantritt hat Niebel dort kräftig aufgeräumt und die Staatssekretäre, alle Abteilungsleiter und die Pressestelle personell ausgetauscht. Durchaus ein üblicher Schritt, wenn ein neuer Minister ins Amt kommt. Schließlich muss er seinen engsten Mitarbeitern vertrauen können. Bei Niebel riefen die Personalwechsel allerdings Kritik hervor. Sogar der Personalrat des BMZ rügte, dass viele Stellen mit fachfremdem Personal besetzt worden seien.

Die Oppositionsparteien im deutschen Bundestag warfen Niebel zudem vor, Posten im Ministerium allzu leichtfertig an Parteifreunde zu vergeben. Besonders die Berufung von Friedel Eggelmeyer, FDP-Mitglied und Oberst außer Dienst, zum Abteilungsleiter im Ministerium wurde heftig kritisiert. Und auch derStandard.at wollte wissen: "Was qualifiziert den ehemaligen Kommandanten eines Panzerbataillons für den Job als Abteilungsleiter im Ministerium, außer dass er FDP-Mitglied ist?" Nach einem kurzen Wortwechsel, den wir hier nicht veröffentlichen dürfen, war das Gespräch dann beendet.

Niebels Pressesprecher im BMZ reagierte danach verständnisvoll auf die Schilderung dessen, wie es zum Abbruch des Gespräches kam: "Ja, bei dieser Frage reagiert der Minister immer sehr genervt", sagte er. Das Interview zum jetzigen Zeitpunkt weiterzuführen, sei nicht möglich. Stattdessen bietet er die vage Option, es zu "einem späteren Zeitpunkt" noch einmal neu zu starten. Da dieser spätere Zeitpunkt auf sich warten ließ, entschlossen wir uns, den schon geführten Teil des Interview zu veröffentlichen.

Das große Feilschen beginnt bei der Autorisierung

Darauf folgte der zweite Akt: Die Autorisierung des Textes des nur halb durchgeführten Interviews durch die Presseabteilung des Ministeriums. Plötzlich ist diese letzte vor dem Abbruch des Gespräches gestellte und auch von Niebel beantworte Frage komplett weggestrichen. "Das war der Punkt, an dem das Interview abgebrochen wurde. In dieser Form kann ich für diese Antwort keine Freigabe erteilen" (Hervorhebung im Original), begründet der Pressesprecher des Ministeriums diesen Schritt auf Nachfrage schriftlich.

Wir haben das akzeptiert. Und wir haben auch die anderen vielen kleinen Änderungen im Interviewtext akzeptiert - auch um diese Praxis bei Interviews zu dokumentieren. Beispiel: In der Antwort auf die Frage, ob denn das Ziel, bis 2015 mindestens 0,7 Prozent des deutschen BNP in die Entwicklungszusammenarbeit zu stecken, noch zu erreichen sei, wird aus einem Wort, welches die Zielerreichung unter den gegebenen finanzplanerischen Umständen klar ausschließt - das wir aber an dieser Stelle nicht zitieren dürfen - die nichts sagende und alles mögliche meinende Antwort: "Die Zielerreichung wird sportlich".

Normalerweise gibt es in solchen Fällen einen kleinen E-Mail-Verkehr mit der Pressestelle. Man bittet dieses oder jenes Zitat aus dem Originaldokument doch verwenden zu dürfen und akzeptiert dafür vielleicht an anderer Stelle eine Änderung. Man feilscht wie auf dem Basar und am Ende steht meist ein Kompromiss, der dem Journalisten eine knackige Titelzeile beschert und auch die interviewte Person zufriedenstellt. Denn man will es sich ja für die Zukunft nicht verscherzen mit den sogenannten Entscheidungsträgern.

Das scheinbare Gebot, Fragesituationen zu schaffen, in denen sich auch die interviewte Person wohl fühlt, verführt mitunter dazu, weniger hartnäckig nachzufragen, als es geboten ist. Auch derStandard.at hat schon einige Interviews geführt, bei denen der Wohlfühlfaktor eine größere Rolle gespielt hat als die durchaus umstrittene Lehrmeinung, wonach ein Interview so geführt werden müsse, dass es immer am Rande des Abbruchs steht. Dieses Interview ist leider in die andere Richtung schief gelaufen - auch weil wir auf einen Gesprächspartner trafen, der sich bei einem bestimmten Thema überraschend dünnhäutig zeigte. (Andreas Bachmann, derStandard.at, 5.8.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 71
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Speaker of the US Congress
12.08.2010 20:56
Interessante Assoziationen: Neben dem Bild von Niebel,

auf der Seite "International", unten ist ein Bild, das ich geistig diesem Bericht zuordnete. Es lautet: "Korrupt, zugekifft und mangelhaft ausgebildet"

Aber diese Überschrift bezieht sich tatsächlich nicht auf Niebel.

