Aus Cool wurde Poor Britannia

3. August 2010, 19:20
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Aber auch die Finanzkrise macht aus den Briten keine begeisterten Europäer

Wie gut, dass Großbritannien im Allgemeinen stabile Regierungen hat. So muss sich die Insel nur in größeren Abständen jenen Neudefinitions-Versuchen unterwerfen, die mit einer neuen Administration offenbar automatisch einhergehen. Tony Blairs Labour-Adepten prägten 1997 das Schlagwort Cool Britannia und schwärmten von der "ethischen Dimension" der Außenpolitik. Unter der neuen Koalition aus Konservativen und Liberalen ist vor allem von Poor Britannia die Rede: Groß ist derzeit lediglich die Staatsschuld.

Das wird Auswirkungen auf Klein-Britanniens Platz in der Welt haben, darüber sind sich die Fachleute einig, die eifrig über die neue Verteidigungs- und Sicherheitsdoktrin beraten. Die ohnehin knappen Ressourcen zur Demonstration britischer Macht, weiß Oxford-Professor und Welterklärer Timothy Garton Ash, seien "von der furchterregenden Kürzungswelle bedroht" . Verteidigungsminister Liam Fox streitet mit dem Finanzministerium über die Kosten der Atombewaffnung. Schon reden sogar Konservative ganz offen über eine Lastenteilung mit den Franzosen. Vor einem Jahr waren Atom-U-Boote beider Länder noch im Atlantik kollidiert, versehentlich versteht sich.

Werden aus den Briten gar noch Europäer? Sie sind, einer detaillierten Umfrage des Instituts Ipsos Mori für die deutsche Botschaft in London zufolge, gar nicht so unaufgeschlossen für ihre Nachbarn auf dem Kontinent. Vertrauter als Spanien, Frankreich und Italien sind dem Durchschnitts-Engländer nur die USA, so positiv wie die klassischen Urlaubsländer Spanien und Italien sehen sie sonst nur die Ex-Kolonien Australien und Kanada.

Deutschland ist ein Sonderfall. 50 Prozent aller Mittelschüler, 80 Prozent der Maturanten lernen im Geschichtsunterricht über die Nazi-Zeit. "Vom wirklichen, modernen Deutschland wissen wir Briten alles in allem nichts" , beklagt Thriller-Autor John Le Carré.

Immerhin blieben beim Zusammentreffen der alten Rivalen während der Fußball-WM die alten Klischees in der Mottenkiste. Die konservative Times nutzte die Gelegenheit sogar zu einer kleinen Deutsch-Lektion. "Entspannt Euch, es ist doch nur ein Spiel" , lautete eine Überschrift auf der Titelseite. Die englische Übersetzung (Relax, it's only a game) war sicherlich nötig: Immer weniger Briten lernen Fremdsprachen in der Schule, das vermeintlich schwierige Deutsch ist gegenüber Französisch und Spanisch hoffnungslos im Hintertreffen.

Wenigstens gibt es den liberalen Vizepremier Nick Clegg. Was frisch ist an Clegg, anders, ungewohnt, erklären die Medien halb neidisch, halb herablassend mit seinen europäischen Verbindungen: seiner holländischen Mutter, seinem halbrussischen Vater, seiner spanischen Frau. Die gemeinsamen Söhne heißen Antonio, Alberto und Miguel. Neulich trieb sich der Liberaldemokrat in Berlin und Madrid herum - und sprach fremde Sprachen!

Außenminister William Hague und Premier Cameron sind von ihrer tiefen EU-Skepsis zwar ein wenig abgerückt. Wichtiger aber bleibt ihnen - und den meisten Briten - doch die "unzerbrechliche Allianz mit den USA" (Hague), in der Großbritannien "der Juniorpartner" sei, wie Cameron während seines jüngsten Washington-Besuchs zugab: "Wir waren auch der Juniorpartner 1940, als wir gegen die Nazis kämpften." Bewiesen wäre damit, dass der Geschichtsunterricht sogar im feinen Elite-Internat von Eton, wo der Premier zur Schule ging, zu wünschen übrig lässt. 1940 war Großbritannien nämlich weder Junior- noch sonst irgendein Partner: Nach dem Zusammenbruch Frankreichs und bis zu Hitlers Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 stand das von Winston Churchill regierte Land allein gegen die großdeutsche Kriegsmaschinerie. Erst im Dezember 1941 traten die USA offiziell der Anti-Hitler-Allianz bei.

Seither, so weit immerhin hat Cameron Recht, geben die Briten den Juniorpartner Amerikas. Zu Europa gehören sie bestenfalls halbherzig, und keine neue Regierung wird daran etwas ändern.  (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 4.8.2010)

 

Teil 5 der STANDARD-Serie "Selbst- und Fremdbilder der Europäer".

 

Teil 4: "Spanier zu sein ist keine Ausrede mehr"

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    Den Euro wird es auf der Insel noch lange nicht geben. Das macht dieser Demonstrant vor der Bank of England in London klar.

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