Impulstanz-Festival

Erzählungen eines unbekannten Tänzers

30. Juli 2010 18:01
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    Foto: sorgeloos

    Cédric Andrieux beim Impulstanz-Festival.

Jérôme Bel stellte beim Impulstanz-Festival die Arbeit "Cédric Andrieux" vor

Wien - Die zeitgenössische konzeptuelle Choreografie ist heute imstande, einen Veranstaltungsraum vom Rang der großen Halle E des Museumsquartiers komplett zu füllen, wie Impulstanz nun anhand von Jérôme Bels neuem Stück Cédric Andrieux nachgewiesen hat.

Vorangegangen ist dieser verdienten Genugtuung eine fast 15 Jahre währende Schlammschlacht, in deren Verlauf die Vertreter dieser Tanzrichtung europaweit diffamiert, ihre Präsentatoren verklagt und Künstler auch tätlich angegriffen wurden. Den Choreografen wurden, wie etwa Xavier Le Roy in Berlin, Förderungen entzogen. Die konservative Kritik unternahm vor allem in Frankreich, Holland, Deutschland und auch in Österreich wahre Feldzüge gegen ihre Arbeit. Und vereinzelt wurden Veranstalter auch von Seiten der Politik abgestraft, wenn sie diese Art von zeitgenössischer Choreografie konsequent mit in ihren Programmen führten.

Das Publikum allerdings weiß die konzeptuelle Choreografie mittlerweile zunehmend zu schätzen. Vor allem dann, wenn sie nicht didaktisch, sondern mit Humor, Kritik und Empathie daherkommt - und das ist gerade bei Jérôme Bel der Fall. Sein Cédric Andrieux ist die aktuellste Arbeit aus einer Reihe von Tänzerportraits, die im Lauf der vergangenen fünf Jahre entstanden sind. Angefangen bei der Pariser Ballerina Véronique Doisneau über den Pina-Bausch-Tänzer Lutz Förster bis hin zu der Brasilianerin Isabel Torres und begleitet von Kooperationen mit dem Thailänder Pichet Klunchun und kürzlich mit der belgischen Größe Anne Teresa De Keersmaeker, durchleuchtet Bel darin die Höhen und Niederungen der Tanzwelt.

Auch Cédric Andrieux, geboren 1977 im französischen Brest, erzählt aus seinem Leben. Wie er von seinen Lehrern als für den Tanz ungeeignet eingestuft wurde, wie er es trotzdem weiter versuchte und drei Jahre nach Abschluss seiner Ausbildung von Merce Cunningham persönlich für dessen Company angeheuert wurde. Acht Jahre blieb Andrieux dabei und wechselte danach zum Ballett der Oper von Lyon.

Die Offenheit der Erzählung des Tänzers und die Ungekünsteltheit seines Vortrags schlugen das Wiener Publikum sichtlich in ihren Bann. Eine Person allein auf der großen Bühne, keine Musik, eineinhalb Stunden Monolog, lediglich unterbrochen von einigen Tanz-Beispielen, mit denen Andrieux markante Tanz-Erfahrungen zeigen wollte. Und doch:

kein Murren oder Flüchten der Zuschauer, sondern am Ende bewundernder Applaus. Was im Theater wohl einen Schauspielerstar erfordern würde, schaffte ein hierzulande unbekannter Tänzer ohne Probleme. Und das macht die eigentliche Sensation an der Wiener Aufführung von "Cédric Andrieux" aus.

Und immer politisch

Eine der großen Leistungen der konzeptuellen Choreografie ist es, zu beleuchten, was ansonsten gerne versteckt oder übersehen wird. Diese Tanzrichtung ist daher immer politisch, und das ohne peinlichen expressionistischen Radau. Bei Bels Véronique Doisneau, präsentiert 2005 bei Impulstanz im Burgtheater, wurden etwa auch die negativen Seiten einer Ballerinen-Karriere so nüchtern wie berührend dargestellt. Xavier Le Roy hat durch sein Werk die Umstände des Zugangs zum zeitgenössischen Tanz insgesamt verändert. Und Anne Juren, die einer jüngeren Künstlergeneration angehört, schlug vor kurzem in ihrem Solo "Magical" eine neue feministische Choreografie vor.

Le Roy, der zweite große Vertreter des Konzeptualismus, wird übrigens demnächst bei Impulstanz seine jüngste Arbeit vorstellen, eine Lecture Performance mit dem Titel Product of Other Circumstances, die auf Anregung seines renommierten Choreografen-Kollegen Boris Charmatz entstanden ist. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 31.07./01.08.2010)

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