Gute und schlechte Privatisierungen

30. Juli 2010 19:18

Bloß weil Schüssel die Privatisierungen der Grasser-Partie überlassen hat, sind Privatisierungen nicht "Verschleuderung von Volksvermögen"

Das Anrüchige an der Buwog-Privatisierung hat ja schon damit begonnen, dass die rund 60.000 Wohnungen im Paket an einen einzigen Investor verkauft wurden. 62.000 Wohnungen zu insgesamt 960 Mio. Euro, abzüglich der Kreditbelastung, ergibt einen Durchschnittspreis von 30 bis 40.000 Euro für Wohnungen von 70 bis 80 m2 aus der späteren Nachkriegszeit. Ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass auch Gewerbegrundstücke, Bauland und ausbaufähige Dachböden im Paket waren.

Der Rechnungshof hat denn auch scharf kritisiert: keine gute Privatisierung.

Inzwischen werden auch die anderen Privatisierungen unter Federführung Grassers der schwarz-blauen Ära untersucht. Und es gewinnt in der öffentliche Debatte die Meinung an Bedeutung, dass Privatisierungen grundsätzlich schädlich und falsch seien.

Das ist Blödsinn. Bloß weil Schüssel die Privatisierungen der Grasser-Partie überlassen hat, sind Privatisierungen nicht "Verschleuderung von Volksvermögen", wie es gerne in Internet-Foren heißt.

Staatsbesitz bedeutet in sehr vielen Fällen die noch größere Verschleuderung von Volksvermögen, nämlich Steuergeld zur Sanierung ruinierter Betriebe und ebenso viel Korruption. Staatsbesitz heißt (nicht nur in Österreich) Parteieneinfluss, und der bedeutet: Einsetzen von unfähigen Günstlingen im Management, politischer Einfluss auf Unternehmensentscheidungen, Aufblähung des Personalstandes und schließlich Bankrott oder Beinahe-Bankrott.

Beispiel gefällig ? Mitte der 80er-Jahre war die verstaatlichte Industrie - Voest Alpine, Chemie Linz, Metallwerke Ranshofen - praktisch am Ende (einzige Ausnahme die OMV). Der damalige Chef der ÖIAG, Sekyra, ging zu demonstrierenden Arbeitern in Kapfenberg und sagt: "Verstehen Sie doch - wir sind pleite! Pleite!". Das bedeutete: Praktisch die gesamte Großindustrie Österreichs war knapp vor dem Zusperren (und dem Verkauf ans Ausland).

Die Verstaatlichte war von der SPÖ besonders unter Kanzler Kreisky als Instrument der Beschäftigungspolitik verwendet worden, ihr Personalstand aufgebläht. Mächtige Betriebsratsbosse wie Ruhaltinger von der Voest marschierten zum Kanzler (Sinowatz) und drehten vom Vorstand gewollte Sparmaßnahmen einfach ab. Die Unternehmen wichen auf dubiose Geschäfte aus - Lieferung von Voest-Kanonen an die Kriegsländer Iran und Irak (Noricum), katastrophale Terminspekulationen (Intertrading).

Schließlich musste die Verstaatlichte mit insgesamt 100 Milliarden Schilling Steuergeld vor dem Untergang gerettet werden. Unter Kanzler Vranitzky und Finanzminister Lacina wurden die Unternehmen teilprivatisiert, redimensioniert (zehntausende Mitarbeiter in Frühpension) und weitgehend entpolitisiert. Heute geht es ihnen gut. Oder: Die Telekom war in Staatsbesitz ein kundenfeindliches, von der Gewerkschaft beherrschtes, völlig veraltetes Unternehmen. Die Teilprivatisierung war ein Segen.

Seither ist die Idee einer Großindustrie in Staatsbesitz erledigt, und das ist gut so. Üble Privatisierungen wie die in der Schüssel-Grasser-Ära ändern daran nichts.(Hans Rauscher, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.7./1.8.2010)

 

Kommentar posten
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Räudiger Straßenköter
01.08.2010 23:16

Sind die 3649 Konkurse des Vorjahres auch ein Beweis für die Überlegenheit der Privatwirtschaft? Die TK-Austria ist heute kundenfreundlicher, aber bei Ausstellung von Reisepässen ist das auch so und niemand käme auf die Idee das auf die Eigentümerstruktur zurückzuführen. Semperit wurde privatisiert und geht es ihnen deswegen heute gut?

