Friedensnobelpreisträger Jerry White im STANDARD-Interview
Der Aktivist Jerry White, der für sein Engagement gegen Landminen einer der Mitempfänger des Friedensnobelpreises war, hofft, dass Israel noch heuer ein Landminengesetz verabschiedet, sagte er zu Adelheid Wölfl.
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STANDARD: Dieses Wochenende tritt das Streubombenverbot inkraft. Welche Konsequenzen hat das?
White: Das Verbot der Streubomben hilft jene Waffen los zu werden und weiter zu stigmatisieren, die nicht zwischen Soldaten und Zivilisten unterscheiden können. Das Streubombenverbot ist das Stiefkind des Landminenverbots, das wir in den 1990ern Jahren durchgebracht haben. Und das Landminen-Verbot war der erste Abrüstungsvertrag, der Vorkehrungen für Opfer beinhaltete. Wir haben das nun auf das Streubombenverbot übertragen.
STANDARD: Das kostet Geld. Ist die Umsetzung nicht schwierig?
White: Vor zehn Jahren gab es die gleichen Bedenken bei dem Landminenverbot, aber seitdem ist die Zahl der Landminen-Unfälle von 30.000 in den 1990ern auf 5000 dieses Jahr heruntergegangen.
STANDARD: Die USA und Russland haben noch nicht unterschrieben.
White: Aber die Waffen werden nun als etwas angesehen, das nicht mehr verwendet werden soll. Die neue US-Regierung überprüft auch die Landminen-Politik. 68 US-Senatoren würden ein Verbot begrüssen. Wir hoffen, dass es bis Ende des Jahres zu einer neuen Politik kommt. Und wenn dies geschieht, werden auch andere Staaten mehr unter Druck kommen. Israel, China, Russland und Ägypten verstecken sich mit ihrem Nein zur Zeit hinter den USA. Die Verteidigungsunternehmen hatten immer Angst vor einem Dammbruch durch die Ottawa-Konvention, dass nach dem Landminenverbot die Nuklearwaffen folgen. Aber es geht darum, dass 80 bis 90 Prozent der Opfer dieser Waffen Zivilisten sind.
STANDARD: Welche Länder haben erfolgreich entmint?
White: Ruanda, El Salvador und Jordanien, das kommendes Jahr minenfrei sein wird, haben gute Arbeit geleistet. Israel ist da etwa zehn Jahre zurück. Wir haben aber eine Landminen-Karten publiziert und gezeigt, dass die 400.000 bis 500.000 Landminen in Israel oft militärischer Müll sind, den man nicht für die Sicherheit braucht.
STANDARD: Und was passierte?
White: Ich wurde 1984 auf den Golanhöhen durch eine Landmine verletzt und vor vier Jahren habe ich dann an Israels Türe geklopft und gefragt, ob sie bereit wären, etwas zu tun. Die Antwort war nein:_Nein, wir brauchen die Landminen, um unsere Grenzen zu schützen und Terrorismus abzuwehren. Vor zwei Jahren habe ich dann mit einer Kampagne begonnen. Wir haben die Bauern an der Grenze zu Jordanien und Palästinenser und Minenopfer zusammengebracht. Und im Februar hat dann der elfjährige Israeli Daniel Yuval sein Bein durch eine Landmine verloren, als er auf den Golanhöhlen mit dem ersten Schnee spielen wollte. Das hat das Land aufgeweckt. Und die Knesset hat ein Gesetz neu entworfen, um die erste Behörde in Israel zu schaffen, um das Land zu entminen. Nun gibt es Generäle die sagen, dass die Landminen an der syrischen und libanesischen Grenze bleiben werden, wo es keinen Frieden gibt, aber wahrscheinlich werden die meisten anderen Landminen entfernt. Das neue Gesetz wird hoffentlich Ende des Jahres verabschiedet werden. Israel kann innerhalb von sieben Jahren für weniger als 70 Millionen Dollar entmint werden.
