Digitale Helfer für Schwerhörige

  • Jeder Schwerhörige hat individuelle Frequenzen, die ihm 
Schwierigkeiten bereiten. Angepasst an den einzelnen Benutzer werden 
leise Signale verstärkt, laute Signale bleiben unverändert.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Jeder Schwerhörige hat individuelle Frequenzen, die ihm Schwierigkeiten bereiten. Angepasst an den einzelnen Benutzer werden leise Signale verstärkt, laute Signale bleiben unverändert.

Forscher integrieren Algorithmen in Handys und andere Audiogeräte - Hörverlust lässt sich damit zum Teil kompensieren

Jeder fünfte Deutsche ist schwerhörig. Betroffene sind in ihrem Privat- und Arbeitsleben beeinträchtigt - etwa beim Telefonieren. Forscher haben jetzt eine digitale Lösung parat, die den Hörverlust zumindest teilweise kompensieren kann. Künftig soll das System in Geräte wie Telefonanlagen oder Handys integriert werden.

Wie bitte? Können Sie lauter sprechen? Ich habe Sie nicht verstanden. Etwa 13 Millionen Deutsche hören nicht gut. Und das ist nicht unbedingt eine Frage des Alters. Nach Angaben des Deutschen Schwerhörigenbunds sind rund 19 Prozent der über 14-Jährigen hörbeeinträchtigt. In der Gruppe der über 65-Jährigen ist schon jeder Zweite schwerhörig. Vor allem zwischen 40 und 50 Jahren nimmt das Hörvermögen ab. Viele Betroffene geben an, die Beeinträchtigung schränke ihre Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz ein. Die meisten Schwierigkeiten entstünden bei der Kommunikation. Besonders problematisch sei das Telefonieren - etwa über das Internet (Voice over IP). Dabei wird das Telefonat über Computernetzwerke mittels des Internetprotokolls geführt. Oft erschweren Störgeräusche und akustische Echos das Gespräch. Für schwerhörige Menschen ist das besonders problematisch. Sie können diese Möglichkeit des Internets nur sehr eingeschränkt nutzen. Sie müssen die Lautstärke hochregeln, um überhaupt folgen zu können. Dadurch verstärken sich aber auch die Hintergrundgeräusche. Ohnehin schon laute Signalanteile werden bei weiterer Verstärkung schnell unangenehm.

Sprachverbesserte Telefonie

Um dem entgegenzuwirken, haben sich die Entwickler des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie IDMT in Oldenburg eine digitale Lösung einfallen lassen. In dem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie BMWi geförderten Projekt "Sprachverbesserte Telefonie" arbeiten sie an Algorithmen, die üblicherweise in Hörgeräten verwendet werden und die den Hörverlust zumindest teilweise kompensieren können. Der Trick: Jeder Schwerhörige hat ganz individuelle Frequenzen, die ihm Schwierigkeiten bereiten. "Angepasst an den einzelnen Benutzer werden leise Signale verstärkt, laute Signale bleiben jedoch unverändert, da sie sonst als unangenehm laut empfunden würden", erklärt Stefan Goetze von der Projektgruppe Hör-, Sprach- und Audiotechnologie am IDMT. Zusätzlich erkennt das System das Hintergrundrauschen und reduziert es auf ein Minimum. Dadurch bietet es nicht nur Menschen Vorteile, die Probleme beim Hören haben. Im Fall eines Anrufs aus einer lauten Umgebung, wie einem Großraumbüro, profi tieren auch normal hörende Personen von der Signalverarbeitung. Das System kann für jeden Anruf so eingestellt werden, dass ein gleichmäßiges, gut verständliches Klangbild entsteht.

Bedienerfreundliche Anpassung

"Eine besondere Herausforderung besteht darin, dass der Nutzer die Algorithmen selbst bedienerfreundlich anpassen kann. Besonders für Senioren sollten einfache Methoden zur Anpassung gefunden werden. Bei einem Test-Telefon haben wir das durch ein spezielles Display gelöst. Zwei Audiosignale mit unterschiedlichem Klang werden durch Blumen visualisiert. Per Druck auf die Blumen können die Senioren den gewünschten Klang regeln. So stellen sich die Algorithmenparameter automatisch auf das individuelle Hörvermögen des Nutzer ein", erläutert Goetze.

Die Algorithmen lassen sich in alle Audiogeräte integrieren. Die Wissenschaftler haben bereits einen Ipod Touch, eine Telefonanlage, ein Videokonferenzsystem sowie einen Fernseher damit ausgestattet. Die Geräte liegen derzeit als Demonstratoren vor. "Erste Produkte könnten voraussichtlich in zwei Jahren erhältlich sein", sagt Goetze. "Wenn unsere Technologie erst einmal in Consumergeräte eingebaut ist, sind Betroffene nicht mehr permanent auf ihr Hörgerät angewiesen." Auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin vom 3. bis 8. September dieses Jahres zeigen die Forscher ein Videokonferenzsystem, in das ihre Algorithmen installiert sind. (red)

Share if you care
1 Posting
Hoffentlich...

...bin ich (64) nicht schon unter der Erde, wenn das realisiert wird!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.