EU zahlte indirekt für blutige Stierkämpfe in Spanien

2. August 2010, 11:49
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Das künftige Stierkampfverbot in Katalonien, wiewohl auch politisch motiviert, verschärft in ganz Spanien und darüber hinaus die Debatte über ein umstrittenes Kulturgut mit starken wirtschaftlichen Komponenten

In Spaniens Süden war Verbitterung spürbar, als Kataloniens Regionalparlament vergangene Woche das Stierkampfverbot absegnete. Nach den Kanarischen Inseln, wo die Corrida de Toros seit 1991 per Gesetz untersagt ist, wird in einer ersten Festlandregion jener uriberische Brauch mit 1. Jänner 2012 abgeschafft.

Kritiker orten jedoch hinter dem Tierschutz nur eine weitere antispanische Aktion katalanischer Nationalisten. Der Bann über die laut Ernest Hemingway "einzige Kunstform, in der der Künstler sich in Lebensgefahr befindet" wurde vielfach als Revanchismus Richtung Madrid gedeutet. Fast jeder vierte Katalane befürwortet die Unabhängigkeit, wie die Regionalregierung am 10. Juli erhob, als Massenproteste nach dem Verfassungsgerichtsentscheid über das Autonomiestatut Barcelona lähmten.

Ziel sei es, "ein Zeichen spanischer Identität zu löschen", sagt der Philosoph Gustavo Bueno, Ehrenmitglied der Gesellschaft zur Verteidigung der Spanischen Nation. Stierkampfliebhaber, Autor und Philosoph Fernando Savater kritisiert in einem El País-Kommentar den "manischen Interventionismus" des Gesetzgebers. Antispanisch sei der Entscheid nicht, würden die Katalanen "doch die spanische Inquisition wiedereinführen" , gab er sich sarkastisch. Zöge einzig die Grausamkeit Stierkampffans in die Arena, könnten sie doch "städtische Schlachthöfe besuchen". Den Stierkampf, seit Jahrhunderten vermeintlicher Kitt paniberischer Kultur, will die konservative Volkspartei (PP) nun "landesweit schützen". Dem amtierenden sozialistischen Premier José Luis Rodríguez Zapatero wirft Torero Francisco Rivera Ordóñez vor, dass er "noch nie bei einem Stierkampf war".

Nicht nur Poet Federico García Lorca oder Pablo Picasso fanden darin Inspiration. Francisco de Goya verwendete den Torero als Metapher für die spanische Nation im Unabhängigkeitskrieg gegen den Stier - die französischen Besatzer. Eine seiner Radierungen aus der Serie Tauromaquia (1816) betitelte Goya mit Barbarische Unterhaltung. Das sahen Experten am Prado als eine Kritik des Meisters. Nicht minder deutlich war sein Zeitgenosse, der Literat Mariano José de Larra. Er ortete auf den Tribünen "Raubtiere, verkleidet als Menschen".

Die Umsatzverluste fürchtenden Stierzüchter leisteten gar einen Beitrag zur Erhaltung einer gefährdeten Art, ist Manuel Fernández, Tierarzt der Arena von Gijón (Asturien), überzeugt: "Ohne sie würden Kampfstiere aussterben" und ihre Weidegebiete, die Dehesas, verschwinden. Bedroht sehen sich auch Medien, denn die Corridas flimmern nicht nur über Andalusiens TV-Sender. Kritiken füllen Feuilletonseiten, und Livekommentatoren sind Radiostars.

Torero Plácido Domingo

Plácido Domingo mimte just nach dem Verbot solidarisch den Torero am Madrider Teatro Real. Er ist wie König Juan Carlos I. begeisterter Stierkampfgeher. Sie sind zwar in der Minderheit - laut einer in El País am Sonntag publizierten Studie finden 60 Prozent keinen Gefallen an Stierkämpfen. Doch 57 Prozent sind gegen das katalanische Verbot.

"Indirekt kommen aus EU-Geldern etwa 20 Millionen Euro. Als Landwirtschaftsförderung fließen sie kaschiert an die Züchter", sagt Jordi Casamitjana von Prou! (Es reicht!), jener Plattform, die das Verbot mit 180.000 Unterschriften initiierte, zum STANDARD: "Jeder Europäer zahlt für die Spektakel mit." National und regional fließen jährlich etwa 550 Mio. Euro Subventionen. Den "Nationalismusvorwurf" sieht der vegane Tierverhaltensforscher als "Taktik, um den Prozess zum Entgleisen zu bringen".

"Das Gesetz wird etwaigen Verfassungsklagen standhalten", prophezeit Casamitjana. Er hat lange in England gelebt und an der Kampagne zum Fuchsjagdverbot mitgewirkt. Ziel sei "ein internationales Verbot". Die Ablehnung steige überall, auch in Portugal, wo Stiere nicht in der Arena getötet werden dürfen: "Es ist dieselbe Folter." Da Kämpfe oft freitagnachts stattfänden, würden "verblutende Tiere oft bis Montagfrüh auf den Schlächter warten".

Während im Baskenland und in Asturien Partnerplattformen weitere Volksbegehren planen, sieht Torero-Legende Carlos Escolar in Südfrankreich die Zukunft des Metiers: "Dort wird man sich die spanische Nationalfiesta aneignen." Jenseits der Pyrenäen werde das Ritual "liebevoll gepflegt". (Jan Marot aus Granada/DER STANDARD, Printausgabe, 3.8.2010)

Wissen: Verbote und Verklärung 

Das Ringen des Menschen mit dem Stier reicht bis in die Antike zurück. Heute finden in Spanien, Portugal und Südfrankreich (dort meist in unblutiger Form) sowie in vielen Staaten Lateinamerikas Stierkämpfe statt. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts gibt es die Corrida de Toros in heutiger Form. 1771 erließ König Karl III. ein - vom Volk ignoriertes - Verbot, 1805 folgte ein weiterer Versuch von Nachfolger Karl IV. Die 1910er und 1920er gelten als "goldene Ära" des Stierkampfs. Ernest Hemingway (Fiesta, 1926, Tod am Nachmittag, 1932) machte u. a. die Encierros, die Stierhatz von Pamplona, weltberühmt. Heute stoßen auch andere Bräuche Spaniens auf wachsende Kritik, darunter der Bou de foc (Feuerstier) in Katalonien. Dabei werden dem Stier Feuerkugeln an den Hörnern entzündet, bevor man ihn durch die Gassen hetzt. (jam) 

Zum Thema:

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    Ein Stier in der Arena von Santander nach dem Todesstoß, kurz bevor er fällt.

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    Der Artgenosse war einer der "Stars" in Pamplona 2009.

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