Mit Gimmicks und Gadgets zum iCar

3. August 2010, 09:20
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Die Verwandlung des Autos in rollende Konsumelektronik prescht immer weiter voran

Durch die rasante Einführung immer neuer Fahrassistenten, Internetfunktionen und anderer Gimmicks verwandelt sich das Auto immer schneller in ein Elektronikspielzeug. Die Verwandlung ist bereits so weit vorangeschritten, dass sich vielleicht auch bald Apple sagen wird: "Das können wir auch" - und ein Auto, ein iCar, entwickelt. Diesen Trend zeigt wenigstens Nissans Show neuerster Einfälle in Japan auf. Mit Carlos Ghosn, dem Chef von Renault und von Nissan, haben sich die Japaner in nur einem Jahrzehnt vom Pleitekandidaten zum technischen Pionier gemausert. Aggressiv führen die Japaner immer neue Funktionen ein, die Fahrern - Entschuldigung, wir sollten vielleicht besser "Nutzern" sagen - mit Elektronik, Software und ausgeklügelten Algorithmen ins Lenkrad greifen sowie auf Bremse und Gaspedal treten.

Bremse denkt mit

Ein interessantes Projekte ist in diesem Zusammenhang Nissans widerspenstiges Gaspedal. Es begann sein Eigenleben 2008 mit dem "Öko-Pedal", das sich bei Bleifußfahrten gegen die Schuhsohle stemmt, um dem User benzinsparendes Fahren anzuerziehen. Nun wird es auch in zwei Bremsassistenten verwendet: einem Notbremssystem und einem Abstandskontrollassistenten. Das Notbremssystem versetzt das Auto in die Lage, im Notfall selbstständig von Tempo 60 auf Stillstand abzubremsen, um einen Auffahrunfall zu vermeiden - falls der User das Bremsen vergisst. Volvo hat etwas Ähnliches vorgestellt, doch funktioniert Nissans System bei höherem Tempo und vor allem in zwei Phasen.

Abstandskontrollassistenten

Während Volvo nur notbremst, hat Nissan einen Abstandskontrollassistenten vorgeschaltet, der den Nutzer schon bei der Annäherung an ein Fahrzeug oder ein Hindernis durch einen Druck des Gaspedals gegen den Gasfuß zum Bremsen animiert. Gehorcht der Fahrer nicht, bremst das Auto zuerst leicht an. Hilft auch das nicht, strafft es den Gurt und löst im letzten Moment eine automatische Vollbremsung aus, die den Wagen in fünf Metern von Tempo 40 auf 0 abbremsen kann. Hinter dem Zwei-Phasen-Konzept steht die löbliche Idee, dass der Fahrer selbst die meisten Unfälle durch rechtzeitiges Abbremsen vermeiden kann, sodass das Auto gar nicht erst in die Eisen steigen muss. Doch eine Testfahrt mit dem übrigens gut funktionierenden System legt die ungewollte Nebenwirkung nahe, dass der User aus Bequemlichkeit das Bremsen verlernt. Warum sollte der Mensch noch selbst den Zeitpunkt des Bremsens bestimmen, wenn das Auto es doch so gut kann? Merke: Das wahre Automobil, das selbstfahrende Roboterauto, rückt technisch wie mental einen weiteren Schritt näher.

Einparken mit Rundumblick

Darüber hinaus hat Nissan noch weitere Gimmicks unter der Haube. Die 360-Grad-Rundumsicht aus der Vogelperspektive, die das Ein- und Ausparken erleichtern soll, wurde durch eine Software-Erweiterung in die Lage versetzt, nun auch durch Piepen vor Passanten zu warnen. Und die neue Klimaanlage soll nicht nur durch den Ausstoß von negativ geladenen Ionen der Nase vorgaukeln, dass der User an einem Wasserfall im Wald sitzt, sondern durch die Anreicherung der Luft mit Vitamin C auch die Hautfeuchte besser regulieren als Kosmetik. Doch die endgültige Metamorphose vom Auto zum Gadget droht mit der Einführung von Elektroautos. Dann werden sich die Autobesitzer über Autos so unterhalten wie über ihr Handy. "Wie lang hält dein Akku durch?" Bei Nissans erstem Modell, Leaf, das ab Ende 2010 auf den Markt kommt, wird das Auto mit dem iPhone zur Kontrolle der Akkuladung und der Klimaanlage vernetzt. Es gibt aber auch bereits ein System, das den Standort und die Fahrdaten in Echtzeit auf dem iPhone anzeigt. (Martin Kölling aus Tokio/ DER STANDARD Printausgabe, 3. August 2010)

 

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    Im Elektroauto Nissan Leaf sind alle Cockpitanzeigen digital. Das Auto ist mit dem iPhone zur Kontrolle der Akkuladung vernetzt.

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