Ökonom Pagoulatos

"Mit der Ruhe kann es rasch wieder vorbei sein"

András Szigetvari, 30. Juli 2010 18:00
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    Ökonom George Pagoulatos

Das griechische Sparprogramm ist auf Schiene, nur die Inflation sei viel zu hoch, meint der Athener Ökonom George Pagoulatos

Standard: Wie läuft das von der EU und dem Internationalen Währungsfonds auferlegte Sparprogramm in Griechenland?

Pagoulatos: Die Wirtschaft schrumpft derzeit um drei bis vier Prozent. 2010 ist bereits das zweite Jahr der Rezession, und es soll selbst 2011 weiter bergab gehen. Aber wir haben mit Schlimmerem gerechnet. Und die Fortschritte bei der Defizitreduktion sind groß. Die Regierung von Premier Giorgos Papandreou hat die Ausgaben stärker gekürzt als geplant. Es sieht so aus, als ob Griechenland bis Jahresende alle Vorgaben der internationalen Geldgeber erfüllen können wird.

Standard: Gibt es Überraschungen im Programm?

Pagoulatos: Die Maßnahmen zielen ja auch darauf ab, unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, indem das Land billiger wird. Insofern hat die höhere Inflation, zuletzt immerhin fünf Prozent, alle Beteiligten ziemlich überrascht.

Standard: Griechenland soll durch stärkere Exporte wieder wachsen - da ist es kein gutes Zeichen, wenn das Land nun teurer wird.

Pagoulatos: Das ist richtig. Aber die fünf Prozent sind ein Durchschnittswert, das bedeutet nicht, dass automatisch alle für den Export bestimmten Produkte um fünf Prozent teurer geworden sind. Außerdem ist eine Hauptursache für die Inflation die Erhöhung der Mehrwertsteuer. Das ist hoffentlich nur ein Einmaleffekt, den wir 2011 nicht mehr spüren sollten. Ein anderer Grund für die Inflation ist, dass im Markt, besonders bei Dienstleistungen, der Wettbewerb nach wie vor fehlt. Die Regierung geht die Liberalisierung in einigen Bereichen gerade erst an, wie die Proteste der Lkw-Fahrer zeigen.

Standard: Athen zwingt die Lkw-Fahrer mit der Androhung von Gefängnis zurück zur Arbeit. Ist das nicht etwas hart?

Pagoulatos: Das ist ein harter Schritt. Aber es war der letzte Ausweg, und ich halte diese Maßnahme für notwendig, um das Interesse der Mehrheit zu verteidigen. Aber noch ein Wort zu den Überraschungen: Die größte Überraschung für alle ist, dass die Griechen moderat auf die Sparmaßnahmen reagiert haben. Viele Analysten haben mit einer sozialen Revolution gerechnet. Das ist nicht passiert. Es gab Proteste, sogar drei Tote bei einer Demo, aber nicht den erwarteten Aufstand.

Standard: Warum nicht?

Pagoulatos: So schmerzlich die Schritte auch sind, wissen die meisten Leute, dass es nichts bringt, Fensterscheiben einzuschlagen. Die Ruhe zeigt auch, dass die Regierung die meisten Menschen überzeugt hat, dass die Sparmaßnahmen unvermeidbar sind. Aber mit der Ruhe kann es rasch wieder vorbei sein. Die Menschen wollen Resultate sehen, und ich meine nicht nur beim Defizit. Mitte 2011 muss die Trendwende für die Wirtschaft gelingen, und 2012 muss ein Jahr des Wachstums werden.

Standard: Eines der Ziele der Regierung ist der Kampf gegen Steuerhinterziehung. Gibt es Erfolge?

Pagoulatos: Die Regierung war erfolgreich in dem Sinne, dass es ihr gelungen ist, einige Fälle von Steuerhinterziehung zu einem öffentlichen Skandal zu machen. Der letzte Fall betraf mehrere tausend Personen, die der griechischen Regierung einige hundert Millionen Euro schulden, aber gleichzeitig Häuser auf Mykonos und Santorini besaßen. Das Finanzministerium stellte ihnen ein Ultimatum: Entweder sie zahlen, oder ihre Häuser werden verkauft.

