Regisseur im eigenen Kopf

3. August 2010, 19:17
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Neurowissenschafter und Therapeuten untersuchen das Phänomen des Klarträumens

Lange wurde es von der Hirnforschung als esoterischer Humbug betrachtet - das Klarträumen oder luzide Träumen. Klarträumern ist während des Träumens bewusst, dass sie sich in einem Traum befinden, und sie können den Inhalt willentlich steuern.

Ausgerechnet der Neurowissenschafter Allan Hobson von der Harvard Medical School, der davon überzeugt war, dass Klarträume bloß in einem Wachzustand kurz vor dem Einschlafen auftreten, zeigte im Vorjahr in einer gemeinsam mit der Psychologin Ursula Voss von der Universität Bonn durchgeführten Studie, dass Klarträumen ein separates Schlafstadium ist, das weder dem Traum- noch dem Wachzustand entspricht. Dazu zeigten luzide Träumer mit einer Links-rechts-Augenbewegung während des REM-Schlafs an, wann sie in die Klartraumphase eintraten. Danach wurde im Frontalkortex, der unter anderem für die kritische Bewertung von Geschehnissen zuständig ist, ein solche Nervenzellenaktivität registriert, wie sie nur im bewussten Zustand erreicht wird. Dennoch waren die Muskeln der Klarträumer gelähmt - ein Zeichen für den REM-Schlaf. Zudem konnten Probanden durch gezieltes Training lernen, im Traum zu erkennen, dass es sich nicht um die Realität handelt.

Psychologen und Therapeuten, aber auch Sportwissenschafter sind dem Phänomen, Träume manipulieren zu können, schon lange auf der Spur. "Wir versuchen, die Kluft zwischen Psychotherapie und Hirnforschung zu schließen", sagt Brigitte Holzinger vom außeruniversitären Institut für Bewusstseins- und Traumforschung. Holzinger, die an der Stanford University, dem Mekka der Traumforschung, gearbeitet hat, lehrt luzides Träumen und erforscht die therapeutischen Effekte bei der Behandlung von Angst- und Albträumen und Essstörungen. "Versuchspersonen, die zehn Wochen Klarträumen trainierten, haben nachhaltiger gelernt, ihre Albträume zu reduzieren", schildert Holzinger. Die Patienten könnten sich im Traum entscheiden, ob sie sich mit ihren Ängsten konfrontieren, den Verlauf abändern oder sich wecken wollen. Derzeit entwickelt sie ein Projekt, in dem die Zusammenhänge zwischen Kreativität und Traum erkundet werden sollen.

Warum das Gehirn zugleich schlafen und wachen kann, ist noch ein Rätsel. Die Gabe scheint jedenfalls verbreitet: Laut einer repräsentativen Umfrage der Österreichischen Gesellschaft für Schlafmedizin und -forschung haben 26 Prozent der Österreicher gelegentlich Klarträume. (kri/DER STANDARD, Printausgabe, 04.08.2010)

 

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