STANDARD: Was hat sich durch die Ottawa-Konvention geändert?
White: Es hat die Zivilgesellschaft zu einer Supermacht gemacht. Eine neue Art Politik zu betreiben wurde erfunden, NGOs und Überlebende saßen am Tisch während man verhandelte. EWir hatten auch einen Slogan: Nichts über uns ohne uns. Überlebende wurden zu Stakeholders. Wenn die nicht am Tisch gesessen wären, gebe es keine Vorkehrungen für Opfer auf einer rechtlichen Basis.
STANDARD: Sie haben ein Buch über Minen-Opfer. Gibt es so etwas wie eine Botschaft der Überlebenden?
White: Ich habe mit tausenden Minen-Überlebenden gearbeitet, in Vietnam, in Bosnien, in Jordanien. Es gibt Leute, die bleiben Opfer und in der Vergangenheit. Und es gibt Leute, die werden stärker. Das erste ist: Man muss die Fakten anerkennen, der Fuß wird nicht nachwachsen. Und ein Geheimnis ist, etwas zurückgeben. Da ist ein Mittel, um eigene Stärke zu entwickeln.
STANDARD: Was hat Sie dazu gebracht?
White: Als ich nach 1996 nach Kambodscha kam und an jeder Straßenecke Minenopfer sah, kam ein etwa zehnjähriges Mädchen auf mich zu, auf einem Bein und ich dachte sie, sei eine Bettlerin und. Sie sagte zu mir: "Du bist einer von uns". Ich dachte zuerst: Ich bin doch kein Bettlermädchen, ich bin ein glücklicher Amerikaner, ich habe eine Prothese für 50.000 Dollar. Aber es hat mich dazu bewegt, dass ich mich nicht mehr von anderen Opfern distanzieren. Ich war ja der glücklichste Landminen-Überlebende. Denn wenn du in eine Landmine trittst, dann tust du das am besten als Amerikaner in Israel, weil du dort die beste Traumtherapie bekommst. Erst nach Kambodscha habe ich über meinen Unfall geredet und mich 1996 in Wien bei der UNO begonnen zu engagieren.
STANDARD: Was ist wichtig für die Opfer?
White: Prinzessin Diana hat mir gelehrt, dass es das wichtigste ist, dass man zu den Menschen geht, dorthin, wo der Schmerz ist. Sie hat sich selbst als Überlebende mit Minenopfern identifiziert. Sie hat mir gesagt, dass sie ihre persönliche „Landminenexplosion" hatte, als sie heiratete und eine Prinzessin wurde. Sie hat verstanden, dass man dann ein neues Leben suchen muss.
STANDARD: Nun wurde durch die Veröffentlichung von US-Dokumenten auf Wikileaks evident, dass es noch mehr zivile Opfer in Afghanistan gibt, als angenommen.
White: Das ist gut. Es hat keinen Sinn, wenn ich behaupte, dass ich einen Fuss habe. Und genauso wird es nicht unser Problem lösen, wenn wir behaupten, dass wir den Krieg in Afghanistan gewinnen werden. Es ist immer hilfreich, die Fakten anzuerkennen und dann die Politik zu überdenken. (Langafassung eines in DER STANDARD, Printausgabe, 31.7.2010 erschienenen Interviews)
JERRY WHITE (46) ist ein amerikanischer Aktivist und Mitbegründer der Survivor Corps. Die Minenopfer werden zu Friedensbringern ausgebildet. Als einer der Führer der Anti-Landminen-Kampagne war er 1997 Mitempfänger des Friedensnobelpreises. Im Alter von 20 Jahren verlor White als Tourist auf den Golanhöhen durch eine Landmine ein Bein. Er ist zur Zeit in Wien, um bei der Globalizer Veranstaltung an diesem Wochenende in der Wiener Hofburg zu sprechen. Globalizer wird von Ashoka, eine internationale Organisation zur Förderung von Social Entrepreneurs organisiert.