Standard: Und?

Pagoulatos: Es dauert auch bei dieser Vorgehensweise, bis die Einnahmen kommen, weil die Betroffenen rechtliche Möglichkeiten haben, um die Prozedur zu verzögern. Aber immerhin gab es noch nie so eine Entschlossenheit im Finanzministerium, gegen Steuerhinterzieher vorzugehen.

Standard: Wird Athen seine Schulden zurückzahlen? Der Verschuldungsgrad des Landes steigt ja weiter, weil die Wirtschaft schrumpft.

Pagoulatos: Ich sehe für die Rückzahlung eine Chance, vorausgesetzt die Wirtschaft wächst 2012 wieder. Sonst wird es schwierig. Allerdings dürfte die griechische Wirtschaftsleistung 2011 rückwirkend nach oben korrigiert werden - nach Schätzungen sogar um bis zu zehn Prozent. Denn durch den Kampf um die Steuereinnahmen wird ein immer größerer Teil der Schattenwirtschaft, die bisher nicht offiziell erfasst war, statistisch registriert. Die Schattenwirtschaft macht immerhin 30 Prozent unseres BIPs aus.(András Szigetvari, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 31.7./1.8.2010)

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cenare in animo habeo
31.07.2010 15:00

Geile Frisur.

Warentester
31.07.2010 14:02

"So schmerzlich die Schritte auch sind, wissen die meisten Leute, dass es nichts bringt, Fensterscheiben einzuschlagen."

Aber sicher bringt das was. Kaputte Fensterscheiben müssen ersetzt werden. Daher machen dann der Glaser ein Geschäft, die Glasfabrik, der Transportunternehmer, der das Glas von der Fabrik zum Glaser bringt, etc.. Und schon ist die Wirtschaft wieder ein bisserl mehr angekurbelt. Offensichtlich keine Ahnung von wirtschaftlichen Zusammenhängen der Herr Ökonomon, tststs... ;)

peace & love
31.07.2010 15:52
das passt ja bestens.

dass damit potentiell produktivität woanders verloren geht, daran denken wir nicht.

http://www.acting-man.com/?p=3019

'the broken window fallacy'

mike sierra
05.08.2010 11:14

'the broken window fallacy' stimmt aber nur bei Vollauslastung.
Bei Unterbeschäftigung hätten diese Ressourcen (inkl. Arbeitskräfte) nur Leistungen erstellt, die derzeit ohnehin nicht oder nur stark reduziert nachgefragt werden.

Warentester
31.07.2010 20:19

Ich hab' auch einen Link für Sie:

http://de.wikipedia.org/wiki/Ironie

Warentester
02.08.2010 14:04

Eigentlich habe ich es dazugeschrieben. Das ";)" Emoticon am Ende des Postings ist normal schon eine eindeutige Bezeichnung. Deswegen war ich besonders verwirrt, das das Posting anscheinend ernst genommen wurde. Aber man kann es auf die schnelle wohl auch übersehen, weil so sehr hebt es sich ja nicht ab.

peace & love
02.08.2010 00:02
besser gleich dazuschreiben, sonst könnte man Sie noch ernst nehmen ...

Warentester
02.08.2010 15:05

Meine Antwort sehen Sie oben. Habe mich bedauerlicherweise beim antworten verklickt.

her wig
31.07.2010 15:44

Es dürfen dann aber nur inländisch produzierte Glasscheiben sein, und die wird dann keiner mehr kaufen wollen weil sie so bruchanfällig sind... Nicht wettbewerbstauglich, dieses Spiel.

her wig
31.07.2010 12:39

Bis zu 30 % "Wirtschaftswachstum" durch "Erleuchtung" der Schattenwirtschaft? Klingt gut. Vorausgesetzt, dass diese 30 % auch bei Licht gesehen lebensfähig sind und nicht zerfallen wie diese Vampire.

peace & love
31.07.2010 15:53
schattenwirtschaft trägt es schon im namen.

da geht nicht so viel licht hin, und die wachstumsraten dort werden nicht veröffentlicht.

