Heimat zahlreicher endemischer Arten in Gefahr

4. August 2010, 14:21
2 Postings

Artenvielfalt an zahlreichen Fronten bedroht - und ausweichen können die mediterranen Spezies nirgendwohin

Washington - Wer würde beim seit Jahrtausenden von allen Seiten stark befahrenen, verschmutzten und befischten Mittelmeer daran denken, dass es sich hier um ein wahres Paradies der Artenvielfalt handelt? 16.845 verschiedene endemische Lebewesen  - also Arten, die nur hier vorkommen - sind bisher erforscht. Mehr gibt es nur in den Meeren Australiens, Japans und Chinas, wie der "Census of Marine Life" ergab. Die Forscher schätzen überdies, dass 75 Prozent der Tiefseearten noch immer unbekannt sind.

Allerdings sind die Tiere und Pflanzen im Mittelmeerauch auch stärker bedroht als in jedem anderen Meer der Welt. Im bisher umfangreichsten Bericht über die derzeitige Artenvielfalt in allen Meeren der Welt listen die Census-Forscher die Bedrohungen der Natur und ihr jeweiliges Ausmaß auf. "Stärker als alle anderen Meere leidet das Mittelmeer an Lebensraumverlust, Überfischung, Umweltverschmutzung und invasiven Arten", erklärt Ron O'Dor, US-Koordinator des Census. Schlechte Vorzeichen für jene Arten in den tieferen Regionen des Mittelmeers, die noch gar nicht erfasst wurden: "Viele Lebewesen dürften verschwinden noch bevor sie entdeckt werden", fürchtet O'Dor.

Die Probleme

Düster bewerten die Experten die derzeitige Situation, da das Mittelmeer von vielen Problemen zugleich bedrängt wird. Akut ist etwa die Gefahr der Bio-Invasoren, die einheimischen Tieren und Pflanzen den Lebensraum nehmen. "637 Arten oder vier Prozent aller Lebewesen im Mittelmeer sind Invasoren. Das ist mehr als dreimal soviel als im europäischen Atlantik, in dem es die zweitmeisten invasiven Arten gibt", betont der Experte. Besonders Mollusken, Krustentiere und Fische kommen mit Tankern etwa über den Suez-Kanal und bringen bestehende Ökosysteme aus dem Gleichgewicht.

In der Umweltverschmutzung nimmt das Mittelmeer innerhalb der 25 untersuchten Meere Platz drei hinter dem Chinesischen Meer und dem Golf von Mexiko ein. Dazu hat etwa die dichte Besiedlung der Anrainerküsten geführt sowie die 200 Millionen Touristen, die pro Jahr ans Mittelmeer kommen. Pestizide der Landwirtschaft und industrielle Chemieabfälle sind ein weiteres Problem. Sie schädigen die Wasserqualität, zerstören Ökosysteme wie Seegraswiesen und Korallenriffe und führen in manchen Regionen wie etwa der Adria zu Sauerstoffmangel sowie zur giftigen Algenblüte.

Die schlechteste Bewertung geben die Forscher dem Mittelmeer jedoch auch für die Überfischung. Das prominenteste Beispiel dafür ist der atlantische Blauflossentun, der im Mittelmeer laicht. Nachdem dieser Räuber in Europa beinahe ausgerottet ist, breiten sich andere Tiere wie etwa Quallen explosionsartig aus und schädigen damit bestehende Nahrungsketten oder auch den Tourismus.

Maßnahmen dringend erforderlich

"Das Mittelmeer braucht mehr als alle anderen Meere drastische Maßnahmen des Artenschutzes, um nicht in Zukunft einen Großteil seiner Lebewesen zu verlieren", warnt der US-Forscher. Denn mit dem Klimawandel sind steigende Wassertemperaturen und Versauerung des Wassers bereits vorprogrammiert. Tiere und Pflanzen, die kalte und tiefe Wasserschichten bevorzugen, hindert die natürliche Begrenzung des Mittelmeers, weiter nach Norden auszuweichen. "Das kann tödlich enden", so O'Dor. (pte/red)

Share if you care.