Vom Spitzensport in der Kunst

3. August 2010, 18:22
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Ulrike Lienbacher in Salzburg: sanft wirkende Betrachtungen über Körper und Konzentration.

Salzburg – "Glauben Sie, dass Ungewissheit ein Aspekt Ihrer Arbeit ist? Kann Kunst ohne Ungewissheit überhaupt entstehen?" , fragt der Sportpsychologe Christian Uhl die österreichische Künstlerin Ulrike Lienbacher. Üblicherweise coacht er die österreichischen Skispringer, nun ist er Teil eines Kunst- und Ausstellungsprojektes. Sie habe, erinnert sich Lienbacher, richtiggehend Widerstand gespürt, auf Fragen wie diese klar zu antworten.

"Beim Coaching muss man genaue Ziele formulieren und dann sagen, ob man sie erreicht hat oder nicht. Im Kunstbereich ist das schwieriger. Aber man merkt, dass es Überschneidungen gibt. Wenn ein Musiker auf die Bühne kommt, dann geht es auch um Konzentration, Genauigkeit, Perfektionierung." Spitzensport und die damit verbundene Vorstellung des fairen Wettkampfes als Modell für bestimmte wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse: "Es gibt Regeln, die jeder einhält und in deren Rahmen der Beste gewinnt. Auch unser Zusammenleben ist von Wettbewerbsdruck geprägt: Wer kann am besten seine Ressourcen ausschöpfen und für sich optimieren."

Unter dem Titel Elitekörper//Revolte untersucht Lienbacher im Salzburger Kunstverein den menschlichen Körper als "Austragungsort psychischer und gesellschaftlicher Prozesse." Die in Wien und Salzburg lebende Künstlerin und ehemalige Leistungssportlerin tut dies mit ihren gleichermaßen zarten wie, bei genauem Hinsehen, verstörenden Zeichnungen, mit Fotos, die sie in der Aktklasse an der Kunstakademie aufgenommen hat, und Videos. Für Letztere hat Lienbacher eine spiegelverkleidete Black Box in den White Cube des Kunstvereins gestellt, ein skulpturaler Raumkörper, der die Besucherkörper in Ausstellungskörper transformiert. Immer wieder läuft man sich selbst durchs Bild, muss sich dem eigenen und fremden Blick stellen. Das ist Thema der schlüssigen Ausstellungsinstallation: kritisches (Selbst-)Beobachten, (Selbst-)Disziplinieren. Sehen und Nichtsehen. Bloßstellen, sich nackt hinstellen.

Auf einem der Videos ist das Gespräch zwischen Lienbacher und Uhl aufgezeichnet, auf einem anderen spricht Uhl zu Begriffen, die im Sport und in der Wirtschaft gleichermaßen zum Alltagsvokabular gehören, wie "Burnout" , "Ausnahmezustand" , "Alarmbereitschaft" , "idealer Leistungszustand" . Auf einem dritten Video schließlich hat Lienbacher ein Zwillingspaar beobachtet, das sich für den Sport fitmacht.

Subtil Lienbachers großformatige Zeichnungen: zwei Turnerinnen, die sich gegenseitig helfen – oder doch unterwerfen? Ebenfalls sehr subtil schematisiert sie Kontrolle (über Körperfunktionen) und deren Verlust auf kleineren Blättern, Kot oder Blut oder doch nur Farbe, die Deutung bleibt den Betrachtern überlassen. (Andrea Schurian, DER STANDARD/Printausgabe, 04.08.2010)

Mittwoch Abend findet im Rahmen der Ausstellung ein Kunstgespräch statt. Bis 12. 9.

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    foto:galerie krinzinger
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