"Die Rumänen sind gewohnt, Opfer zu bringen"

2. August 2010, 17:58
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Wirtschaftsexperten: Abbau des Staatssektors – Kritik an österreichischen Banken

Bukarest - "Früher haben wir zu Osteuropa gehört, jetzt werden wir wegen der Krise in Griechenland zu Südeuropa gerechnet", sagt der Präsident der rumänischen Wirtschaftsvereinigung, Florin Pogonaru mit ironischem Unterton. Dabei habe Rumänien wirklich wenig mit Griechenland zu tun. "Die Griechen gehen für weit weniger wichtige Dinge auf die Straße als wir, und der Internationale Währungsfonds ist für viele Griechen der Teufel und für die Rumänen ein Held", sagt Pogonaru, der auch im Aufsichtsrat der Erste-Bank-Tochter Banca Comerciala Romana (BCR) sitzt. Nach dem "zerstörerischen Populismus" der vergangenen zwei Jahre mit unrealistischen Wahlversprechen erwartet Pogonaru "jetzt fünf stabile Jahre". Und trotz Eurokrise hält Rumänien an dem Ziel fest, 2015 der Währungsunion beizutreten - "auch wenn man in Brüssel darüber lächelt."

Pogonaru schätzt, dass die Regierung 20.000 bis 36.000 Arbeitsplätze im öffentlichen Bereich einsparen wird. Für Wirtschaftswissenschafter wie den ehemaligen Finanzminister Daniel Daianu ist das angesichts der Tatsache, dass in den vergangenen fünf Jahren die Anzahl der öffentlich Bediensteten von einer Million auf 1,4 Millionen stieg, angemessen.

Primitive Kontrolle

Daianu betont, dass die Banken, nicht die Politik, die rumänische Krise durch die Vergabe von zu vielen Fremdwährungskrediten verschuldet hätten. 90 Prozent der Kreditinstitute in Rumänien seien zudem in ausländischer Hand. Auch die österreichischen Banken seien zu viele Risiken eingegangen. "Sie sollten die österreichische Nationalbank fragen: Wo war damals die Regulierungsbehörde, wo war der Supervisor?" , fragt Daianu. Wenn man in Rumänien damals nach mehr Kontrolle gefragt habe, habe man die Antwort bekommen, dass dies primitiv und in Europa nicht üblich sei.

Als Medizin gegen die Krise empfiehlt Daianu die bessere Nutzung der EU-Fonds. Bisher werden nur 15 Prozent in Anspruch genommen. Viele Beamte hätten Angst anzusuchen, weil sie Korruptionsvorwürfe fürchten.

Wenn es um die Krise geht, macht sich Daianu aber weniger Sorgen um Rumänien als um die alten EU-Staaten. "Bisher ging es im Westen immer nur aufwärts." Nun müsse erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg gespart werden. "Wir in den neuen EU-Ländern haben viel besser gelernt, wie man so etwas überlebt. Die Leute sind gewöhnt, Opfer zu akzeptieren." (Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 3.8.2010)

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