Brücke
31.07.2010 10:09
Pagoulatos für eine Wirtschaftsdiktatur ?

Am Finanz- und folgenden Wirtschaftsdesaster

sind weniger die Lastwagenfahrer
als Banker und verhawerte Politiker verantwortlich

Wäre die Frage an Hr. Pagoulatos
ober seine Aussage :

" Das ist ein harter Schritt. Aber es war der letzte Ausweg, und ich halte diese Maßnahme für notwendig, um das Interesse der Mehrheit zu verteidigen "

auch für Banker und Politiker gilt
und Hr. Pagoulatos für eine Gefängnisstrafe für diese
Personengruppe eintritt ?

fangdenhut
31.07.2010 04:53
"Aber mit der Ruhe kann es rasch wieder vorbei sein."

Wenn das jetzt ruhig ist, dann möchte ich wirklich nicht wissen, worauf der Herr Ökonom da anspielt. Mit dem Tourismus dürfte man dort also geistig schon abgeschlossen haben (Abenteuer-Tourismus dürfte wohl eher doch eine Nische sein).

Was man übrigens auch sagen sollte, dass Griechenland das einzige Land der Eurozone ist, das die Schattenwirtschaft zum offiziellen BIP zählt. Mit diesem Trick haben sie ihren Verschuldungsgrad auf magische Weise gedrückt, um so den Maastricht-Kriterien näher zu kommen. Eine der vielen Tricksereien, mit denen sie sich den Beitritt zum Euro ergaunert haben. Und jetzt freut sich der Ökonom, dass diese Scheinzahl noch umfangreicher erfasst werden wird?

Michail Bakunin
 
31.07.2010 11:06

"Aber mit der Ruhe kann es rasch wieder vorbei sein."

Sagen wir mal so: Das Vertrauen in den Staat und die Politik ist in weiten Bereichen der Griechischen Gesellschaft zumindest gering. Und die Lastwagenfahrer, die in Athen und Thessaloniki das Tränengas der Regierung schlucken dürfen, sind ja nur eine "Streikfront". Wenn dann News wie diese kommen: "In other news, the minister of Labour announced that he cancells all labour agreements of unions and bosses that have agreed to an augmentation of the income of the workers, and also cancells all juridical decisions that justified workers’ unions of the private sector that asked and managed to take augmentations for the workers." dann wird´s evtl. noch einiges ungemütlicher...

Jo eh...
30.07.2010 23:44

Schön zu sehen dass Griechenland Fortschritte macht. Wenn man weiter hart gegen Korruption, Steuerhinterziehung, Schwarzmarkt und Wettbewerbsmangel vorgeht hat das Land eine Chance.

na habedere
30.07.2010 20:18
derzeit um 3 bis 4 Prozent

und sowas schimpft sich Ökonom. DERZEIT (also in 0 Zeiteinheiten) kann etwas nur um 0 Prozent schrumpfen.

fangdenhut
31.07.2010 05:03
Das Konzept einer "Rate" ist Ihnen bekannt?

Eine durchschnittliche Wachstumsrate ist natürlich für jeden einzelnen Zeitpunkt des Bezugszeitraums gültig. Und in diesem Augenblick beträgt die aufs Jahr hochgerechnete jährliche Wachstumsrate -3%.

Ein anderes Beispiel zur Veranschaulichung des Konzepts: wenn in einen Hafen durchschnittlich fünf Schiffe am Tag einlaufen, so ist diese Ankunftsrate auch den ganzen Tag gültig (in einer ex-post-Betrachtung, vorher wäre es eine Schätzung, wie hier beim BIP-Wachstum), obwohl in jedem einzelnen Zeitpunkt nur immer null oder ein Schiff (exakte Gleichzeitigkeit gibt's nach Einstein nicht) ankommen kann.

na habedere
31.07.2010 11:05
Wachstumsrate

wenn er das gesagt hätte, was Sie geschrieben haben: "es beträgt die aufs Jahr hochgerechnete jährliche Wachstumsrate -3%. " wär's natürlich (fast) korrekt gewesen.