Wunderbare Welt
 
08.08.2010 00:25
die deutschen....

werden seit der wende ordentlich von ihren regierungen verarscht. wenn man bedenkt was die brd mal war, was die d-mark mal war. die guten zeiten sind vorbei, schuld daran war nicht der sozialstaat sondern korrupte politiker, spekulanten, banker und all diese berufe die nichts produzieren.....außer krisen.

Ben vanDyke
27.08.2010 13:12
wie schön

dass die österreichischen politiker so gänzlich anders sind als die deutschen... Die bringen sich lieber im suff um.

Matador
 
11.08.2010 17:14

immerhin kein land xenophober neurotiker
sorry

(ich verteidige deutschland. das haben 4 jahre wien mit mir gemacht. na servas.)

Wunderbare Welt
 
21.08.2010 19:45
haha

:-))

Miklova Zala
 
06.08.2010 21:36

warum freigeben?
lässt sich jemand auf ein interview ein, dann sollte es damit auch freigegeben sein. medien, die sich auf solche "schau ma mal"-deals einlassen sind selber schuld.

also dann ...
06.08.2010 21:04
naja ... er wollte genau jenes ministerium abschaffen, dem er nun vor - steht !

mehr muss man über ihn ... nicht wissen,
nicht wirklich !

Nick Tameer
08.08.2010 23:49

Vielleicht noch, dass er - damals, als der Guido vor dem Hintergrund handverlesener Plasticpeople optimistisch in Kameras und der Zukunft entgegen lächelte - in Westerwelles "Kompetenzteam" (Brüderle zum Lichte empor!) berufen wurde.

Briefmarkenkleber
06.08.2010 18:25
Lächerlich

Da lässt sich das Blatterl vom eigentümer Süddeutsche einspannen einen deutschen Minister zu nerven und ringt dann auch noch um (österreichische) Empörung. Wette der "eigentliche" Artikel ist bei unseren nördlichen Nachbarn abgedruckt.

cafedelmare
06.08.2010 09:44

abgesehen davon, dass mir nicht ganz klar ist was mich das inteview und so im detail mit dem deutschen minister in einem österreichischem medium interessieren soll, würde ich derartig provokante fragen zu fachfremden besetzungen von spö oder övp ministern an faymann oder pröll gerne im standard lesen. und deren reaktion. (z.b. niko pelinka).

joow
06.08.2010 08:30
Gerade...

...dieses rüpelhafte Verhalten zeigt, dass die Frage zurecht gestellt war.
Politiker haben eine Informationspflicht an die Bürger. Die ist manchen Politikern anscheinend lästig. Auch in Österreich.

das poppende lottchen
06.08.2010 05:02
noch ein nachtrag zu den "entscheidungsträgern", mit denen man es sich "nicht verscherzen" wolle:

das sollte komplett unerheblich sein und ist es beim seriösen englischsprachigen journalismus auch.
das geht so weit, dass der cnn-star anderson cooper über wochen hinweg kein interview mit bp-leuten erhielt, weil bp über seine ölteppich-berichterstattung offenbar nicht begeistert war.
daraufhin hat cooper in jeder sendung von "ac 360" dies erwähnt und ein interview mit einem bp-menschen verlangt. auf keinen fall hat er ihnen das recht eingeräumt, ein interview vorher "abnehmen" zu dürfen. auch abgebrochene interviews werden im us-tv oft gezeigt.
im fall von niebel frage ich mich, was ihn für eine österreichische zeitung so wichtig macht, dass man einer "autorisierung" zustimmt. niebel soll froh sein, dass er überhaupt vorkommt.

das poppende lottchen
06.08.2010 04:51
"autorisierte" interviews - eine deutschsprachige unsitte?

im englischsprachigen journalismus - jedenfalls der seriösen sorte - ist so etwas wie ein "autorisiertes" interview komplett unbekannt. dort ist ein interview eben ein interview, wenn für den interviewten die interview-situation klar erkennbar ist. dann muss der interviewte damit rechnen, dass das, was er sagt, auch verwendet wird - und nicht im nachhinein verändert oder gar schöngefärbt, z. b. durch plötzlich "gescheitere" bzw. "schlagfertigere" antworten.
auch hollywoodstars versuchen nicht, im nachhinein interviews zu ändern oder zu verbessern. was sie im gespräch mit journalisten sagen, gilt.
natürlich müssen print-interviews redigiert werden. die verantwortung dafür tragen die medien, aber die interviewten mischen dabei nicht mit.

