Das Gemauschel um "dunkle Zeiten"

2. August 2010, 19:00

Droht die wissenschaftliche Aufarbeitung des Austrofaschismus durch großkoalitionäre Interessen getrübt zu werden? Warum eine unabhängige Historiker-Kommission vonnöten ist - Von Harald Walser

Mit Bruno Kreisky wurde 1970 ein Vorbestrafter Bundeskanzler. Im März 1936 war er gemeinsam mit vielen Gesinnungsgenossen im "Sozialistenprozess" wegen seiner politischen Überzeugung verurteilt worden. Mit ihm vor Gericht standen viele andere, etwa der spätere Polizeipräsident Josef "Joschi" Holaubek oder der spätere Bundespräsident Franz Jonas. Kreisky erhielt zwölf Monate Kerker.

Unter anderem wegen dieser Urteile haben wir Grüne vor einem Jahr eine Initiative zu deren Aufhebung gestartet - auch der Standgerichtsurteile vom Februar 1934. Damals wurden neun Sozialdemokraten nach dem Standrecht hingerichtet, unter ihnen der ehemalige Nationalratsabgeordnete Koloman Wallisch und der Schutzbündler Karl Münichreiter, der schwer verletzt auf einer Krankentrage zum Galgen geschleppt wurde.

Zarte Hinweise auf eine mögliche Aufhebung wenigstens der Standgerichtsurteile vom Februar 1934 gibt es ja inzwischen - immerhin.

Rund um den Jahrestag des Nazi-Putsches (25. Juli 1934) möchte ich grundsätzliche Überlegungen anregen: Wie weit sind wir mit der Aufarbeitung des Austrofaschismus? Immerhin hat die Absage der Gedenkmesse für Engelbert Dollfuß einigen Staub aufgewirbelt. War er ein "Arbeitermörder" oder der "Heldenkanzler" und "Märtyrer" , der sein Leben im Kampf gegen die nationalsozialistische Barbarei opferte? O-Ton Otto Habsburg (2008): "Es gibt kein anderes Land in Europa, das einen Kanzler gehabt hat, der in der Schlacht gegen Hitler gefallen ist. Darauf sollten wir auch stolz sein."

Sollten wir? ÖVP und SPÖ sind sich in der Bewertung dieser Frage nicht einig. Da wäre eine offene Debatte fällig, auf der Basis des heute verfügbaren historischen Materials. Doch stattdessen: großkoalitionäre Mauschelei.

Ist dieser Vorwurf gerechtfertigt? Immerhin sind sich die Erste Nationalratspräsidentin und der Zweite Präsident laut Medienberichten einig: "Die Vorbereitungen für wissenschaftliche Aufarbeitung laufen", so Fritz Neugebauer. Kleiner Nachsatz: in schwarz-roter Eintracht und nicht auf unabhängiger wissenschaftlicher Basis.

Seltsamer Deal

Denn laut Medienberichten "sieht sich auch Prammer (...) auf einer Linie mit den Empfehlungen der Historiker Oliver Rathkolb und Helmut Wohnout" . Ein seltsamer Deal zeichnet sich da fernab der Öffentlichkeit ab: Wohnout - Geschäftsführer des ÖVP-Vogelsang-Instituts und Koautor einer mehr als freundlichen Alois-Mock-Biografie - ist in Sachen Austrofaschismus nach seiner Dissertation von 1990 bislang nicht gerade durch ein reiches Œuvre in Erscheinung getreten. Seine wissenschaftliche Arbeit kann es nicht gewesen sein, die ihn für die ÖVP in Sachen austrofaschistische Justiz zur ersten Wahl machte, um ein "dunkles Kapitel" der österreichischen Geschichte großkoalitionär aufzuarbeiten.

"Dunkel" ist das Kapitel übrigens nur für jene, die schon bisher nichts davon wissen wollten. Denn schon 1984 haben Emmerich Tálos und Wolfgang Neugebauer einen umfangreichen Sammelband zum Thema "Austrofaschismus" veröffentlicht, der umgehend in vier Auflagen erschien und dann von 1988 bis zum Jahr 2005 vergriffen war. Dieser Band erhellt einiges aus der "dunklen Zeit" . Warum hat man diese beiden Wissenschafter nicht in das Projekt eingebunden?

