"Jeder Europäer zahlt für die Spektakel mit"

2. August 2010, 17:22
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Jordi Casamitjana von der Tierschutzorganisation Prou!, die das Verbot des Stierkampfs in Katalonien erreichte

Tierschützer Jordi Casamitjana (43) von der Plattform Prou! war am Verbot der Corrida de Toros in Katalonien und an dem der englischen Fuchsjagd federführend beteiligt. Der die Debatte in Spanien dominierende Polithickhack um nationalistische Motive sei „Taktik der Verbotsgegner“, sagt er im Gespräch mit Jan Marot.

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STANDARD: Wie sehen Sie den Vorwurf seitens der Stierkampfbefürworter, die Katalanen hätten eine „Antispanische Entscheidung“ mit dem Verbot getroffen?

Jordi Casamitjana: In der Phase der Prüfung des Gesetzes, den Debatten mit Experten, die sich ja über Monate hinzog, da waren niemals nationalistische Argumente zu hören. Es ist in den Redaktionen der Tagezeitungen, national und international, wo die Politisierung des Themas fußt. Das Gesetz, das nur dem Tierschutz dient, bietet keine auch nur noch so geringe nationalistische Referenz. Es ist eine Taktik der Befürworter der Stierkämpfe, um so den Prozess bis zum Verbot noch zum Entgleisen zu bringen.

STANDARD: Warum gelang es, in Katalonien das Verbot umzusetzen, wenn schon nicht aus nationalistischer Motivation der Abstimmenden im Regionalparlament?

Casamitjana: Es waren prinzipiell drei Dinge. In Katalonien stand die Branche des Stierkampfs relativ im Abseits. Förderungen seitens der Stadtverwaltung wurden bereits 2004 zur Gänze eingestellt. Wo die Industrie stark mit Staatsmitteln gestützt wird, dort haben es wir Tierschutzorganisationen auch viel schwerer. Es gibt hier nur eine Arena, den La Monumental in Barcelona. Und der wird nur an 15 bis 16 Tagen im Jahr zum Schauplatz von Stierkämpfen. Den Rest des Jahres tut sich nichts. Und das Interesse der Bevölkerung daran ist ohnehin in der Region gering. Dazu kommt, dass wir sehr strategisch arbeiten, international vernetzt.

STANDARD: In wie weit waren und sind moderne Kommunikationstechnologien auch für die Kampagne zur Umsetzung des Verbotes von Bedeutung?

Casamitjana: Das ist eine Stärke die wir gegenüber der Stierkampf-Lobby haben. Sie sind meist ältere, im traditionalistischen Lager beheimatete Menschen, viele Politiker der Volkspartei, die diese neuen Möglichkeiten noch nicht einsetzen. Sie leben in ihrer kleinen, alten Welt. Sie versuchen es jetzt langsam. Aber wir sind weltoffene Bürger und agieren seit Jahren strategisch und international vernetzt. Dass wir bei der Unterschriftensammlung 180.000 Unterzeichner binnen der Frist, und mehr als dreimal so viele wie für Gesetzesinitiativen vom Volk aus zu erbringen sind, erreicht haben liegt auch daran wie wir das Internet und soziale Netzwerke für unsere Kampagne eingesetzt haben.

STANDARD: 300 Millionen Euro an Schadensersatz müsse die Regionalregierung der Branche zahlen müsse, sollte das Verbot in Kraft treten. Die Berechnung stammte doch von der Lobby der Befürworter selbst?

Casamitjana: Ich zweifle stark daran, dass eine derart große Summe fällig werden könnte. Denn wie gesagt, es gibt nur eine Arena von Relevanz. Folglich dürfte einzig deren Betreiber Pedro Balañá eine gewisse Summe erhalten. Die Immobilie der Arena an sich ist natürlich eine mit Sicherheit sehr teure. Selbst wenn die Region wegen dem Umsatzverlust zur Kasse gebeten werden sollte, kann das nie so viel gewesen sein. Außerdem ist sie nur knapp zwei Wochen im Jahr bespielt. Ich denke, es gibt weitaus lukrativere Möglichkeiten sie öfter zu nutzen als aktuell, für Konzerte etwa oder für Geschäftslokale. Das würde auch einen positiven Impuls für die Wirtschaft im Bezirk mit sich bringen.