Engelbert Lanzar
07.08.2010 11:59
...das ist nur die halbe Wahrheit...

...denn im anglo-amerikanischen Raum wird im Vorfeld des Interviews eine Frageliste übermittelt. Das wiederum ist im deutschsprachigen Raum absolut unüblich....

Just N. Opinion
 
06.08.2010 10:44
die autorisierung hat schon einen sinn.

aber nur den einen, dass der interviewte etwaige missverstaendnisse noch ausraeumen kann. immerhin kann es ja sein, dass er sich in einer antwort unklar ausgedrueckt hat und das nachschaerfen moechte.

das ist auch in ordnung und nichts spricht dagegen, ihm diese moeglichkeit einzuraeumen. die qualitaet des interviews leidet ja darunter nicht, im gegenteil.

jeder gute journalist wird sich jedoch dagegen verwehren, dass im zuge dieser autorisierung saetze umformuliert oder gar aussagen inhaltlich veraendert werden. im grunde ist eine autorisierung (= erlaubnis zum abdruck) eh nicht mehr notwendig, wenn der interviewte dem interview zugestimmt hat, also hat auch eine verweigerte autorisierung nichts zu bedeuten.

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
06.08.2010 00:38
Aufschlussreich.

Ich wollte mich mit der redaktion solidarisch zeigen aber anscheinend hätte ich als poster das zuerst mir vom standard "genehmigen" lassen müssen um nicht zensiert zu werden...

)(/()(
05.08.2010 22:28

die deutschen verlangen fast immer vor veröffentlichung den text zur freigabe. für uns völlig unverständlich und scheinbar noch ein relikt aus präedemokratischen zeiten.

Terence Lennox
06.08.2010 04:13
das ist..

..in österreich nicht anders..

Pareidolic
05.08.2010 20:37
"Nach einem kurzen Wortwechsel, den wir hier nicht veröffentlichen dürfen"

"das wir aber an dieser Stelle nicht zitieren dürfen"?

Dürfen? Niemand kann dem Standard verbieten, nachweislich gefallene Aussagen auch zu zitieren. Es geht daher nicht um "nicht dürfen" sondern um "nicht wollen" - um die Bereitschaft von Politikern für zukünftige Interviews nicht zu verringern, wie im Artikel auch erwähnt.

Bei einer Situation wie dieser - Interviewabbruch, inhaltliche Änderungen an den Aussagen - stellt sich allerdings die Frage wo die Angst vor der eigenen Courage aufhört und der kritische Journalismus beginnt. Kann sich ein Politiker wirklich alles leisten, ohne Angst haben zu müssen dass Journalisten nicht mehr untertänigst anfragen was sie denn jetzt schreiben dürfen?

smea_gol
05.08.2010 19:05

sollte hr. niebel sein ministerium am besten in BMZ - Bundesministerium für mediale Zensur - umbenennen, statt BMZ -Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung...

diese sch...-kapitalisten überall. Gut das die deutsche Bevölkerung in BRW klar gezeigt hat, dass schwarz-gelb zwar für borussia dortmund aber nicht für eine bundesregierung passt.

Erwin Wolfram
05.08.2010 16:43

toll, danke aber warum stellen sie den lesern nicht die fragen? ich kenn schon einen menschen, der in afghanistan war und die beantworten die fragen gerne. der niebel hat doch sowieso keine ahnung.

Hernie Hells
05.08.2010 15:18

merke: heikle fragen IMMER AM SCHLUSS.

Wieviel Demokratie ist es bitte?
05.08.2010 15:04
Ah, Politiker, yay

(I could drop pianos on their heads all day long)

Karl Krammer
05.08.2010 14:42
richtig so

der Journalist hat das Recht zu fragen, der Interviewte hat das Recht zu antworten - aber keine Pflicht dazu. Politiker dienen dem Volk, aber sie müssen nicht auf sich rumtrampeln lassen.

Major Nelson
 
05.08.2010 23:45
Lass ich nicht gelten.

Regierungsmitglieder sind dem Volk (im Fall eines Interviews repräsentiert durch das publizistische Medium, ansonsten durch Parlamentsabgeordnete) auskunftspflichtig. Was immer sie tun und nicht tun, sie sind den Bürgern verantwortlich. Das wär ja sonst so, als würde ein leitender Angestellter dem Firmeninhaber die Auskunft über seine Tätigkeit verweigern.

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