Leicht zu beantworten: In der ÖVP tut man sich nach wie vor schwer mit einer Neubewertung des Wegs zur Diktatur von 1933 bis 1938 und ihrer realen Verfassung, die man immer noch gerne als "autoritären Ständestaat" verbrämt.

Unter Schwarz-Blau möglich

Nur: Was unter Schwarz-Blau möglich war, müsste jetzt doch auch möglich sein. Damals wurde eine wirklich unabhängige Historiker-Kommission ins Leben gerufen, um eine wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung der NS-Zeit in Angriff zu nehmen.

Das Ergebnis war bemerkenswert und hat Österreich in der internationalen Fachwelt einige Reputation eingebracht. Das müsste für die Zeit des Austrofaschismus doch auch gelingen. Auf dieser Basis könnte man dann eine Rehabilitierung der Opfer der austrofaschistischen Justiz in Angriff nehmen.

Die Zeit ist überfällig - und Bruno Kreisky wäre ein unbescholtener Bürger!

Harald Walser ist Abgeordneter im Nationalrat und Bildungssprecher des Grünen Klubs. (Harald Walser/DER STANDARD, Printausgabe, 3.8.2010)

HARALD WALSER ist Abgeordneter im Nationalrat und Bildungssprecher des Grünen Klubs.

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    Posting 1 bis 25 von 85
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    ceser
    00
    Frage zu Kreiskys Doktortitel

    Kreisky reiste im September 1939 als Hochschüler aus Österreich nahc Schweden aus. Er hatte da also noch keinen Doktortitel. Im Fernsehen wurde mal sein Ausreisedokument gezeigt, da stand eindeutig Hochschüler drauf. In Schweden war er dann in einem Konsum angestellt. Nach dem Krieg kam er dann als Doktor zurück.

    Weiss jemand was dazu?

    es sei bemerkt
    00

    die wikipedia zum beispiel. irre schwer zu finden :)

    MetaM.
     
    00
    Eine Klären von Fragen bzgl. Rechtsstaatlichkeit ja

    oder nein ist doch keineswegs belanglos. Was warum und wie abgelaufen ist, welche Strukturen hinter Weltanschauungen verborgen sind, mit welchem Menschenbild und Wertekatalog diverse Parteien aufwarten, Bürger/innenstimmen zu gewinnen, sollte und könnte doch gut hinterfragt und aufgeklärt werden, um noch weiter sich fortsetzende Mißverständnisse und Täuschungen endlich zu stoppen, oder entspräche dies NICHT der Absicht der Parteien?
    Die demokratische, freie Wahl von freien Staatsbürger/innen stellt der Höhepunkt der demokratischen Ereignisse durch seine Wahlbeteiligung dar. Vielleicht hat diese auch so extrem nachgelassen, weil die Menschen sich wenig wahrgenommen fühlen und nicht mehr wissen, was hinter den parteiprogrammen stecKt.

    mika33
    31
    Jetzt im Ernst: Welche Relevanz soll so eine Aufarbeitung

    der Zeit des Austrofaschismus für die heutige Zeit eigentlich haben??

    Für die Historiker ist sowieso alles klar, die brauchen keine politisch motivierte Kommission.

    Das einzige was man damit bezwecken will, ist, dass politsche Gegner dann zu dem Thema Stellung beziehen und man sie bei abweichender Meinung dann Natsi schimpfen darf ....

    Typisch Grüne. Wenns in der Gegenwart kiene Themen finden muss die Vergangenheit her.

    die_eidechse
     
    10
    um nur einen kleinen aspekt ihrer widerlichen frage zu beantworten:

    "Jetzt im Ernst: Welche Relevanz soll so eine Aufarbeitung der Zeit des Austrofaschismus für die heutige Zeit eigentlich haben??"

    schon alleine deswegen um die opfer der faschistischen diktatur in österreich zu rehabilitieren; ihnen späte gerechtigkeit zukommen zu lassen.

    haben sie den artikel überhaupt gelesen.

    mika33
    01
    Dieses sogenannte Aufarbeiten der Geschichte dient lediglich primitiven politischen Interessen von heute.