Mit "fast" meine ich "für den gegebenen Zweck", weil es gibt da trotzdem noch so einige Probleme: wenn es ein Jahreswachstum von -3% gibt, so wird trotzdem in den meisten Zeiträumen von, sagen wir einer Stunde, die hochgerechnete Wachstumsrate irgendwo zwischen -10000 und +10000 Prozent schwanken, und je kleiner Sie das Intervall wählen machen, desto größer werden die Schwankungen ...

fangdenhut
31.07.2010 12:23

Ja, so stimmt's. Nur kann man dem Ökonom hier keine Vorwürfe machen, da man ja nicht einmal weiß, in welcher Sprache das originale Interview gehalten wurde, und somit den genauen Wortlaut nicht kennt.

Und zum Thema "fast" richtig: Würde man dazu sagen, welchen Zeitraum man zur Hochrechnung herangezogen hat, so hätte man immer noch keine vollständige Beschreibung, da bei der Schätzung wohl noch einige andere Faktoren (Saisonalität,...) berücksichtigt werden. Wenn man sich für die Berechnungsmethoden interessiert, sollte man den Annex zum world economic outlook des IWF oder ähnlichen Publikationen lesen, in einem Interview, wo es nur um das Ergebnis (die Zahl) geht, wäre das wohl fehl am Platz.

na habedere
31.07.2010 10:37
Rate

wenn an einem Tag zwischen 10 und 11 Uhr 5 Schiffe einlaufen und dann nichts mehr, dann wird kaum wer um 17 Uhr sagen "Derzeit laufen in dem Hafen 5 Schiffe ein".

Genau das hat aber dieser "Ökonom" von sich gegeben.

fangdenhut
31.07.2010 12:31

Nehmen wir an, dass es die vorangegangenen Tage auch so war, damit der Hafenarbeiter berechtigterweise von einer Regelmäßigkeit ausgehen kann, dann könnte er sagen: "Derzeit kommen im Schnitt am Tag fünf Schiffe an (= Ankunftsrate pro Tag), wobei die normalerweise alle zwischen 10 und 11 kommen, vorher und nachher is nix los." Und da sähe ich keinen Grund ihn zu korrigieren, selbst wenn ich lästig sein wollte.

Das einzige was der Ökonom nicht dazugesagt hat, war "pro Jahr", und das ist beim BIP-Wachstum ohnehin Konvention, also in einem Interview verzeihbar (bei Zinssätzen sagt man ja auch nicht jedes mal "per annum" dazu).

Hosch mi?
31.07.2010 02:49

Eigenartig sind sie schon.

Ist unter DERZEIT nicht auch ein Zeitraum zu verstehen?
zB Derzeit studiere ich (bin aber erst 2013 fertig), derzeit ist die regierungsperiode faymann I etc...

na habedere
31.07.2010 10:32
Derzeit ist KEIN Zeitraum

Ihre Beispiele sind Aussagen darüber, dass der Zeitpunkt "derzeit" ein Element einer bestimmten Menge (von mehreren Zeitpunkten) ist. Zum Beispiel der Menge der Zeitpunkte an denen Sie studieren, der Menge der Zeitpunkte an denen Faymann an der Regierung ist.

"Eigenartig": dann hoffe ich nur dass mehrere Menschen so eigenartig sind. Dann können wir uns vielleicht eine der nächsten Wirtschaftskrisen ersparen, weil die Ökonomen auch darauf hingewiesen werden, wenn sie Blödsinn verzapfen.

europa fassen
30.07.2010 22:13
Wenn Sie auf einer Bergstraße mit 10% Gefälle stehen

und sich nicht weiter bewegen, dann hat die Straße aber immer noch 10% Gefälle. Sind wir uns da einig?

na habedere
30.07.2010 22:25
Differenz vs. Ableitung

Gefälle ist eine Aussage über die ABLEITUNG einer Funktion an EINEM Punkt(also f'(x)), Wirtschaftswachstum eine Aussage über die DIFFERENZ einer Funktion an ZWEI verschiedenen Auswertungspunkten (also f(y)-f(x))

Wenn die 2 Auswertungspunkte ident sind, also x=y, so ist logischerweise die Differenz f(y)-f(x)=f(x)-f(x)=0.

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