Die Immobilie Kirche ist international heiß begehrt
Wien - "Ein Verkauf kommt für uns sicher nicht infrage" - auf mögliche Veräußerungen von Gotteshäusern kennt Erich Leitenberger, der Sprecher von Kardinal Christoph Schönborn, nur eine Antwort. Bauliche Trennung bedeutet in der Erzdiözese Wien im Extremfall nur eine Weitergabe, etwa an orthodoxe Gemeinden. Von einem stimmungsvollen Abendessen vor dem Altar, einem kühlen Bier im Beichtstuhl und einer Zigarette unter der Kanzel halten die heimischen Kirchenväter nichts.
Damit widerstehen sie dem internationalen Trend zum Ausverkauf. Denn selbst der vatikanische "Kulturminister", Erzbischof Gianfranco Ravasi, erklärte im Vorjahr: Kirchen, die wegen Mangels an Gläubigen leer bleiben und keinen religiösen, historischen oder archäologischen Wert haben, könnten "abgerissen oder verkauft werden", sollten sie zu einer finanziellen Last werden.
In Deutschland folgt man schon seit geraumer Zeit diesem Ruf. Die Veräußerung von Sakralbauten und ihre "Umwidmung" zu Wirtshäusern, Wohnungen, Konsumtempeln oder Discos sind im Nachbarland längst keine Seltenheit mehr. Das Immobilienvermögen der Kirchen in Deutschland wird auf 160 Milliarden Euro geschätzt. Angesichts der leeren Kassen in den Gemeinden ein Schatz, der nun mehr und mehr gehoben wird. Allein das Erzbistum Berlin will sich von einem Viertel seiner Immobilien trennen, jedes dritte der insgesamt 110.000 deutschen Kirchengebäude ist von Abriss, Verkauf oder Umnutzung bedroht.
Auch in den Beneluxstaaten und in England dürfen sich Makler regelmäßig die Hände reiben. Wegen akuter Finanzsorgen verkauft etwa die anglikanische Staatskirche zahlreiche ihrer Residenzen. So gelangten allein 2004 bischöfliche Paläste im Wert von bis zu drei Millionen Euro auf den englischen Immobilienmarkt. (mro/DER STANDARD, Printausgabe, 31.7./1.8. 2010)