    Für sonst garnicht ist das gut. So etwas schadet dem heutigen Östereich, denn wissenschaftlich ist die Geschichte dieser Poche schon längst ausreichend aufgearbeitet.
    Es geht nur darum, die Parteien von heute in irgendeiner Form zu verunglimpfen.

    Wir sollten diese Zeit, Energie und auch eine Menge Geld lieber für unsere Zukunft verwenden und nicht in der Vergangenheit graben.

    MIP1
    06

    Die meisten Historiker sind in der Lage, die Jahre 1934–1938 wie irgendein anderes Kapitel der Geschichte zu analysieren, und das passiert auch. Aus wissenschaftlichen Gründen ist eine Historikerkommission nicht erforderlich.

    Eine Historikerkommission dient nur politischen Zwecken. In eine solche Kommission kann man – dem Zweck entsprechend – Parteihistoriker, -funktionäre, -archivare und sonstige Komiker entsenden. Das ist ziemlich egal. Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten kommt da sowieso nur Blödsinn heraus.

    Ah ja, zum Begriff "Austrofaschismus". Wiederholung eines Hinweises: Gerhard Botz, Gewalt in der Politik, 2. Aufl. 1983, S. 232ff. Das gilt natürlich nur für historisch Interessierte und nicht für bornierte Politiker.

    Prof. Alois
     
    21
    Nur der Ordnung halber

    Kreisky wäre sowieso vorbestraft. Im Zuge der Wiesenthal -Affäre wurde er wegen übler Nachrede verurteilt. Er hatte versucht, Wiesenthal mundtot zu machen, indem er ihm Kollaboration mit den Nazis vorwarf. Ohne dass es dafür auch nur einen Hinweis gab.

    die_eidechse
     
    10
    haben sie den artikel überhaupt gelesen?

    da WAR er bereits kanzler, somit wäre nicht ein vorbestrafter kanzler geworden. relevanz ihrer anmerkung daher?

    Prof. Alois
     
    00
    Natürlich habe ich den gelesen - mit Interesse

    und einigem K opfschütteln.

    Über Kreisky steht am Ende des Artikels:

    Die Zeit ist überfällig - und Bruno Kreisky wäre ein unbescholtener Bürger!

    Der Autor ist wentweder ahnungslos, oder er lässt absichtlich was aus.

    hurchzua
    29
    Ein wenig informieren wäre angesagt!

    "Vorbestraft" ist, wessen Strafe noch nicht getilgt ist. Wann eine Strafe getilgt ist, regelt das Tilgungsgesetz.

    Kreisky war daher 1970 NICHT vorbestraft.

    Um das festzustellen braucht es keine Arbeitsbeschaffung für Historiker.

    die_eidechse
     
    10
    das hat ja auch der grüne geschrieben und nicht historiker

    mus1
    11
    Es müsste um was anderes gehen:

    Um das Haus der Geschichte nämlich. Verschleppung, Verschleppung? Kein Geld? Wohl eher keine Priorität.

    Die Geschichte des Ständestaates ist im Großen und Ganzen aufgearbeitet und auch zwischen den Parteien kein echtes Streitthema mehr. Es sei denn, es handelt sich um Scheindebatten.

    Sun Zi
    68
    Na! Herr Walser...

    ...brachen wir wieder Jobs für parteitreue Geisteswissenschaftler aus der Uni? So wie der KHG halt neue Jobs für seine Schick-Micki WU'ler geschaffen hat macht es dieser Herr halt für seine Freunderln aus dem Meinungsbiotop!

    kalinka karechta
    43
    Schon wieder eine Historikerkommission???

    Com Pirx
    13

    Ist schon lange überfällig. Ist ziemlich peinlich, dass im Ausland weit bessere Bücher über die österreichische Zeitgeschichte geschrieben werden als im Land.

    omar chamra
    10
    Richtig, das beste Buch über Karl Lueger schrieb der amerikanische Wissenschaftler

    Richard S. Geehr 1990. Das Buch wird nicht übersetzt ins Deutsche, denn der Autor beweist, dass Lueger nicht der gemütliche Antisemit war, wie es eine Vernebelungsindustrie darstellt. Geehr zitiert aus dem Reichsrath-Protokoll Reden von Lueger, der u.a. Juden Ritualmorde vorgeworfen hat.
    Nach so viel Jahren könnte man ja ehrlich diese Geschichte schildern. Doch wir kehren lieber alles unter den Teppich.

