"Diese kleinen Heimaten sind mir ein Gräuel"

2. August 2010, 16:33
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Der italienische Literat Claudio Magris ist heuer "Dichter zu Gast" - Über seine Angst um Europa und seine Abscheu vor Populisten im Interview

Standard: In Ihrem mitteleuropäischen Kulturgeschichtswerk "Donau" beschrieben Sie 1986 die Donau als Kulturraum, 2009 erschienen mit "Ein Nilpferd in Lund" über Jahre hinweg gesammelte Reisebeobachtungen. Wie viele Flugmeilen braucht man, um vor dem Reisenden Magris als "weitgereist" zu bestehen?

Magris: Ob eine Reise nach Vietnam oder durch die eigene Stadt führt, spielt keine Rolle: Reisen ist ein Abenteuer, ein Prüfstein. Reisen ist Metapher für das Leben: Man geht - und weiß nie, was passieren wird. Es ist keine Reise, wenn ich nach New York fliege, um einen Vortrag zu halten. Aber wenn ich bummle und Dinge sehe oder verstehe, die ich zuvor nicht gesehen oder verstanden habe, wird daraus eine Reise.

Standard: In diesem Sinn bereisen Sie also auch Ihre Heimatstadt Triest nach wie vor - änderte sie sich durch den Wegfall der Grenzen in der Mitte Europas?

Magris: Triest hat sich - wie Europa - massiv verändert. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war Triest Niemandsland. Man wusste nicht, ob man Jugoslawien oder Italien sein, ob man zu Stalins oder zur westlichen Welt gehören würde. Der eiserne Vorhang war nahe, die Feuerlinie Europas. Aus dieser Atmosphäre der Isolation entstand etwas Eigenartiges: Man wähnte sich am Rande und war zugleich im Brennpunkt.

Hierher kamen Leute aus ganz Europa und definierten einen neuen Begriff von Heimat: Die "italienischen" Patrioten, die im Ersten Weltkrieg gegen Österreich fielen, trugen meist slawische, deutsche oder griechische Namen. Trotzdem war auch hier der Nationalismus wie überall das Krebsgeschwür. Gott sei Dank ist das heute fast vorbei: Mittlerweile nennt der Triestiner Bürgermeister den slowenischen Schriftsteller Boris Pahor "unseren großen Sohn" . So gesehen hat sich Triest, wie Europa, im Inneren normalisiert: Weniger interessant, aber humaner.

Standard: Sie definieren Grenzen als Orte, die ein "einerseits" und ein "andererseits" erzwingen. Fließt in Europa heute alles zu einem faden Brei zusammen?

Magris: Grenzen sind manchmal Ausgangspunkt für Begegnung, aber viel öfter Mauern: Man will nichts sehen. Nicht einmal die Existenz des Anderen. Und was Europa angeht: Europa ist unsere einzige mögliche Realität. Probleme betreffen nicht mehr Spanien oder Österreich, sondern alle. Deshalb träume ich von einem europäischen föderalistischen Staat - mit Gesetzen, die überall gleich sind. Es ist doch lächerlich, hier das eine Migrationsgesetz zu haben und dort ein anderes. Jeder versteht, dass es absurd wäre, wenn Triest da ein anderes Gesetz als Mailand hätte. Aber dass es lächerlich ist, wenn Belgien und Italien unterschiedliche Gesetze haben, muss man erklären? Zu Europa gibt es keine Alternative. Aber Bürokratisierung und engstirnige Abkapselung der Staaten machen mich zum Pessimisten.

Standard: In Ihren Texten und Reden ist der Friede in Europa auch trügerische Illusion. Wieso?

Magris: Natürlich ist es ein Segen, dass Europa nicht mehr Schauplatz des Völkermordes der Weltkriege, des Selbstmordes eines Kontinents, ist. Aber Krieg existiert: Europa ist nicht die Welt. Und es gibt andere Kriegsarten: den Terror. Die Tragödie der Migranten an Europas Grenzen. Man darf sich keiner Täuschung hingeben: Niemand hätte geglaubt, dass etwas wie der Jugoslawienkrieg in Europa noch möglich wäre. Auch ich hätte dieses Gemetzel für denkunmöglich gehalten.

Standard: Sie haben den Begriff der "Mikronationalismen" geprägt. Aber jene, die Provinzidentitäten ansprechen, kommen gut an.