STANDARD: Auf wie hoch schätzen Sie die Subventionen des spanischen Staates für die Stierkampfbranche?

Casamitjana: Wenn man alle Ebenen berücksichtigt, sprich national, regional und lokal, dann ergeben unsere Schätzungen knapp 550 Millionen Euro im Jahr. Dabei muss man bedenken, dass auch EU-Subventionen als Fördemittel auf Umwegen für die Tierzüchter, und nicht nur bei den Fleischlieferanten, nein auch an die Kampfstieraufzucht fließen. Ein jeder Europäer, Deutscher, ein jeder Österreicher zahlt somit indirekt für diese Spektakel mit. Das geschieht aber über Umwege. Solche Zahlen will man uns in Brüssel freilich nicht verifizieren.

STANDARD: Zieht der Stierkampf nicht auch Touristen nach Spanien?

Casamitjana: Aus meiner Erfahrung gibt es viele Menschen, die sich beharrlich weigern in Spanien zu urlauben, eben weil es hier Stierkämpfe gibt. Es ist ihre Art Boykott. Sie können aber bald zumindest nach Katalonien kommen. Aber natürlich übt er auch eine Anziehung, oft aus Unwissenheit aus. Neugierige Touristen sind oft schockiert wenn sie sehen, was in der Arena mit dem Tier gemacht wird. Ich habe selbst schon gesehen, wie manche weinend hinausgegangen sind. In England gab es eine Umfrage zu einer spanischen Tourismuswerbung. Die Frage war, ob Briten den Stierkampf als Werbeträger akzeptieren würden. 89 Prozent verneinten dies. Wer wegen dem Stierkampf nach Spanien reist, ist oft selbst in einem Beruf tätig, der einen eigenen Bezug zu Tieren voraus setzt, wie die Jagd.

STANDARD: Wie sind Sie selbst zu Prou! gestoßen?

Casamitjana: Ich bin in Barcelona geboren, aber nach England ausgewandert. Der Tierschutz begleitet mich schon lange. Ich kann eigentlich keinem Lebewesen Schaden zu fügen. Ich schloss mich den Aktivisten gegen die Fuchsjagd an. Ein Prozess, bei dem Tierschützer viel dazu lernen konnten. In gewisser Weise war es ein Wendepunkt, der eine neue Ebene markierte. Nämlich weg von Protesten und Demonstrationen, hin zu einem Weg über Mehrheiten der Bevölkerung. Volksbefragungen sind ideal. Sachlich geführte Debatten sind essenziell, denn es gilt neben der Bevölkerung auch Politiker im ihren Bewusstsein zu überzeugen. Nach dem Erfolg in England, erkannte ich, dass auch in Katalonien die Zeit reif ist, hier dem Stierkampf ein Ende zu setzen. Wir orientierten uns hier an den Erfahrungswerten unserer britischen Kollegen.

STANDARD: Obwohl es laut Reglement verboten ist, gab es in den vergangenen Jahren wiederholt auch Meldungen, dass Stiere vor dem Betreten der Arena mit Medikamenten aufgeputscht oder geschwächt werden. Hat Prou! Belege für solche Praktiken?

Casamitjana: Solch Praktiken sind sehr schwer nachzuweisen. Aber uns ist es eigentlich egal, was mit dem Stier macht, bevor er in die Arena kommt. Denn das Schlimmste ist, was man mit dem Stier beim eigentlichen Stierkampf macht.