Girgl Galgenstein
02.08.2010 09:15
Ja, auch die Konkurse sind Ausdruck der Überlegenheit

Ein Unternehmen gehen ja nicht zwangsläufig in Konkurs, sondern dann wenn Sie mehr aufwenden, als sie erwirtschaften. Bei einem Staatsbetrieb werden diese Verluste laufend durch Steuerzahlungen ausgeglichen.

Borat Sagdiyev : jak sie masz?
01.08.2010 15:15
Schließlich musste die Verstaatlichte mit insgesamt 100 Milliarden Schilling Steuergeld vor dem Untergang gerettet werden

Der Steuerzahler hat in diese Betriebe also umgerechnet €7 Mrd. investiert. Diese Betriebe sicherten tausende Arbeitsplätze. Die Arbeitnemer zahlten an den Steuerzahler die Steuer und Mehrwertsteuer (als quasi Dividende) zurück.

"Bankenrettungspaket" kostet den Steuerzahler €100 Mrd. weil sich die Zocker in den Banken verspekuliert hatten. Das generiert keinen Einzigen Arbeitsplatz, keine Steuer, wenn nicht geht dann keine Zinsen und Wahrscheintlich ist das Geld nicht mehr einbringbar.

Statt Spekulanten zu retten würde ich lieber 14 Mal mehr Staatsbetriebe haben.

Mit dem Geld hätten wir nicht nur viele Arbeitsplätze erschaffen sondern ganze Branchen gegründet.

der große blasenfeind
04.08.2010 14:55
"Bankenrettungspaket" kostet den Steuerzahler €100 Mrd. weil sich die Zocker in den Banken verspekuliert hatten.

Im Gegensatz zum VÖST-Desaster wird der Großteil davon vermutlich schon noch zurückgezahlt.

Wer kann die Banken schon leiden ... aber ohne Bankenrettungspaket oder ähnliche Maßnahmen hätten wir jetzt eine tiefe Krise mit Bankzusammenbrüchen, toten Kreditmärkten, in Folge Massenarbeitslosigkeit, wäre Ihnen das lieber?

Die VÖST hätte man viel früher privatisieren sollen. Seit der Privatisierung läuft's dort ja ganz gut - und das langfristig.

Hubert Ungeist
01.08.2010 18:19
Die 7 Mrd waren nur zum Schlussq

vorher gabs auch Subventionen. Die VÖST bekom regelmässig mehr Geld als Sie Gehälter auszahlte - irgendwie nicht sinnvoll.

tempa
01.08.2010 17:54

Ach,und eine Kleinigkeit nocht aus der selben APA-Meldung:
"Die "Banken-ÖIAG" Fimbag habe in ihrem Monitoring festgestellt, dass die begünstigten Banken in den ersten drei Quartalen 2009 neue Kredite an inländische, nicht finanzielle Unternehmen und Private von 17,9 Mrd. Euro vergeben haben, davon rund 4,9 Mrd. Euro an KMU. Der Gesamtstand der im Rahmen des Meldeumfangs aushaftenden Inlandskredite belief sich per 30. September 2009 auf ca. 90,6 Mrd. Euro."

tempa
01.08.2010 17:51

>>"Bankenrettungspaket" kostet den Steuerzahler €100 Mrd.<<
Laut APA(12.03.2010):
"Aus dem von der Regierung geschnürten Bankenpaket über 90 Mrd. Euro wurden bis Ende 2009 34,79 Mrd. Euro abgerufen.Davon entfielen auf Garantien für Wertpapieremissionen und Aktivitäten der Clearingbank 27,36 Mrd. (der Rahmen betrug 65 Mrd. Euro) sowie auf Partizipationskapital und Garantien für bestimmte Assets 7,43 Mrd. Euro (Rahmen 15 Mrd. Euro) heißt es in der Parlamentskorrespondenz.Die 10 Mrd. Euro, die für die Einlagensicherheit zur Verfügung stehen, wurden noch nicht gebraucht.[...]
Die Banken haben 260 Mio. Euro an Haftungsentgelten bezahlt..."

Vielleicht könnten sie mir den Widerspruch zwischen ihrer Behauptung und der APA-Meldung erläutern?

Ingrid Goeschl1
01.08.2010 14:35
Welcher Private kauft ein Unternehmen, das für ihn unrentabel ist?

Natürlich werden jene Staatsbetriebe verhökert, die Gewinne bringen, Beispiel das Dorotheum, das Grasser-Intimus Soravia sich unter den Nagel gerissen hat.

