Sturköpfe am Canal Grande

  • Starren und staunen: Strafverteidiger und Autor Ferdinand von Schirach zeigt Regisseur Michael Haneke den Markusplatz. Heute, Dienstag, 0.05, in der Arte-Reihe "Durch die Nacht mit ..."
    foto: arte/avanti media/fabian meyer/bori

    Starren und staunen: Strafverteidiger und Autor Ferdinand von Schirach zeigt Regisseur Michael Haneke den Markusplatz. Heute, Dienstag, 0.05, in der Arte-Reihe "Durch die Nacht mit ..."

Regisseur Michael Haneke und Autor Ferdinand von Schirach spazieren durch das nächtliche Venedig: ein vortrefflicher Ort der Selbstdarstellung, Dienstag, 0.05 Uhr, Arte

Es könne gut werden, frohlockt Ferdinand von Schirach. Michael Haneke sei bekannt für Filme über normale Leute und ihre Schrecklichkeiten. "Darüber schreibe ich auch" , sagt Schirach. Eine Nacht in Venedig lautet der operettenhafte Auftrag, den die beiden Protagonisten in der Arte-Reihe Durch die Nacht mit ... mit auf den Weg bekommen. Es wird eine romantische Fahrt durch die Serenissima, die beide zur aufschlussreichen Selbstdarstellung nützen.

Der Filmregisseur empfängt den deutschen Autor und Promi-Anwalt im Grünareal seines Hotels. Die ersten Worte auf der Parkbank sind höflich distanziert gewechselt. Dann geht es im Wassertaxi in Richtung Stadt. Schirach führt Haneke durch die Kanäle und Gassen, die für ihn einen Monat lang zur Heimat wurden. Hier zog er sich zur Schreibklausur für sein neues Buch zurück. Mit Schuld setzt Schirach Geschichten, die seine anwaltliche Praxis zum Vorbild haben, fort.

Seit acht Jahren schickt Arte Künstler auf nächtlichen Kennenlerntrip. Die Anregungen zum Austausch holen sich die Paare in der Begegnung mit den Städten, durch die sie flanieren. So gehen die Themen nie aus, auch wenn sie sich - wie im Fall von Haneke und Schirach - zumeist nach einem unausgesprochenen Rollenspiel bewegen: Schirach mimt den Bewunderer, Haneke thront.

"Superbeeindruckt"

"Ich war vom letzten Film superbeeindruckt" , schwärmt Schirach wie ein Teenager über den Oscar-Gewinner Das weiße Band. "Es gibt andere Filme von mir, die ich auch nicht besser oder schlechter finde" , schwächt Haneke vordergründig ab, um sich selbst auf ein noch höheres Podest zu stellen. "Sie sind wahrscheinlich auch sehr klar in Ihren Vorstellungen!" , jubelt Schirach. Haneke, stolz: "Man kann es uncharmant ausdrücken: Ich bin relativ stur."

Erster Stopp - es ist noch früh am Abend und hell - ist beim Psychiater Fabrizio Ramacciotti. Strafverteidiger und Mediziner geraten in der Frage des offenen Strafvollzugs aneinander. "Hören Sie mir zu" , bittet der Psychiater. Schirach verweigert: "Ich bin da so ein bisschen stur." Haneke hat zu dem Zeitpunkt das Interesse längst verloren. "We have to go" , winkt er: "Psychiater haben immer recht, aber wenn man dann auch nicht zuhören kann, ist es natürlich fatal" .

So fahren die beiden Wassertaxi zwischen Fischmarkt, Rialto-Brücke und Markusplatz. Der Regie wollte Schirach ein Schnippchen schlagen: Was wäre, würde man die ganze Zeit kein einziges Wort reden? Weil die Chemie stimmt, wird der Plan nicht weiter verfolgt. Abendessen mit Olga Neuwirth, nächtlicher Besuch im Dogenpalast, anschließend Ausklang im Florian mit Ulrich Tukur. Für Haneke ist es eine Wiederbegegnung mit einer Stadt, in der er seit Wer war Edgar Allen? 1986 nicht mehr war. Zu sehen, dass Originaldrehorte aus dem Film sich selbst 24 Jahre später kaum verändert haben, gehört zum Faszinierenden Venedigs. Daneben verblassen sogar so manche Selbstverliebtheiten. (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 3.8.2010)

Share if you care