Waffenstillstand für Problemviertel

2. August 2010, 17:50
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Ex-Bandenmitglieder sollen junge Gewalttäter von Schießereien abhalten

Wien - "Gewalt funktioniert wie ein Epidemie. Der Genozid in Ruanda hatte ein kurze Inkubationszeit, wie Cholera. Binnen weniger Tage war das ganze Land ein Unruheherd. Andere Formen der Gewalt werden über Jahrzehnte weitergegeben, wie Tuberkulose."

Gary Slutkin kennt sich mit beidem aus. Der Mediziner war jahrelang in Afrika in der Seuchenbekämpfung tätig. Zurück in seiner Heimat Chicago nahm er sich mit seiner Organisation "Ceasefire" ("Waffenstillstand") dem Problem innerstädtischer Bandenkriege in vielen US-Städten an.

"Wir versuchen, die Schießereien in armen Gegenden mit wissenschaftlichen Blick zu sehen, nicht mit einem moralisch wertenden" , sagte Slutkin im Rahmen der Ashoka-Konferenz für soziale Entrepreneure dem Standard. Gewaltakte seien ein erlerntes Verhaltensmuster, das Menschen auch abtrainiert werden könne. Bestrafung sei dazu kein probates Mittel.

"Für die Leute, die wir erreichen wollen, endet jeder Tag im Chaos", sagt Slutkin: Jugendliche, die an den Straßenecken herumhängen würden, die kaum jemals ihr Viertel verlassen, und ständig auf eine Gelegenheit für handgreifliche "Action" warten würden. Solche "Kids" seien für Sozialarbeiter, wie es einst auch US-Präsident Barack Obama in Chicago war, meist außer Griffweite.

Die Leute, die "Ceasefire" anheuert, sind oft selbst ehemalige Bandenmitglieder, die in derselben Gegend wie ihre jungen Wiedergänger wohnen, und von ihnen respektiert werden. Diese "Gewalt-Verhinderer" sollen dort präsent sein und Konflikte entschärfen, bevor sie eskalieren. Rund 1800 Konflikte habe man so in den letzten Jahren in Chicago verhindert, schätzt Slutkin.

Doch auch nach einem "Ereignis" , wie der Forscher es nennt, sollen die "Gewalt-Verhinderer" in der Nähe bleiben, und "Risiko-Personen" ihre Hilfe anbieten, von einfachen Dingen wie Bustickets bis zu Drogen-Rehabilitation und Job-Training. Viel ist vom Respekt abhängig, den die Leute von "Ceasefire" in ihrer Nachbarschaft genießen. Etwa hundert Helfer sind es allein in Chicago, und viele weitere in anderen US-Städten, wo die Organisation tätig ist.

Gesponsert wird das Projekt vor allem von staatlichen Stellen, doch diese seien vielfach noch zu zaghaft in ihrer Unterstützung. "Wo wir tätig sind, konnten wir die Zahl der Schießereien um 40 bis 70 Prozent reduzieren", plädiert Slutkin. Doch die Öffentlichkeit sinne vielfach nur nach Bestrafung der Täter, kostspielige Rehabilitation wäre darum ein politisch heißes Eisen, selbst in Hochburgen der linken US-Demokraten wie Chicago.

Fernziel von Slutkin und seinen Leuten ist es, die Gesellschaft an sich zu weniger Gewalt zu erziehen. Dazu sei soziale Ächtung notwendig. "Gesetze halten dich nicht davon ab, bei einer Party zu rauchen. Nur die strengen Blicke deiner Mitmenschen tun das", sagt der Professor in einem Vergleich von Nikotinsucht und Gewalt. Das sei in Europa bisher oft besser gelungen als in den USA.(Alexander Fanta/DER STANDARD, Printausgabe, 3.8.2010)

  • Gary Slutkin, am Montag zu Besuch in Wien, will Gewalt im Ghetto sozial ächten.
    foto: standard/newald

    Gary Slutkin, am Montag zu Besuch in Wien, will Gewalt im Ghetto sozial ächten.

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