Magris: Diese schrecklichen kleinen Heimaten sind mir ein Gräuel! Aber es gilt zwei Phänomene zu unterscheiden: Populismus und Mikronationalismus - trotz der vielen Gemeinsamkeiten. Populismus betrifft ein ganzes Land und seine emotionale Befindlichkeit. Der Populismus ist eine schreckliche Gefahr, eine Entartung der Demokratie. Politiker vom Schlage Berlusconi verfälschen Begriffe wie "Liberalität" auf unverschämte Art. Populismus ist Herrschaft auf Basis der Gefühle aus dem Volk - ohne die Mechanismen der Demokratie, die die Freiheit des Einzelnen garantieren sollen. Jede Diktatur präsentierte sich überpopulistisch - weder der Faschismus noch der Nationalsozialismus noch der Bolschewismus haben sich je als "aristokratisch" bezeichnet

Standard: Und der Mikronationalismus?

Magris: Der ist die Reaktion auf die verständliche Angst vor dem Verlust der eigenen Identität. Auch ich liebe meine Stadt und spreche meine Mundart - aber ohne sie zu ideologisieren. Das ist der Punkt: Es ist falsch, das Gefühl regionaler Identität gegen das Gefühl einer weiteren Zusammengehörigkeit zu stellen. Ist es ein Gegensatz, Triestiner, Italiener und Europäer sein? Deshalb bin ich überzeugt, dass nur ein europäischer Staat diese militärisch oder wirtschaftlich weniger mächtigen kleinen Identitäten schützen kann.

Standard: Kann eigentlich ein Literat an diesen Prozessen etwas ändern?

Magris: Schriftsteller sind keine Priester, die es besser wissen. Einige der größten Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts waren Nazis, Stalinisten oder Faschisten. Die französischen Intellektuellen fuhren nach Moskau, um Hinrichtungen beizuwohnen - allein das beweist, dass es nicht ausreicht, ein Meisterwerk geschrieben zu haben, um behaupten zu dürfen, Politik zu verstehen.

(Thomas Rottenberg, DER STANDARD/Printausgabe, 03.08.2010)

Claudio Magris wurde 1939 in Triest geboren. 2009 wurde er mit dem "Friedenspreis des deutschen Buchhandels" ausgezeichnet. "Donau. Biographie eines Flusses" (Hanser, 1988) ist eine Flussfahrt durch Geschichte, Ethnien und Kultur der Donauländer. Zuletzt erschienen: "Ein Nilpferd in Lund" (Hanser, 2009) und "Verstehen Sie mich bitte recht" (Hanser, 2009). Magris war von 1994 bis 1996 Senator in Rom. Das vorliegende Interview gab er in "literaTour" auf ServusTV. Die Vollversion ist unter www.servustv.at abrufbar.

  • Claudio Magris: "Grenzen sind manchmal Ausgangspunkte für Begegnungen, 
aber viel öfter Mauern: Man will nichts sehen. Nicht einmal die Existenz
 des Anderen."
Ein Altenheim als Unterwelt - Senta Berger las Claudio Magris' Neudichtung des Mythos von Orpheus und Eurydike
Salzburg - Am Anfang steht Eurydikes resolutes "Nein". Sie will in der Unterwelt bleiben. Claudio Magris transformiert in seiner Novelle Verstehen Sie mich bitte recht dieses Jenseits in ein Altenheim unter der Führung eines zwielichtigen Präsidenten (hier ist Gott zu vermuten). Dieses Nein, so Magris, sei ihm sehr sympathisch, denn jedes Ja müsse durch ein Nein gehen, eine Art Schwelle.
Von diesem Schattenreich aus monologisiert Eurydike über ihre Liebe zu Orpheus, der sie zurückholen möchte. Doch sie weiß: Der Dichter liebt vor allem sich selbst und hat einfach nur Angst, allein und ohne seine Muse zu sein. Eurydikes bedingungslose Liebe ist aber vorbei. Sie hat seine Eskapaden und Liebschaften satt, will ihn nicht mehr bemuttern, bekochen und ihm nicht mehr beischlafen. Außerdem wagt sie nicht, ihrem Mann die Wahrheit über das Jenseits zu sagen: dass es nämlich hier nicht viel anders abläuft als im irdischen Leben. 
Magris hat einen sensiblen und leichtfüßigen Text gesponnen, Senta Berger entblätterte mit Verve und Hingabe die vielen Nuancen der Emotionalität. Angst, Schmerz, Wut und Trauer führen zu einer umfassenden Poesie der Verletzlichkeit. Ein gewöhnliches Eheleben wird fein seziert, der Liebesakt detailliert geschildert. Sie, Eurydike (bei Magris auch eine Intellektuelle), war es, die Orpheus den Rücken freihielt, damit er schreiben konnte, sich zurücknahm, wenn er vor Freunden den großen Helden mimte, und Orpheus' zum Teil schwülstige Texte überarbeitete. 
Bergers Lesung entwickelte sich als fließender Strom, dessen Wasser immer wieder über Hindernisse musste, bis er letztlich im Meer verschwand. Die einstündige Lesung endete mit einem relativierenden "... jedoch ..."  Dieses Jedoch sei für sie positiv, schöpft Berger Hoffnung, Orpheus sei vielleicht noch fähig zum Glücklichsein. Denn Eurydike halte sein Leben zusammen. Senta Bergers homogene Performance brachte zwar nicht wie Orpheus' Gesang die Mauern zum Weinen, wurde im ausverkauften Landestheater von einem vorwiegend älteren Publikum aber mit Bravos belohnt. (Christian Weingartner, DER STANDARD/Printausgabe, 03.08.2010)
 