Grasser hatte durch die "Erlöse" kurze Zeit ein geschöntes Budget, langfristig muss der Staat aber auf Gewinne von solchen Staatsbetrieben verzichten.

Und dass die Post viele Infrastrukturaufgaben hat, die nicht gewinnorientiert betrachtet werden können, dass viele Leute dort angestellt waren, die heute vom AMS leben und nie wieder einer Erwerbsarbeit nachgehen werden, ist in die Gesamtbetrachtung miteinzubeziehen.

Dass es natürlich kurzfristig die einfachere Lösung war, sich durch Verkauf mit dem ineffizienten Post-Moloch gar nicht auseinandersetzen zu müss, ist mir klar.

flotter denker
01.08.2010 14:08
Der Staat soll sich aus der Wirtschaft möglichst heraushalten

Es reicht, wenn er Regeln aufstellt und Steuern einhebt. Manager bestellen führt nur zu politischer Günstlingswirtschaft

Ingrid Goeschl1
01.08.2010 14:23

Und wie steht es mit Subventionen für die Wirtschaft? Wie steht es mit Geldern, die von der Industriellenvereinigung an einen Finanzminister fließen, der für Gesetze wie z. b. die Gruppenbesteuerung verantwortlich zeichnet?

Wie steht es mit Wohnbauförderung, die die Wohnkosten für alle StaatsbürgerInnen erschwinglich machen, u. v. m.? Sollen wir alte Leute, die irgendwo am Berg wohnen, ohne Infrastruktur verrotten lassen, nur weil diese für die "Wirtschaft" nicht lukrativ ist?

flotter denker
01.08.2010 16:47
Wie waers mit weniger Steuern, damit den Buergern mehr uebrig bleibt

um selbst fuer sich zu sorgen?

Und zu ihrer Frage, wegen verrotten lassen: Die sollen sich entscheiden. Entweder, sie ziehen wohin, wo sich die Versorgung auszahlt, oder sie muessen halt ohne diverse Annehmlichkeiten auskommen.
Aber zum Almhof 10 km eine Stromleitung bauen, eine Telefonleitung legen und vielleicht auch noch eine Strasse, weil mit dem Auto will man ja auch fahren, und das auf Kosten der Allgemeinheit ist bloedsinn.

ned ludd
01.08.2010 13:53
Seltener Blödsinn!

Ich hätte mir nicht gedacht, dass noch Menschen gibt, die auf diese primitiven neoliberalen Propaganda-Märchen hereinfallen.
Klar gab es da und dort Missstände. Dass heißt aber nicht , dass das immer so ein muss!
Warum sollen Betriebe im Staatsbesitz nicht funktionieren sollen??
Warum erwähnt Hansi die Austria Tabak nicht? Weil sie im Staatsbesitz satte Gewinne machte? Und jetzt satte Gewinne für Private? Natürlich auf Kosten der Entlassenen Mitarbeiter und nach Wales verlagerter Produktion.

"Jetzt gehts ihnen gut" LOL!
Ja, den Aktionären geht gut. Dem Staat halt nicht, und den Arbeitern auch nicht, aber Wurscht, die zählen nicht.

flotter denker
01.08.2010 16:50
Hier im Forum gibts ja sooo viele Staatsgläubige

Unglaublich eigentlich.
Austria Tabak zum Beispiel. Da hat man, so lange sie im Staatsbesitz waren, die Pfruende der Belegschaft gesichert. Damit ist jetzt Schluss. Gut so.
Staatswirtschaft fuerht immer zu Pfruenden und zu vollkommen undurchsichtigen Kosten.

ned ludd
01.08.2010 17:24
Damit ist jetzt Schluss. Gut so.

Endlich Schluss mit Millionen Staatseinnahmen und Arbeitsplätzen (=mehr Steuereinnahmen)! JUHU!
Braucht ja keiner.
Viel wichtiger ist da die Provision für ein paar Günstlinge (die dafür auch keine Steuern zahlen).
Die Arbeitslosen, die jetzt keine Steuern mehr zahlen und dafür Arbeitslose kassieren sind ja auch so super.

jürgen hirsch
 
01.08.2010 13:48
Privatisierung

"Gute und schlechte Privatisierungen?"

lat. Privation = Beraubung / Entziehung

Säure- und hitzebeständiges Archaebakterium
01.08.2010 13:27
Der Verkaufserlös für die Austria-Tabak

entsprach dem Gewinn, den die Tabakwerke in drei Jahren abwarfen.

