Bauern müssen raus aus Vertragsanbau

2. August 2010, 18:08
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Den großen Boom am heimischen Biomarkt sieht der Biopionier nicht, aber er ortet weltweit steigende Preise für Nahrungsmittel

Wien - Werner Lampert traut den Statistiken rund um das florierende Geschäft mit Bio nicht. Von Zuwächsen um 30 Prozent im ersten Trimester ist heuer bei der Agrarmarkt Austria die Rede. Beim Absatz soll es ihrer Marktanalyse zufolge Sprünge von mehr als 40 Prozent gegeben haben. Für den neuen Aufschwung in Österreich habe zum einen Hofer gesorgt. Zum anderen hätten andere Ketten ihr Sortiment erweitert, und nicht zuletzt ist Bio mitunter nur noch geringfügig teurer als Konventionelles. Vor allem bei vielen Milchprodukten nähern sich die Preise an.

Lampert gründete einst für Rewe die Biomarke Ja! Natürlich und baut für den Diskonter nun das Label Zurück zum Ursprung auf. Er glaube nicht an diesen Boom, sagt er. Zumal der Biomarkt im Vorjahr deutlich eingebrochen sei, auch in Deutschland und England. Er selber rechne heuer für Hofer mit einem Wachstum um 20 bis 30 Prozent. Quer durch den Handel bleibe es aber im einstelligen Bereich.

Die Klagen der österreichischen Milchbauern über magere Erzeugerpreise versteht der Biopionier: Sie seien anders als Schweinebauern an stabile Preise gewöhnt. Sie müssten dennoch lernen, mit Zyklen umzugehen. "Es gibt für Milch einen Weltmarkt, und die Zeiten der Binnenpreise sind vorbei." Im übrigen sei der Bauernstand trotz niedriger Milchpreise gesund.

Das Ende der Billigpreise

Lampert gilt seit Jahren als Verfechter regionaler kleiner Produktionsstrukturen. Weltweit sieht er die Preise für Lebensmittel langfristig steigen. Denn der koloniale Gedanke, sich auf Kosten anderer Länder zu bereichern, greife nicht mehr. Das gelte auch für die Vernichtung von Regenwald, um Soja für billige Milch und günstiges Fleisch zu produzieren. Explodieren würden die Preise zudem, sobald mehr Pflanzen zur Energieerzeugung herangezogen würden.

Die Krise rund um die Vermarktung von Biogetreide in Österreich kommt für Lampert wenig überraschend. Tausende Bauern wussten bis vor kurzem nicht, wohin mit ihrer Ernte und bangen um Erlöse der vergangenen. Der Agentur für Biogetreide, ihr bisheriger Abnehmer, droht unter der zu erwartenden Klageflut der Konkurs.

Die Landwirte hätten 2008 geradezu absurde Preise für ihr Biogetreide bekommen, die niemals auf dem Markt zu erzielen waren, resümiert Lampert im Gespräch mit dem Standard. "2009 haben diese Fixpreise alle umgebracht, Millionenbeträge wurden abgewertet."

Die Bauern müssten aus seiner Sicht ihre Geschicke wieder selbst in die Hand nehmen. "Sie müssen raus der Vertragslandwirtschaft." Sie führe in der Agrarbranche lediglich zu Abhängigkeit, Spekulation und "schlaflosen Nächten" .

Eine Pleite der Agentur für Biogetreide, die für die Bioware nicht mehr bezahlen kann, brächte rund 2300 Landwirte um ihre Ernten, da diese zur Konkursmasse würden. 1400 wechselten daher bisher zur neu gegründeten Bio-Qualitätsgetreide GmbH, deren Mutter für den Diskonter Hofer arbeitet. Sie verspricht Strukturen, in denen die Landwirte vertreten sind.

Parallel dazu will auch Raiffeisen das Vakuum nutzen, um sich stärker ins Biogeschäft einzubringen. Eine Lösung für die laufende Ernte ist gescheitert. Bis 2011 soll aber eine weitere Vermarktungsgenossenschaft entstehen, auf Initiative der Bio Austria hin, die die Bauern vertritt, mit Raiffeisen und Landwirtschaftskammer.

Derweil warfen viele Bauern die Nerven weg und Biogetreide zu geringeren konventionellen Preisen auf den Markt. Andere lagern es ein. Die Lage sei komplett unübersichtlich, klagen Betroffene. Konsumenten spüren von den Turbulenzen hinter den Kulissen nichts. Im Vergleich zu Konventionellem hat Bio auch wenig Gewicht. Bei Frischeprodukten liegt der Bioanteil laut AMA bei acht Prozent.(Verena Kainrath, DER STANDARD, Printausgabe, 3.8.2010)

  • Die Turbulenzen rund um den Überschuss an Biogetreide hätten sich 
abgezeichnet, sagt Werner Lampert. Den Bauern seien zuvor absurde Preise
 gezahlt worden, die der Markt nie hergab.
    foto: heribert corn

    Die Turbulenzen rund um den Überschuss an Biogetreide hätten sich abgezeichnet, sagt Werner Lampert. Den Bauern seien zuvor absurde Preise gezahlt worden, die der Markt nie hergab.

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