Mehr als zehn Millionen Euro kostet die Renovierung der Kirche Maria vom Siege - Die Erzdiözese will nicht zahlen
Wien - "Es gibt einen, der Dich liebt" - verspricht nicht nur die Parship-Werbung, sondern auch ein Transparent, das an der Kirche Maria vom Siege - Wiens zweithöchstem sakralen Kuppelbau - hängt. An Jesus Christus werden die vielen Autofahrer erinnert, die den südlichen Teil des Gürtels entlangfahren. Die Kirche selbst bräuchte nun ein mittelgroßes Wunder: Zehn Millionen Euro fehlen für die Außenrenovierung, mindestens 700.000 Euro müssen innen investiert werden.
Die Diözese weigert sich, diese Summen aufzubringen - also sammelt Pfarrer Bruno Meusburger Geld. Etwa zehn Prozent der Kosten für die Innenrenovierung hat er bisher beisammen. Die Kirche braucht eine neue Elektrik, eine bessere Beleuchtung und eine Fußbodenheizung. Das größere Problem ist aber, dass den Pfarrangehörigen ihre Kirche buchstäblich wegbröckelt: Bei einer früheren Kirchensanierung wurde falscher Zement verwendet, der die Steine porös macht. Bei starkem Wind fallen sie herunter - eine große Gefahr für die Passanten am Gürtel, die jetzt unter einem Gerüst durchgehen müssen.
"Ich kann verstehen, dass die Diözese die Renovierung nicht zahlt", sagt Pfarrer Meusburger: "Ich verlasse mich hier nicht auf die Diözese, sondern auf die göttliche Vorsehung. Ich habe Hoffnung, dass wir Leute finden, die uns mit Spenden über diesen Abgrund hinüberhelfen."
Wäre es nach den Plänen der Diözese gegangen, so wäre Maria vom Siege längst keine katholische Kirche mehr und Pfarrer Meusburger hätte aus dem Pfarrhof ausziehen müssen. Kardinal Christoph Schönborn hatte vor, das Gebäude an die serbisch-orthodoxe Kirche zu übergeben. Das Bundesdenkmalamt funkte dazwischen: Das Vorhaben, den Innenraum der Kirche umzugestalten und etwa Altäre und Statuen durch Ikonen zu ersetzen, wäre ein zu starker Eingriff gewesen. "Erst seit kurzem steht endgültig fest, dass die serbisch-orthodoxe Kirche Maria vom Siege nicht übernehmen wird", schreibt Pfarrer Meusburger im aktuellen Pfarrbrief erleichtert an seine Schäfchen, und weiter: "Gerade die letzten Monate verliefen recht dramatisch und haben uns ordentlich 'durchgebeutelt'."
Spender gesucht
Vonseiten der Erzdiözese Wien gibt man sich bezüglich der weiteren Pläne für die Kirche zurückhaltend. Derzeit gebe es "Überlegungen, wie es weitergehen soll", sagt Erich Leitenberger, Sprecher von Kardinal Schönborn. Konkretes lässt Leitenberger aber nicht aus. Es sei eine "komplexe Lage", da es in unmittelbarer Nähe einen "Cluster katholischer Kirchen" gebe, Maria vom Siege sei aber eine "sehr aktive Gemeinde". Einen Griff in den Klingelbeutel der Erzdiözese will Leitenberger nicht ausschließen. "Sinnvoller wäre aber eine Initiative der Zivilgesellschaft, um mittels Spenden Geld für die Renovierung auftreiben."
Hintergrund für das Zaudern dürfte der Katholikenschwund samt daraus resultierendem Abgang in der klerikalen Haushaltskassa sein. Im kommenden Jahr rechne man mit "zwei bis drei Millionen Euro weniger", sagt Josef Weiss, der Leiter des Kirchenbeitragsdienstes. Als Folge "müssen wir alle Projekte, die bisher geplant waren, überdenken, redimensionieren oder überhaupt lassen".
Oder über alternative Nutzungsideen nachdenken. Das tut etwa Christian Fiala, der Leiter der Gynmed-Abtreibungsklinik in unmittelbarer Nähe von Maria vom Siege. Das Verhütungsmuseum, das Fiala dort eingerichtet hat, platzt aus allen Nähten. Also hat er Pfarrer Meusburger einen Brief geschrieben, in dem er sein Interesse an einem Kauf der Kirche deponiert: "Unter Umständen wäre eine Nutzung der Kirche für eine Dokumentation der menschlichen Fruchtbarkeit durchaus interessant." Meusburger hält diese Idee freilich für "völlig irreal". (Andrea Heigl/ Markus Rohrhofer/DER STANDARD, Printausgabe, 31.7./1.8. 2010)