Ich verstehen den Journalisten nicht, der seit Jahren dem Verschleudern des Familiensilbers Tür und Tor redet.

Ruebezahl2
01.08.2010 13:02
Falscher Titel, falsche Philosophie!

"Gute und schlechte Privatisierungen" Sollte heissen: "Schlechte und ganz schlechte Privatisierungen!"
"Gier funktioniert!" Sollte heissen: "Gier zerstört Gemeinwesen!" Von der Quersubvention der Verluste der Verstaatlichten an die private Verarbeitungsindustrie mal abgesehen, fällt es schwer Privatisierungen zu finden, die das brachten was man versprach und nicht einige "politische Günstlinge" zu Multimillardären gemacht haben.
Und da sind die Millionen des GRÖFINAZ (KHG) nur Trinkgeld!
Schade, dass den Wahnsinn des Washington-Konsensus auch ein Ex-Österreicher (mit)erfunden hat.

rundinho
01.08.2010 11:44
Wie schön einfach ist doch die Welt

Wenn die privatisierer Volksvermögen verschleudern, dann ist das ein bedauerlicher Einzelfall aber wenn die verstaatlichte miese baut, dann ist das natürlich system immanent.
Herr Grasser und Konsorten mögen es zwar besonders wild getrieben haben, aber sie glauben doch nicht allen ernstes, das irgendwelche Prinzhorns, Assmans, Bartensteins, Stronachs usw. nur das gemeinwohl im Auge haben.
Verstaatlicht oder privatisiert, es müßen Regeln her, die der menschlichen Gier einhalt gebieten.
P.S.: Die Milliarden die in die verstaatlichte gebuttert wurden kamen über Lohnsteuer und stärkere Kaufkraft in und um Linz letztlich wieder zurück (zugegeben nicht ganz fair verteilt). Vom Vermögen der paar superreichen profitiert außer deren Kinder niemand.

onlooker
01.08.2010 12:57
lufthansa wäre noch zu erwähnen und viele andere,

denen diese ungeheuren werte geschenkt wurden,
bsp. stronach, ihm wurden die steyr werke geschenkt, und politiker profitierten davon, zb. aufsichtsratsvorsitzender der magna intl. ist oder war eine bekannte persönlichkeit, der chef der damaligen B/A arbeitet heute bei der magna intl. in NY, übrigens stronach ist gar nicht der vielgerühmte
magnagründer, er wurde aufgekauft von der damaligen magna und bekam 10% des wertes von der magna und wurde ein jahr später mit 10% als hauptaktionär besitzer der magna,
tüchtig wie er diesen posten sich erkämpft hat,

Roter Baron
01.08.2010 09:11
>Staatsbesitz bedeutet: Einsetzen von unfähigen Günstlingen im Management, politischer Einfluss auf Unternehmensentscheidungen, Aufblähung des Personalstandes und schließlich Bankrott oder Beinahe-Bankrott.>

wenn wir schon plolemisch sind:

ich seh da nur einen unterschied
-allerdings einen sehr entscheidenden-
zu privatisierten unternehmen:
sind sie privat entlassen sie das personal massenweise.

roter baron

roter baron

ravenna
01.08.2010 10:41

Was ist Ihnen lieber, verstaatlichte Unternehmen, deren aufgeblasender Personalstand subventioniert werden muss oder (teil)privatisierte Unternehmen, die wirtschaftlich erfolgreich sind, sprich' Gewinne machen?

Ok, Kreisky-Fans haben ja lieber 1 MioEUR mehr Schulden pro Jahr, als einen Arbeitslosen mehr. Das hätte ich ja fast vergessen....

ich seh', mein Sohn, wo du nichts weißt...
01.08.2010 18:15
"einen Arbeitslosen mehr"

wenn du einmal der "eine Arbeitslose" bist, wirst du es nie mehr "vergessen"!

ravenna
01.08.2010 18:31

Ändert auch nichts daran, dass man mit der Kreisky-Methode das gesamte Land an die Wand fährt.

Thomas Bayer
01.08.2010 13:03
Kreisky meinte 1Mrd Schilling/Jahr oder

eine Mio. Euro ist ja gar nichts.

santiago nasar
01.08.2010 11:26
und was ist mit den 45 mio euro,

die nur die spitze des eisbergs sind?

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