Blonder Sonnenschein, sehr gefragt

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Jene Zeitungsseite, von der ich bis zum Vorjahr geglaubt habe, dass sie das erste Fotodokument über mich enthielte, vergilbt zusehends.

Die Geschichte einer Adoption.

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Von Zeit zu Zeit öffne ich den Deckel zu einer großen schwarzen Schachtel mit silber glänzenden Metallkanten. Dieses Archiv beinhaltet seit wenigen Jahren alles Greifbare, mir wichtig Erscheinende aus meinem bisherigen Leben. Ungeordnet. Unkomplett. Fotos, Erinnerungen an die wenigen Reisen, Eintrittskarten, Briefe meiner Kinder. Die letzten Briefbotschaften ihres Vaters sind sogar zum Großteil doppelt vorhanden, da mich nach seinem Tod auch die mit Blaupapier angefertigten Durchschläge erreicht haben.

Der Schachtelinhalt markiert Haltestellen meines Lebens. Bislang hat sich die Rekonstruktion der Gesamtstrecke aufgrund fehlender Sektionen im Bereich des Ursprungsbahnhofs verzögert. Aber die Gleislücken beginnen sich zu schließen.

Eine der ersten Stationen ist unaufhaltsam vom Verfall bedroht. Jene Zeitungsseite, von der ich bis zum Vorjahr geglaubt habe, dass sie das erste Fotodokument über mich enthielte, vergilbt zusehends. Bereits bei vorsichtigster Berührung zerfällt das spröde Papier. Der ursprünglich rohweiße Untergrund imponiert nunmehr ockerfarben. Die Druckerschwärze zeichnet sich kaum noch ab. Der Text ist, besonders an Falt- und Bruchstellen, nicht mehr lesbar. Ich versuche die Zeitungsseite vorsichtig aus der Plastikhülle zu nehmen, um verschobene Teile nebeneinander aufzulegen. Das Papier reagiert osteoporotischen Knochen alter Menschen gleich. Es bricht.

Die gerade verlaufende Bruchkante entlang des Bildes vermag diesem seine Ausdruckskraft nicht zu nehmen. Während ein kleineres Foto auf derselben Seite einen schlafenden Buben zeigt, dokumentiert das größere eine "Kindesübernahme".

Übertitelt mit "Blonde Mäderln stark gefragt" beschäftigt sich der Artikel im Kleinen Blatt aus dem März 1951 mit dem Thema Adoption. Es ist die Rede davon, dass Buben weniger verlangt würden, weil sie bekanntlich weniger fügsam wären als Mädchen und weil man in einem eventuellen Krieg sein Kind nicht wieder verlieren möchte.

So hat mir das auch meine Adoptivmutter immer wieder erzählt. Mein Adoptivvater und sie hätten gezielt nach einem Mädchen gesucht. Mutmaßlich war der Grund hierfür aber keineswegs allein in der unkomplizierteren Erziehbarkeit zu suchen. Sie vergaß nämlich nie ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass man mich an Kindes statt angenommen hätte, um durch mich Versorgung im Alter gewährleistet zu wissen.

Es sollte Jahrzehnte dauern, bis die Kränkung, nicht um meiner selbst geliebt und begehrt worden zu sein, sich spontan den Weg ins Bewusstsein bahnte. Der Vortrag einer namhaften Erziehungswissenschafterin, die sich mit den Schicksalen erwachsener Adoptierter auseinandergesetzt hatte, sollte den Anstoß dazu geben.

Nach dem Hinweis auf den von einer Kollegin geprägten Satz "Alle Adoptierten erlebten ihre Adoption als Dissonanz" resümierte Frau Prof. Swientek, dass "die Ursache dafür auch darin liegen mag, dass die Adoptiveltern diese Familienform als Ersatz, das Kind als Ersatzkind und die gesamte Situation als eigentlich so nicht gewünscht erlebten" . Als eines der Beispiele hierfür benannte sie das Nichtbetonen dessen, dass man das Kind aus Liebe zu seiner selbst angenommen hätte.

Ich fühlte Tränen in mir aufsteigen. Trotz des Wunsches, das Bedürfnis nach Weinen einzudämmen, bahnten sie sich mit immer stärker werdender Heftigkeit ihren Weg.

Nach dem Hinweis, dass es mehr adoptionswillige Paare als zur Adoption freigegebene Kinder gäbe, kolportiert der Artikel im Kleinen Blatt die wahrscheinlich dem Zeitgeist der frühen 50er-Jahre entsprechende Meinung: "Bei den Kindern handelt es sich um Halb- oder Doppelwaisen, oder eben um Kinder, deren Eltern nicht jenes Maß an Liebe und Zuneigung aufbringen, das nun einmal für das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern unbedingt notwendig ist."

Mutter und Stiefmutter

Beim Lesen dieser Passage fällt mir ein Ritual ein, welches meine Mutter mindestens einmal jährlich pflegte. Besonders zur Weihnachtszeit sprach sie mich darauf an, wie es jetzt wohl meiner leiblichen Mutter ginge, die ihr Kind weggegeben - nein, besser - hergeschenkt habe. Zumeist belegte meine Adoptivmutter, der in der Alltagssprache in meinem Interesse Schimpfwörter fremd waren, meine Mutter noch mit einem Attribut, welches mit Schl... begann und eine Frau mit schlechtem Lebenswandel zu bezeichnen pflegt.

Ich erinnere mich, dass ich mit Sicherheit bereits ab dem fünften Lebensjahr anlässlich dieser "Weihnachtsansprache" überlegte, dass meine Adoptiveltern kein Kind hätten, wenn meine Mutter mich nicht hergegeben hätte. Dankbar müssten sie eigentlich sein, mich über diesen Weg bekommen zu haben.

