Anmerkungen eines "Haider-Hassers"

3. August 2010, 20:04
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Für Menschen mit Überblick über Haiders politische Karriere ist es schwer, an bloße "Gerüchte" zu glauben

Als der britische Autor Robert Conquest 1968 sein bahnbrechendes Werk über den Stalinismus - "The Great Terror" - veröffentlichte, wurde er vom linken intellektuellen Establishment wütend angegriffen. 1990 wurden die sowjetischen Archive geöffnet, die Conquest weitgehend bestätigten. Sein Verleger fragte ihn, welchen Titel er der Neuauflage seines Buches mit dem neuen Material geben wolle. Conquest schlug vor: "I told you so, you fucking idiots".

Die Hinweise in "Profil" und "Falter" auf massive Geldflüsse aus dubiosen Quellen an Haider und seinen Kreis mögen bei der Handvoll Publizisten und Politiker, die Haider von der ersten Stunde an total kritisch gegenüberstanden, eine ähnliche Reaktion auslösen.

Noch ist längst nicht alles genau dokumentiert. Noch gilt die Unschuldsvermutung. Es ist allerdings für Menschen mit Überblick über Haiders politische Karriere und die damit verbundenen Skandale schwer, an bloße "Gerüchte" zu glauben.

Sein Politikstil - das Herumsausen mit Hubschrauber und Privatjet, die teuren Autos, die ganze Bierzelt- und Prosecco-Gaudi, die aufwändigen Wahlkämpfe - war normal nicht zu finanzieren. Haider und sein Kreis betrieben Einflusshandel gegen Geld. Herbert Lackner hat das bereits Bewiesene im Profil 26/10 zusammengestellt.

Einflusshandel steht womöglich auch hinter den "Gerüchten" über Geld von den arabischen Diktatoren. Haider war 2002 dreimal bei Saddam Hussein. Der wusste ziemlich sicher, dass ihn die USA angreifen würden (was 2003 geschah). Diktatoren versuchen in solchen Fällen, Geld außer Landes zu bringen. Gaddafi war bis zu seinem Deal mit dem Westen 2003 in einer ähnlichen Lage.

Haider war ein Hasardeur, ein Süchtiger nach dem "Kick" der politischen, persönlichen, moralischen Grenzüberschreitung. Er scheute sich vor der letzten Verantwortung - deshalb hat er unbewusst die Chancen auf den Kanzler verspielte. Aber er wollte Politik als großes Risikospiel. Letztlich ist sein Unfalltod eine Folge dieser psychischen Disposition.

Das eigentliche Thema dabei ist, wie eine Zeitlang das halbe Land auf einen Scharlatan hereinfallen konnte. Haiders Wirkung zu seinen Hochzeiten ging ja über die 27 Prozent oder 1,2 Millionen Stimmen bei den Wahlen 1999 (zweitgrößte Partei) weit hinaus. Bis tief in die ÖVP und SPÖ hinein fand er Leute, die ihn vielleicht nicht wählten, ihn aber für eine positive Erscheinung hielten und "politische Erneuerung" von ihm erwarteten. Die Ahnungslosen hielten ihn für "anständig". Die Bösartigen erwarteten von ihm ein richtig rechtes Österreich.

Haider hat sich nie ganz von seiner NS-Fixierung lösen können. Das der Punkt, an dem man seine ganze politische Person hinterfragen musste. Wer das vor 20 Jahren thematisierte, galt als "Haider-Hasser". Wer auf Haiders politisches Abenteurertum, auf seine pathologische Sprunghaftigkeit verwies, wurde von bürgerlichen Konservativen wie von populistischen Sozis gleichermaßen belehrt: Sicher sei er ein Demagoge und NS-Nostalgiker, aber er wirke eben auf das Volk.

Nun bröckelt sein Mythos, der für ein paar halbwegs kritische Geister nie einer war. Die Hilflosen sagen: "Lasst doch den Toten ruhen." Was sie meinen, ist: "Lasst uns in Ruh' mit unserem Falschurteil." Wenn es in Österreich noch Journalisten und Staatsanwälte mit Biss gibt, wird keine Ruhe sein. Die größere Frage ist aber, ob die österreichische Öffentlichkeit wieder in so großem Ausmaß auf einen politischen Betrüger hereinfallen kann und wird. (Hans Rauscher/DER STANDARD-Printausgabe, 4.8.2010)

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