STANDARD: Wie sieht es um die Stierkampfgegner in anderen spanischen Regionen aus? In Granada etwa, als kürzlich Corridas statt fanden, waren lediglich drei Protestanten vor dem Plaza de Toros. Fans und Unternehmer steigen fast auf die Barrikaden ...

Casamitjana: Es gibt keine Region in Spanien, wo unsere Bewegung nicht vertreten wäre. In Asturien und im Baskenland werden auch Volksinitiativen angedacht. Auch in Portugal, Frankreich und Lateinamerika steigt die Ablehnung gegenüber den Stierkämpfen. Die Verbände kennen sich untereinander. Der Präsident der Antitaurinos (Anm. Stierkampfgegner) Andalusiens stand bei der Abstimmung im Regionalparlament neben mir. Jetzt wo wir die Hindernisse, die man uns vor allem aus Kreisen der Volkspartei in den Weg legte, bewältigt haben, dient unser Erfolg als Erfahrungswert für weitere Schritte in weiteren Regionen. Unser Ziel ist, dass der Stierkampf generell und überall verboten wird.

STANDARD: In Portugal wird beim Stierkampf das Tier nicht der Arena getötet...

Casamitjana: Das dürfen sie nicht, per Gesetz. Darum wurde das Reglement geändert. Doch es ist dieselbe Qual für den Stier, dieselbe Folter. Er wird mit Lanzenstichen und Pfeilen malträtiert. Dazu kommt, dass in Portugal die Kämpfe immer freitags angesetzt sind. Gemäß der katholischen Tradition kommt derjenige, der das Tier, nachdem es zwei Tage verblutend und ohne Nahrung liegen gelassen wurde, schließlich töten soll, erst am Montagmorgen. In Katalonien wurde während der Parlamentdebatten um das Verbot eine Änderung der Regeln in Betracht gezogen. Das ist aber für uns definitiv keine Alternative. Alle Stierkampfvarianten, wie auch lokale Stierbräuche der Encierros (Anm. Stiere werden durch Gassen gehetzt, wie bei der weltbekannten San-Fermín-Hatz in Pamplona) sind Tierquälerei und wir wollen sie verboten sehen.

STANDARD: Fürchten Sie nicht, dass der Vorstoß der Volkspartei, den Stierkampf als "nationales Kulturgut" zu schützen, nicht auch noch das katalanischen Verbot kippen könnte?

Casamitjana: Ich bin optimistisch, dass das Gesetz Kataloniens auch dem Verfassungsgericht bei einer eventuellen Klage der Volkspartei standhalten wird. Natürlich haben sie es geschafft, über den Nationalismusvorwurf des „Antispanischen Votums“ das dem Tierschutz dienende Verbot in der Öffentlichen Meinung etwas zu verdrehen und es so auf eine politische und mediale Bühne zu heben. Sie haben uns erst sehr unterschätzt. Aber jetzt formieren sie sich stark. Wir müssen konzentriert weiterarbeiten. Foto von Credit: Prou! Zur Person: (jam/Langfassung/DER STANDARD, Printausgabe, 3.8.2010)

JORDI CASAMITJANA (43, geboren in Clot, bei Barcelona) ist Tierverhaltensforscher im Auftrag der britischen League against Cruel Sports und Mitglied von Prou!, jener katalanische Tierschutzorganisation die per Volksinitiative (Iniciativa Legislativa Popular) das Gesetz zum Verbot des Stierkampfs in Katalonien erwirkte.

Im zweiten Semester Biologie-Studium in Spanien brachte er es nicht übers Herz die Laborratte zu töten. Casamitjana zog es mit 25 Jahren nach England. Er wollte "ohne Tiere quälen zu müssen Wissenschaftler zu werden". Vollzeittierschützer Casamitjana war Teil der Kampagnenorganisation gegen die Fuchsjagd, die mit dem Verbot der britischen Tradition endete. Er ernährt sich vegan und trägt kein Leder, nach dem Motto: "Einfach nichts konsumieren, was Tieren schadet."

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