Hinweis:Claudio Magris liest am 4. August (19.30) im Landestheater aus "Das Weltreich der Melancholie"  und spricht im Anschluss mit dem Historiker Karl Schlögel darüber.
    foto: cremer

    Claudio Magris: "Grenzen sind manchmal Ausgangspunkte für Begegnungen, aber viel öfter Mauern: Man will nichts sehen. Nicht einmal die Existenz des Anderen."


    Ein Altenheim als Unterwelt - Senta Berger las Claudio Magris' Neudichtung des Mythos von Orpheus und Eurydike

    Salzburg - Am Anfang steht Eurydikes resolutes "Nein". Sie will in der Unterwelt bleiben. Claudio Magris transformiert in seiner Novelle Verstehen Sie mich bitte recht dieses Jenseits in ein Altenheim unter der Führung eines zwielichtigen Präsidenten (hier ist Gott zu vermuten). Dieses Nein, so Magris, sei ihm sehr sympathisch, denn jedes Ja müsse durch ein Nein gehen, eine Art Schwelle.

    Von diesem Schattenreich aus monologisiert Eurydike über ihre Liebe zu Orpheus, der sie zurückholen möchte. Doch sie weiß: Der Dichter liebt vor allem sich selbst und hat einfach nur Angst, allein und ohne seine Muse zu sein. Eurydikes bedingungslose Liebe ist aber vorbei. Sie hat seine Eskapaden und Liebschaften satt, will ihn nicht mehr bemuttern, bekochen und ihm nicht mehr beischlafen. Außerdem wagt sie nicht, ihrem Mann die Wahrheit über das Jenseits zu sagen: dass es nämlich hier nicht viel anders abläuft als im irdischen Leben.

    Magris hat einen sensiblen und leichtfüßigen Text gesponnen, Senta Berger entblätterte mit Verve und Hingabe die vielen Nuancen der Emotionalität. Angst, Schmerz, Wut und Trauer führen zu einer umfassenden Poesie der Verletzlichkeit. Ein gewöhnliches Eheleben wird fein seziert, der Liebesakt detailliert geschildert. Sie, Eurydike (bei Magris auch eine Intellektuelle), war es, die Orpheus den Rücken freihielt, damit er schreiben konnte, sich zurücknahm, wenn er vor Freunden den großen Helden mimte, und Orpheus' zum Teil schwülstige Texte überarbeitete.

    Bergers Lesung entwickelte sich als fließender Strom, dessen Wasser immer wieder über Hindernisse musste, bis er letztlich im Meer verschwand. Die einstündige Lesung endete mit einem relativierenden "... jedoch ..." Dieses Jedoch sei für sie positiv, schöpft Berger Hoffnung, Orpheus sei vielleicht noch fähig zum Glücklichsein. Denn Eurydike halte sein Leben zusammen. Senta Bergers homogene Performance brachte zwar nicht wie Orpheus' Gesang die Mauern zum Weinen, wurde im ausverkauften Landestheater von einem vorwiegend älteren Publikum aber mit Bravos belohnt. (Christian Weingartner, DER STANDARD/Printausgabe, 03.08.2010)

     

    Hinweis:
    Claudio Magris liest am 4. August (19.30) im Landestheater aus "Das Weltreich der Melancholie" und spricht im Anschluss mit dem Historiker Karl Schlögel darüber.

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