    Prof. Alois
     
    30
    Das ist richtig

    Dort hat man aber eine gesunde Distanz zu den Dingen. Weshalb Sie dort auch ganz selbstverständlich über Dollfuß lesen können: Diktator zwar, aber auch erstmals weltweit entschiedener Kampf gegen die Nazis. Außerhalb Österreichs wird strikt unterschieden zwischen großen Monstern und kleinen Untieren.

    KLAMB
    11
    "erstmals weltweit entschiedener Kampf gegen die Nazis"

    Zeigen Sie uns bitte, auf welchen Autor sie sich hier beziehen? Die Standardwerke von Holtmann können wohl nicht gemeint sein.

    Ist Ihnen bekannt, dass die Regierung Dollfuß noch nach dem Verbot der österr. NSDAP weiter mit den Nazis Geheimverhandlungen führte und diesem Ziel vermutlich auch die Aufklärung des Attentats auf Dollfuß 1933 unterordnete, während die Gesprächsangebote der Sozialdemokratie zurückgewiesen wurden?

    Prof. Alois
     
    10
    Bei allem Vorbehalt gegen die wikipedia

    In der englischen steht Beim Stichwort "Dollfuß" etwas ganz anderes als in der Deutschen. Ganz unten die üblichen Quellenangaben. In der französischen fast noch mehr Ausgewogenheit, aber auch Unentschiedenheit, aber doch ein eigener Absatz mit dem Titel "Un Antinazi". Wenig erhellend die italienische wikipedia, aber immerhin die italienische Sicht der Dinge. Da bleibt der Faschismus nonchalant im Hintergrund.
    Gut ist auch die katalanische.

    Nur zur Illustration, wie sich das damals anfühlte:
    http://www.time.com/time/maga... -1,00.html

    Schönes Zitat daraus:
    ...the assassination of her husband in a manner which, said the outraged London Times, "makes the name of Nazi stink in the nostrils of the world."

    Fritz Wunderlich
    20

    das ist objektiv falsch

    wiesengarten
    57
    Abschaffung des Konkordats

    Zur Aufarbeitung der Geschichte des "Ständestaats" gehört auch die Abschaffung des Konkordats. Erst dann wird die Trennung von Staat und Kirche - wobei immer die katholische als einzige gemeint ist - vollzogen sein. Wieso wird der Vatikan überhaupt als "Staat" anerkannt?
    Ich wünsche mir eine HistorikerInnenkommission zum Zustandekommen des "Konkordats".

    Mazzesinsulaner
     
    00

    Der heilige Stuhl ist Völkerrechtssubjekt, dh viele oder alle (?) Staaten der Welt erkennen das Völkerrechtsstubjekt an.
    Davon zu trennen ist der Staat Vatikan (genauer: Staat der Vatikanstadt). Mussolini hat 1929 (Lateranverträge) dem Hl Stuhl ein paar Quadratmeter Roms geschenkt.

    E. Pagliacci
    14

    Das Zustandekommen des Konkordats ist ja nicht strittig. Was soll die Kommission feststellen? Das, was in den Geschichtsbüchern steht.

    Entscheidend ist eher, welche Funktionen das Konkordat erfüllt und welche Tatsachen es schafft.

    Ich bin aber ebenfalls der Meinung, dass das Konkordat aufzukündigen (formal ist es ein Staatsvertrag), neu zu verhandeln und in eine andere Rechtsform umzuwandeln ist. Der Vertragspartner kann nicht ein (Gottes-)Staat sondern nur die oberste Repräsentanz der jeweiligen Glaubensgemeinschaft in Österreich sein.

    Santino Corleone
    1110
    Statt Vorschlägen für die Gestaltung der Zukunft

    lieber rumwühlen in der Mottenkiste der Vergangenheit. Wieder ein weiterer Schritt der Grünen in die politische Bedeutungslosigkeit.

    Wem würde, ausser ein paar gut dotierten Historiken und kleinen Intellektuellen Zirkeln, so eine "Aufarbeitung" nutzen ?

    Kreisky wäre kein unbescholtener Bürger, er wäre immer noch das, was er jetzt ist: tot.

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    Posting 1 bis 25 von 85
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