Für mich war es in Ordnung, dass meine leibliche Mutter mich in potenziell besseren Verhältnissen aufwachsen lassen wollte. Es fehlte mir an nichts und ich wollte gar nicht daran denken, wie sich das Leben im Umfeld der richtigen Mutter eventuell abspielen würde. Meine Adoptivmutter konnte noch so über meine Mutter schimpfen, ich mochte und verstand die Frau. Und wie sich bei meinen Recherchen später herausstellen sollte, hatte ich recht daran getan, meinem Gefühl zu folgen.

Bereits im Alter von vier Jahren war mir das spezielle Eltern-Kind-Verhältnis, in dem wir lebten, bekanntgeworden. Beim Abholen des Bodenschlüssels bezeichnete eine Hauspartei meine Mutter als Stiefmutter. Die Begriffe Mutter und Stiefmutter kannte ich bereits aus Märchenerzählungen. Der aus dieser Situation entstandene Erklärungszwang brachte meine Eltern dazu, mich günstigerweise früh über die Tatsache der Adoption zu informieren.

Der Bildtext beschreibt, "dass ich Abschied von einer lieben Schwester nehme und dass mich - den blonden Sonnenschein - ein Postangestellter und seine Frau in Empfang nehmen" .

Ich bin zu diesem Zeitpunkt knapp zwei Jahre alt und habe die Zeit ab meiner Geburt im Zentralkinderheim der Stadt Wien verbracht. Die einzige schriftliche Dokumentation, welche ich über die frühen 50er-Jahre finden konnte, spricht über "das starke medizinische Übergewicht in der Führung des Heimes, in dem ausdrücklich nur gesunde Kinder untergebracht werden durften, sowie über Bedenken und Stimmen gegen die Art der Versorgung und Betreuung der Kinder. Bis zum März 1953 war das Zentralkinderheim Ausbildungsstätte für Fachärzte für Kinderheilkunde. Jedes Kind musste täglich dem Arzt bei seinen Visiten vorgestellt werden. Hygienische Maßnahmen wurden überbetont verlangt und gesetzt. Vorwiegend rein pflegerische Tätigkeiten füllten die ohnedies knapp bemessene Zeit des Personals. Vor allem die jüngeren Kinder wurden die meiste Zeit und weitgehend ohne Spielmaterial in den Betten gehalten - von Förderung und Erziehung im modernen Sinn konnte keine Rede sein. Das Zentralkinderheim wurde als spitalsähnliche Einrichtung angesehen und nicht als Institution der Jugendfürsorge." *)

Entspricht es der Realität, oder ist es Ausdruck meiner Fantasie? Zeitweise glaube ich mich an einen sehr großen, hellen Raum zu erinnern. Es könnte aber auch sein, dass sich ein derartiges Bild basierend auf den Schilderungen meiner Adoptivmutter in mir verfestigt hat.

Körpersprachlich distanziert

Wohl aber scheine ich mir im Laufe der Unterbringung im Zentralkinderheim eine Zahnarzt- und Spritzenphobie sowie die Weißkittelhypertonie redlich verdient zu haben. Auch die im Kleinkindesalter durch Schreianfälle zum Ausdruck gebrachte Abneigung gegen Vollbäder ist im Konnex mit der Überbetonung der Hygienemaßnahmen im Heim nachvollziehbar.

Auf der Suche bin ich aber nach wie vor nach den Folgen eines Hospitalismus, der mir nach zwei Jahren Aufenthalt in einer derartigen Atmosphäre ebenfalls zugestanden wäre.

Meine rechte Hand liegt angedeutet in der Hand einer Pflegekraft, wobei die beschriebenermaßen "liebe" Schwester mit ernster Miene eine körpersprachlich distanzierte Haltung einnimmt. Meine Mutter trägt das obligate Kopftuch und hält und stützt mich, die ich, am Tisch platziert, verloren wirke, nicht wissend, wohin ich mich tatsächlich wenden soll.

Noch verlorener wirkt einzig und allein mein Vater, der wenige Schritte hinter meiner Mutter steht und zur Feier des Tages seine Post-Uniform trägt, wie er dies zu allen feierlichen Anlässen zu tun pflegte.

Nur wenige Jahre später war ich dazu angehalten, fremden Menschen, die mich danach fragten, woher ich meine blaue Augenfarbe hätte, obwohl die Augen meiner Eltern braun wären, zu antworten, dass diese Augenfarbe von Vaters blauer Posthose käme. Ich habe meinen Vater kaum in einem anderen Gewand erlebt als in dieser Uniform, die er mit großem Stolz und dem entsprechenden Verantwortungsbewusstsein trug. (Annemarie Rieder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 31.07./01.08.2010)

*)Auszugsweise zitiert aus einer von Frau Dr. Margarete Bründl verfassten Festschrift "Die Geschichte eines Wiener Kinderheimes" .

Annemaria Rieder, geboren 1949 in Wien, lebt regsam im Ruhestand und schreibend. 2009 Publikation einiger Gedichte in einem Buchkalender 6 Worte und mehr über das Leben. Teilnahme an Lesungen.

  • Annemarie Rieder:"Ich bin zu diesem Zeitpunkt knapp zwei Jahre alt und 
habe die Zeit ab meiner Geburt im Zentralkinderheim der Stadt Wien 
verbracht."
    bild: privat

    Annemarie Rieder:"Ich bin zu diesem Zeitpunkt knapp zwei Jahre alt und habe die Zeit ab meiner Geburt im Zentralkinderheim der Stadt Wien verbracht."

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