Ein verheißungsvolles Protein

3. August 2010, 19:43
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Mittels einer Substanz im Blut könnten Herz- und Nierenkrankheiten nicht nur frühzeitig erkannt, sondern auch therapiert werden

Innsbrucker Forscher versuchen, dem multitalentierten Protein auf den Grund zu gehen.
Es ist einfach und auch wieder nicht. Ein Protein im Blutserum könnte anzeigen, ob Menschen zu koronarer Herzkrankheit durch Verkalkung und zu Nierenfunktionsstörungen neigen. Man misst den Stoff im Blut, und die Krankheiten ließen sich einfach diagnostizieren und rechtzeitig behandeln. Das ist der einfache Teil der Geschichte. Der komplizierte: Hat man viel von dieser Substanz - dem Apolipoprotein ApoA-IV - in den Gefäßen, schützt dies möglicherweise vor Verkalkung. Allerdings sind hohe Werte von ApoA-IV auch ein Hinweis auf eine Nierenfunktionsstörung. Zudem ist nicht ganz klar, ob das Protein tatsächlich als Indikator taugt.

Hier gibt es also viel Licht ins Dunkel zu bringen. Genau dies will Florian Kronenberg, der Leiter des Instituts für Genetische Epidemiologie der Medizinischen Universität Innsbruck mit seinem Team in den nächsten drei Jahren erreichen. In bestehenden Studien hat man die oben erwähnten Zusammenhänge zwischen ApoA-IV und den beiden Krankheiten bereits mehrfach festgestellt. Doch dies allein gibt noch keine Gewissheit.

"Parameter werden als Risikofaktoren publiziert, können aber im Lauf der Zeit oft nicht in anderen Studien bestätigt werden. Wir haben schon viele Risikofaktoren kommen und wieder den Bach hinuntergehen sehen", sagt Kronenberg. In einem neuen Projekt, das von der Zukunftsstiftung Tirol gefördert wird und an dem auch die Universitätskliniken für Neurologie und Gefäßchirurgie beteiligt sind, wird jetzt bestehendes Wissen gesammelt und ausgewertet. Über 16.000 Probanden und Patienten aus Österreich, Deutschland, Südtirol und den USA werden erfasst. Darüber hinaus will man jene Gene identifizieren, die die ApoA-IV Konzentration im Blut bestimmen.

Schutz vor Verkalkung

ApoA-IV entsteht im Darm, wirkt antioxidativ, ist beim Transport überschüssigen Cholesterins zur Leber beteiligt und gilt als Sättigungsfaktor. Apolipoproteine wie ApoA-IV spielen eine Rolle beim Transport von Lipiden und sorgen dafür, dass diese an die richtigen Stellen im Körper gelangen. Dadurch könnten auch Übergewicht und metabolisches Syndrom mit ApoA-IV zusammenhängen.

Arteriosklerose könnte mit ApoA-IV nicht nur erkannt, sondern möglicherweise auch therapiert werden. Würde man den Körper zur Produktion von ApoA-IV anregen, könnte dies vor Verkalkung und koronaren Herzkrankheiten schützen. "Aber davon ist man noch sehr weit entfernt, und es ist besser, einen Schritt nach dem anderen zu machen", meint Kronenberg zurückhaltend. Dass höhere ApoA-IV-Werte im Körper dann zu Nierenschäden führen, glaubt er nicht. Schließlich sei die Konzentration des Proteins eine Folge der Nierenfunktionsstörung. Eine solche mögliche Nebenwirkung müsste jedenfalls untersucht werden.

Bei Patienten mit Nierenfunktionsstörung könnte man durch eine frühere Diagnose rasch Maßnahmen setzen. Denn bei sehr hohen Konzentrationen nimmt die Funktion der Niere überdurchschnittlich schnell ab, eine frühere Dialysebehandlung ist nötig. Erkennt man dies früher, könnte man die weitere Schädigung der Niere verlangsamen.

Anfang der 1990er-Jahre haben Kronenberg und seine Kollegen einen Test entwickelt, mit dem ApoA-IV im Blutserum bestimmt werden kann. Dieser Test könnte nun weiterentwickelt werden. Doch dies hat laut Kronenberg erst Sinn, wenn man auch sicher weiß, dass sich ApoA-IV-Werte für die Diagnose einsetzen lassen.

Den Zusammenhang zwischen ApoA-IV und Gefäßverkalkung beim Menschen hat Kronenberg vor mehreren Jahren selbst erstmals beschrieben. Durch das aktuelle Projekt will man diese und andere Ergebnisse durchleuchten und vertiefen. "Wir wollen vorsichtig agieren und in Zusammenarbeit mit anderen in einer großen Studie überprüfen, was wir in kleineren herausgefunden haben", sagt Kronenberg.

Dass das Finden der Wahrheit oft schwierig ist, liegt laut Kronenberg auch daran, wie Wissenschaft manchmal funktioniert. Wenn jemand einen Parameter entdeckt, der möglicherweise krankheitsrelevant ist, springen andere Forscher auf das Thema auf. Dann würden jedoch viele dazu neigen, nur positive Zusammenhänge zu publizieren. Lässt sich ein Verdacht nicht verifizieren, landet die Arbeit oft in der Schublade. Umso schwieriger wird es, den Stand der Forschung zusammenzufassen. (Mark Hammer/DER STANDARD, Printausgabe, 04.08.2010)

  • Ein Pipettierroboter verteilt Proben zur Analyse des Proteins. 16.000 Menschen nehmen an der Studie der Uni Innsbruck teil.
    foto: kronenberg

    Ein Pipettierroboter verteilt Proben zur Analyse des Proteins. 16.000 Menschen nehmen an der Studie der Uni Innsbruck teil.

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