Brände und Dürre setzen russischer Wirtschaft zu

3. August 2010, 18:27
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Die extreme Hitzewelle droht die Erholung von der Krise zu verlangsamen. Waldbrände vernichten Millionenwerte

Die extreme Hitzewelle droht die Erholung von der Krise zu verlangsamen. Firmen schicken ihre Arbeiter auf Hitzeurlaub, die Arbeitszeit wurde in vielen Betrieben verkürzt. Waldbrände vernichten Millionenwerte.

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Moskau/Wien - Die verheerenden Wald- und Torfbrände kommen Russland teurer zu stehen. Die seit Wochen andauernde Dürre und die derzeit wütenden Brände haben bereits mehr als zehn Millionen Hektar Agrarflächen vernichtet. Die Getreideernte wird statt ursprünglich anvisierten 100 Millionen Tonnen nur 70 Millionen Tonnen einbringen, teilte das russische Landwirtschaftsministerium mit. Die Landwirtschaft trägt rund drei bis vier Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei.

Vernichtet wurde durch das Feuer auch eine Militärbasis in der Moskauer Oblast, wie die Internetseite Lifenews.ru berichtete. Die verbrannten 200 Flugzeuge und Hubschrauber seien rund eine halbe Milliarde Euro wert gewesen.

Für den Wiederaufbau der rund 2000 zerstörten Wohnhäuser und die Entschädigung der Brandopfer hat die Regierung bereits fünf Milliarden Rubel (rund 127 Millionen Euro) aus dem Budget zur Seite gelegt. Ökonomen zufolge dürfte diese Summe jedoch kaum ausreichen.

Die Volkswirte vom Lehrstuhl der Wirtschaft der Umweltnutzung von der Moskauer Universität hatten in der Vergangenheit die negativen Folgen derartiger Brandkatastrophen auf zwei Prozent des BIPs geschätzt. Russland war zuletzt in den Jahren 1972 und 2002 von ähnlichen Bränden heimgesucht worden.

Kurzarbeit und Zwangsurlaub

Analysten befürchten auch, dass sich die Wetterkapriolen negativ auf den Wirtschaftsaufschwung auswirken könnten. "Die Industrieproduktion könnte in den Monaten Juli und August unter der abnormalen Hitze leiden", sagte Alexandra Ewtifjewa, Analystin der russischen Investmentbank VTBCapital.

Viele Unternehmen sind der Aufforderung von Gennadi Onischtschenko, Chef der russischen Gesundheitsbehörde, gefolgt und haben ihre Arbeitszeit verkürzt. So hat der zweitgrößte Autoproduzent Russlands GAZ seine Arbeiter wegen der Hitzewelle zwei Wochen in den Urlaub geschickt. Arbeiter des Lada-Produzenten Avtovaz wurden eingesetzt, um das Vorrücken des Feuers in Togliatti zu verhindern. Reißenden Absatz finden derzeit auch gefälschte Krankschreibungen. Die russische Boulevardzeitung Moskowski Komsomolez berichtete, dass bei Agenturen, die ein derartiges Service anbieten, die Telefonleitungen heißlaufen. Sie registrieren mehr als 50 Anrufe in der Stunde.

Nicht nur das Geschäft mit Krankmeldungen blüht, auch andere Branchen profitieren von der Hitzewelle. Ventilatoren sind um das Sechsfache teurer geworden. In den großen Elektronikmärkten sind sie sowieso bis Mitte September ausverkauft.Die Montagepreise für Klimaanlagen sind um 200 bis 300 Prozent gestiegen. Die wenigen Wohnungen, in denen bereits Klimaanlagen eingebaut wurden, verteuerten sich um mehr als zehn Prozent. Gut verdienen auch die Energieversorger. Der Stromverbrauch ist laut Mosenergobyt um zehn bis 15 Prozent gestiegen.

Höhere Inflation befürchtet

Experten befürchten angesichts der bereits erfolgten und der drohenden Preissteigerungen, dass die Jahresinflation um ein bis zwei Prozent höher ausfallen wird. Die Verteuerung des Weizens um fast ein Fünftel werden auch Preissteigerungen bei Brot, Milch und Fleisch nach sich ziehen, prognostizieren die Analysten von Energokapital. Die Alfa Bank erhöhte ihre Inflationsprognose um 0,5 Prozent. Die Regierung rechnet mit einer Inflationsrate von sechs bis sieben Prozent.

Russische Ökologen sind überzeugt, dass die derzeitige Hitzewelle - die stärkste, seit es Wetteraufzeichnungen gibt - eine Folge der weltweiten Klimaerwärmung ist. Die höheren Temperaturen werden auch die Kosten für die Olympischen Winterspiele in Sotschi steigen lassen, befürchtet der russische Präsident Dmitri Medwedew. Ende Februar wurden in Sotschi, das am Schwarzen Meer liegt, bereits Temperaturen knapp unter 20 Grad gemessen. In Sotschi überlegt man die Anschaffung von Schneekanonen, die auch bei Plusgraden Schnee erzeugen können. (Verena Diethelm, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.8.2010)

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    Der Feuersbrunst in Russland sind bereits mehr als 40 Menschen zum Opfer gefallen. Die Brände und die seit Wochen dauernde extreme Hitzewelle wirkt sich auch auf die Wirtschaft aus.

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